Kein Favorit, kein offizieller Kandidat: Wenn am Montag in Italien die Präsidentenwahl beginnt, wird ein komplexes Prozedere in Gang gesetzt. Über den Nachfolger von Staatsoberhaupt Sergio Mattarella votiert nämlich nicht das Volk, sondern ein Gremium von 1.009 Personen - Vertreter der beiden Parlamentskammern sowie Delegierte der 20 Regionalregierungen. Die Stimmabgabe erfolgt geheim und häufig über mehrere Tage. In den ersten drei Wahlgängen ist eine Zweidrittelmehrheit nötig, um einen Bewerber zu bestätigen, danach genügt die absolute Mehrheit.

Das erschwert nicht zuletzt eine Vorhersage des Wahlausgangs, auch wenn sich die politischen Lager im Vorhinein für einen Favoriten ausgesprochen haben. Einer der aussichtsreichsten Kandidaten wäre Premier Mario Draghi; sein Wechsel an die Staatsspitze würde allerdings einen Regierungsumbau bedeuten.

Eine eigene Kampagne hat der frühere Regierungschef Silvio Berlusconi gestartet, der seine 1994 begonnene politische Karriere mit dem Präsidentenamt krönen wollte. Allerdings musste er nach Konsultationen durch einen Vertrauensmann unter den Parteien feststellen, dass ihm mindestens 100 Stimmen für die nötige Unterstützung fehlen würden. Die Fünf-Sterne-Bewegung, die stärkste Einzelpartei im Parlament, hat gar angekündigt eine Kandidatur des 85-jährigen Medienunternehmers zu boykottieren.

Alternative zu Berlusconi

Das Mitte-rechts-Lager, dem neben Berlusconis Partei Forza Italia die Lega von Ex-Innenminister Matteo Salvini und die oppositionelle Rechtspartei Brüder Italiens (Fratelli d’Italia) angehören, sucht daher nach einem mehrheitsfähigen Bewerber als Alternative. Als Kandidatinnen kommen Berlusconis Parteifreundin und Senatspräsidentin Maria Elisabetta Alberti Casellati sowie die ehemalige Mailänder Bürgermeisterin Letizia Moratti infrage. Ebenfalls könnte die amtierende Justizministerin Marta Cartabia von der Mitte-rechts-Allianz unterstützt werden.

Offen ist noch, wen die Mitte-links-Parteien unter der Regie des Sozialdemokraten Enrico Letta vorschlagen werden.

Die Fünf-Sterne-Bewegung selbst machte zuletzt Druck auf Staatspräsident Mattarella, für eine weitere Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Die Senatoren der Bewegung forderten den 80-Jährigen in einem gemeinsamen Aufruf auf, weiterzumachen. Angesichts der neuen Pandemiewelle, mit der Italien konfrontiert ist, sei politische Stabilität notwendig, argumentieren sie. Die Lösung dafür sei, Draghi als Premier und Mattarella als Präsident im Amt zu belassen. Dieser hatte aber bisher abgewunken.

Eine Kür Draghis zum Staatschef könnte tatsächlich politische Turbulenzen nach sich ziehen. Dann müsste ein neuer Regierungschef bestimmt oder die Parlamentswahl um ein Jahr vorgezogen werden. Das wollen wiederum die Parteien nicht, denn es erscheint durchaus schwierig, einen Nachfolger für das Amt des Premiers zu finden, der wie der 74-jährige Draghi imstande wäre, eine so heterogene Mehrparteienkoalition zusammenzuhalten.

In der italienischen Presse kursieren seit Wochen auch zahlreiche weitere Namen möglicher Kandidaten für den Quirinal, den Präsidentenpalast auf dem gleichnamigen Hügel in Rom. Zu ihnen zählen der derzeitige EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni, der ehemalige christdemokratische Präsident des Abgeordnetenhauses, Pier Ferdinando Casini, sowie der 82-jährige Ex-Premier Giuliano Amato, ein Mitautor der Europäischen Verfassung.

Vermittler in Krisen

Das Staatsoberhaupt in Italien wird für eine Amtszeit von sieben Jahren gewählt und hat weitgehend repräsentative, zeremonielle Aufgaben. Die Funktion hat aber in den vergangenen Jahren immer mehr Gewicht erhalten. So musste Amtsinhaber Mattarella mehrfach eingreifen, um in politischen Krisen zu vermitteln.

Wann sein Nachfolger feststeht, ist noch unklar. Die langwierigste Wahl war die von Giovanni Leone im Jahr 1971, die sich über 16 Tage erstreckte und bei der es 23 Wahlgänge gab.