Moskau/Washington. Es ist ein Aufeinandertreffen, das mit höchster Spannung erwartet wird: Am Dienstag findet eine kurzfristig anberaumte Video-Unterredung zwischen US-Präsident Joe Biden und seinem russischen Gegenüber Wladimir Putin statt. Anlass sind die Spannungen im Ukraine-Konflikt, die bedenkliche Dimensionen erreicht haben.

Die Langzeitkrise hat sich nach Berichten über einen massiven russischen Truppenaufmarsch nahe der ukrainischen Grenze erheblich verschärft. Laut Nato sind mehr als 90.000 russische Soldaten in die Nähe der Grenze vorgerückt. Der Kreml wiederum wirft der Ukraine vor, mehr als 120.000 Soldaten an die Linie zu den prorussischen Separatistenregionen Donezk und Luhansk verlegt zu haben. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, ein militärisches Einschreiten vorzubereiten. Am Freitag berichtete die Zeitung "Washington Post", dass der Plan des Kremls einen Mehrfrontenangriff mit bis zu 175.000 Soldaten umfasse; dieser könne schon im Jänner stattfinden. Zuvor plane Moskau, die Ukraine von innen zu destabilisieren.

Satellitenbilder zeigen laut Nato-Angaben rund 50 russische Kampfbataillone sowie schweres Gerät, Panzer und Geschütze in Grenznähe. Russland entgegnet, dass man auf eigenem Territorium seine Truppen verlegen könne, wohin man wolle. Und Moskau wirft der Nato Provokationen vor: Eine Passagiermaschine der staatlichen Fluggesellschaft Aeroflot habe auf dem Weg von Tel Aviv nach Moskau über dem Schwarzen Meer ihre Flughöhe wegen eines Aufklärungsflugzeugs der Nato ändern müssen. Die Maschine mit 142 Menschen an Bord sei 1.800 Meter nach unten gegangen, um eine Kollision zu verhindern.

Ein direkter Angriff der Ukraine auf Russland wäre zweifellos selbstmörderisch, zu groß ist hier die militärische Unterlegenheit. In Moskau rechnet man auch nicht ernsthaft damit, ist aber besorgt, dass die Nato ihren Wirkungsbereich einmal mehr direkt an die Grenze zu Russland ausweiten könnte.

Biden will Putins "rote Linie" nicht akzeptieren

Moskau wirft der Nato vor, schon jetzt eine "Sonderoperation" durchzuführen, "um die Lage in der Ukraine zu verschärfen". Putin hat zuletzt schriftliche Garantien verlangt, dass die Nato ihre Osterweiterung einstellt. Im Kreml will man zudem verhindern, dass Georgien dem westlichen Verteidigungsbündnis beitritt.

Als sicher gilt, dass Russland im Fall einer Offensive der ukrainischen Streitkräfte in den von Moskau-treuen Separatisten kontrollierten Gebieten in den ukrainischen Regionen Luhansk und Donezk mit militärischer Gewalt reagieren würde. Dort kommt es immer wieder zu Gefechten, UN-Schätzungen zufolge wurden seit Beginn der Kämpfe 2014 mehr als 13.000 Menschen getötet.

Er akzeptiere von niemandem rote Linien, meinte Biden zuletzt auf die Frage, ob er Putins Forderung, dass die Ukraine nicht Mitglied der Nato werden dürfe, entsprechen wolle. Washington ist bestrebt, Moskau in der Ukraine-Frage möglichst wirkungsvoll einzubremsen: "Was ich jetzt mache, ist, das nach meinem Dafürhalten umfassendste und bedeutsamste Bündel an Initiativen zusammenzustellen, um es Herrn Putin sehr, sehr schwer zu machen, weiter voranzuschreiten und das zu tun, worüber die Menschen besorgt sind, das er tun könnte", so Biden wörtlich.

US-Außenminister Antony Blinken hatte zuvor von wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland gesprochen. Es geht darum, so Blinken, die Kosten für eine neuerliche russische Intervention zu erhöhen.

Einen Tag vor dem Videogipfel kamen aus Moskau kritische Töne: Die aktuellen Beziehungen Russlands zur USA seien beklagenswert, so Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Dass es nach der Unterredung im US-russischen Verhältnis wieder bergauf geht, darf bezweifelt werden.(red.)