Fast im Tagesrhythmus werden pikante Details aus dem britischen Regierungsviertel publik, die Premier Boris Johnson in Bedrängnis bringen. Party um Party am Amtssitz Downing Street 10 und Fehlverhalten von Mitarbeitern während diverser Lockdowns werden aufgedeckt. Dazu gehören Gartenpartys, Wein-Einkaufstouren mit Koffern, die Anlieferung eines Wein-Klimaschranks, zerbrochene Kinderschaukeln und Mitarbeiter, die sich darüber lustig machen, wie man die Partys gegenüber Journalisten rechtfertigt.

Jüngster Anstoß waren Kuchen, ein Ständchen und 30 Gäste mitten im Lockdown. Wie der Fernsehsender ITV berichtete, soll Johnsons Frau Carrie im Juni 2020 eine Geburtstagsparty für den konservativen Politiker in dessen Amtssitz organisiert haben. Größere Zusammenkünfte in geschlossenen Räumen waren damals jedoch nicht gestattet.

Seit längerem unter Druck - der britische Premier Johnson. 
  
- © afp / Adrian Dennis

Seit längerem unter Druck - der britische Premier Johnson.

 

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Die Londoner Polizei leitete Ermittlungen aufgrund einiger Veranstaltungen in der Downing Street "im Zusammenhang mit potenziellen Verstößen gegen die Corona-Auflagen" ein. Sie könne bestätigen, dass entsprechende Untersuchungen aufgenommen würden, erklärte die Chefin von Scotland Yard, Cressida Dick, am Dienstag knapp.

Die Einvernahme von Johnson und seinen Mitarbeitern steht damit bevor. Der Premierminister begrüßte die Ermittlungen der Polizei. "Ich glaube, das wird der Öffentlichkeit die Klarheit geben, die sie braucht, und dabei helfen, einen Schlussstrich zu ziehen", erklärte er im Parlament.

Vom Boulevard verhöhnt

Die Reaktionen in der britischen Presse waren allerdings verheerend. Viele Medien platzierten ein Foto Johnsons mit einer Geburtstagstorte auf der Titelseite. Das Boulevardblatt "Sun" höhnte: "You can’t have your birthday cake... and eat it, Boris" – eine Anspielung auf ein englisches Sprichwort, das ins Gegenteil verwandelt als Johnsons Motto gilt. Im Original bedeutet es: Man kann einen Kuchen nicht essen und gleichzeitig für später aufbewahren. Johnson war besonders während der Brexit-Verhandlungen der Meinung, er könne das doch, und wollte die Vorteile der EU-Mitgliedschaft trotz Austritts gerne beibehalten. Brüssel bezeichnete das als Rosinenpicken und blockte die Versuche ab. Für Spott sorgte auch, dass Johnson zu Beginn der Pandemie immer wieder betont hatte, man solle sich so lange die Hände waschen, bis man zweimal "Happy Birthday" gesungen habe.

Zum wiederholten Male ist Johnson mit Rücktrittstrittsaufforderungen konfrontiert. Oppositionschef Keir Starmer von der Labour Party kritisierte die Regierung als "chaotisch und steuerlos". Eine parteiinterne Revolte konnte Johnson aber kürzlich abwehren. Es kamen nicht genügend Stimmen zusammen, um im Parlament die Vertrauensfrage zu stellen. Insider halten jedoch ein Misstrauensvotum inzwischen für unausweichlich. Johnson lehnt einen Rücktritt kategorisch ab.

Wenn der interne Untersuchungsbericht zu Lockdown-Partys in der Downing Street veröffentlicht wird, könnte der Druck aber zu groß werden. Durch die polizeilichen Ermittlungen wird sich der Report jedoch verzögern. Ursprünglich war in dieser Woche mit der Veröffentlichung gerechnet worden.

Als Nachfolger Johnsons bringen sich derweil Außenministerin Liz Truss und Finanzminister Rishi Sunak sowie der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Unterhaus, Jeremy Hunt, in Stellung. Truss gilt zwar als Liebling der Brexit-Anhänger, hat jedoch in der Bevölkerung nicht den besten Ruf. Schatzkanzler Sunak konnte während der Pandemie mit dem großzügigen Programm zur Kurzarbeit punkten. Als Schwiegersohn eines indischen Milliardärs gilt er aber als wenig geeignet, um die von Johnson erfolgreich umworbene Arbeiterschaft im Norden Englands zu begeistern. Jeremy Hunt werden allenfalls Außenseiterchancen eingeräumt. (reu/dpa/red)