Es ist ein wenig paradox: Im vergangenen Frühjahr noch war es die bedrohte Ukraine, die wegen eines russischen Truppenaufmarsches an ihrer Ost- und Südgrenze ihre westlichen Verbündeten alarmierte. Seit im Spätherbst abermals russische Truppen an den ukrainischen Grenzen aufmarschieren, ist es umgekehrt: Diesmal ist es der Westen, sind es vor allem die USA, die aufgrund von Erkenntnissen ihrer Geheimdienste seit Monaten Alarm schlagen.

In Kiew gibt sich hingegen nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die hohe Politik rund um Präsident Wolodymyr Selenskyj betont entspannt. In mehreren Ansprachen an die Nation hat Selenskyj an die Bevölkerung vor allem eine Parole ausgegeben: keine Panik. Die Situation, so seine Botschaft, unterscheide sich nicht wesentlich von der, in der die Ukraine seit der Annexion der Krim und dem Beginn des Krieges im Donbass 2014 steckt. Die Bevölkerung möge Ruhe bewahren und weiter ihrem Alltag nachgehen. Das Land sei für den Ernstfall gerüstet.

Ein Grund dafür, warum Selenskyj angesichts der doch dramatischen Bedrohung seines Landes nicht Alarm schlägt, könnte in Informationen liegen, die er aus Moskau empfangen hat. Beobachter in Kiew wollen wissen, dass dem Leiter seiner Präsidialadministration, Andrij Jermak, von dort signalisiert wurde, dass der russische Truppenaufmarsch nicht der Vorbereitung für einen Angriff dient, sondern eine Drohkulisse gegenüber dem Westen darstellt, um die geforderten Sicherheitsgarantien zu erreichen.

Das dürfte aber nicht der einzige Grund für Selenskyj sein, den Ball, was einen möglichen Krieg mit Russland betrifft, flach zu halten. Es geht auch um die ukrainische Wirtschaft, die unter den Kriegsdrohungen leidet.

Verkäufe von Eurobonds

So hat etwa die Landeswährung Hryvnja in den letzten drei Wochen rund 10 bis 15 Prozent an Wert verloren. Ein Grund dafür war auch, dass viele ausländische Käufer in Euro denominierter ukrainischer Bonds die Nerven weggeschmissen und ihre Staatsanleihen verkauft haben. Dabei ging es für die Ukraine um Milliardenbeträge, denn ukrainische Anleihen sind mit rund 12 Prozent attraktiv verzinst. Die Meldungen von einem möglichen russischen Angriff haben diese Investoren in ukrainische Eurobonds verschreckt und zur Flucht bewegt. Da ist es für Selenskyj sinnvoll, Signale der Ruhe auszusenden.

Mittlerweile hat sich die Fluchtbewegung tatsächlich wieder abgeschwächt und die Hryvnja sich auf niedrigem Niveau stabilisiert: Die diplomatischen Aktivitäten wecken Hoffnung.

Dass über der Ukraine immer wieder das Damoklesschwert eines drohenden Krieges schwebt, schadet der ukrainischen Wirtschaft jedenfalls nachhaltig. "Es ist wohl eines der Ziele des Kremls, die Unsicherheit zu erhöhen und so die Entwicklungsaussichten der ukrainischen Wirtschaft zu minimieren", sagt Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Investoren zögern

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" berichtet sie, dass in Kiew nicht nur die wenigen ausländischen Investoren nervös werden. Auch ukrainische Unternehmer zögern angesichts der schwer voraussagbaren Lage. "Viele legen derzeit ihre Investmentpläne auf Eis", sagt Pindyuk. Sowohl Unternehmer als auch Konsumenten geben kaum Geld für dauerhafte Investitionen aus. Die Unsicherheit hält auch mögliche Investoren aus dem Ausland ab.

"Diese Unsicherheit kann sich über Monate oder auch Jahre fortsetzen. Niemand weiß, welches Spiel der Kreml spielt", analysiert Pindyuk. Wenn sich die jetzige Situation noch ein oder zwei Jahre fortsetze, könne die Ukraine nur auf eines hoffen: auf finanzielle Hilfe der EU oder des Internationalen Währungsfonds (IWF).