London. Der wegen einer Reihe von Skandalen angeschlagene britische Premierminister Boris Johnson gerät immer stärker unter Druck. Anlass ist ein Medienbericht über zwei weitere Partys in seinem Amtssitz in der Downing Street. Nicht nur wurden auch diese laut "Daily Telegraph" trotz geltender Corona-Einschränkungen gefeiert, sondern sie fanden auch noch am Vorabend der Beisetzung von Prinz Philip, dem Ehemann von Königin Elizabeth, im vergangenen April statt. Prinz Philip war am 9. April 2021 im Alter von 99 Jahren gestorben. Bis zu seiner Beisetzung am 17. April galt landesweit eine nationale Trauer.

Johnson sah sich am Freitag somit zum zweiten Mal in dieser Woche veranlasst, sich für Partys in seinem Amtssitz zu entschuldigen - diesmal aber sogar direkt bei der Königin. Bei politischen Gegnern, aber auch in den eigenen Reihen stoßen die Vorgänge auf immer weniger Verständnis. Rücktrittsrufe werden lauter.

"Es ist zutiefst bedauerlich, dass dies zu einer Zeit der nationalen Trauer geschah", sagte ein Sprecher Johnsons vor Journalisten. Man habe sich beim Palast entschuldigt. Johnson habe diese Woche bereits betont, dass das Verhalten im Regierungssitz den höchsten Standards entsprechen müsse. Der Sprecher fügte hinzu, der Premierminister sei am besagten Tag der Feiern, dem 16. April, im Landsitz Chequers gewesen.

Alkohol aus dem Supermarkt, Schaukel ruiniert

Erst am Mittwoch hatte sich Johnson im Parlament für seine Teilnahme an einer Gartenparty entschuldigt, die es im Mai 2020 inmitten des ersten Corona-Lockdowns gegeben hatte.

Der Zeitung "Telegraph" zufolge muss es bei den Feiern im April 2021 ausgelassen zugegangen sein. Mitarbeiter sollen in einem nahe gelegenen Supermarkt größere Mengen Alkohol gekauft haben, Musik sei über einen Laptop abgespielt worden, und eine Schaukel von Johnsons Sohn sei zu Bruch gegangen. Das alles soll stattgefunden haben, obwohl zu dem Zeitpunkt pandemiebedingt Grenzen für Zusammenkünfte von Personen unterschiedlicher Haushalte galten. Am Tag nach den Partys in der Downing Street nahm die Queen in der St George’s Chapel Abschied von ihrem Mann, mit dem sie 73 Jahre lang verheiratet gewesen war. Wegen der Corona-Beschränkungen saß sie alleine in einer Bankreihe der Kirche.

Aufgrund der aufgeflogenen Partys steckt Johnson in einer der schwersten Krisen seiner Amtszeit. Diese wird bereits von mehreren anderen Skandalen überschattet, etwa die Verwendung von Spenden bei der Renovierung von Johnsons Dienstsitz.

Parteikollege rät Johnson, "die Bühne zu verlassen"

Während die Opposition längst seinen Rücktritt fordert, rücken inzwischen auch zunehmend Mitglieder der Konservativen Partei von Johnson ab, aus Furcht, sie könnten stellvertretend von ihren Wählern abgestraft werden. "Leider ist die Position des Premierministers unhaltbar geworden", sagte der konservative Abgeordnete Andrew Bridgen, ein ehemaliger Johnson-Unterstützer. "Die Zeit ist reif, die Bühne zu verlassen." Damit das Parlament über Johnsons Zukunft abstimmen kann, müssen 15 Prozent der 360 konservativen Abgeordneten dem Premier ihr Misstrauen aussprechen.