Es waren Tage, die niemand vergessen kann, der dabei war. Mykola - wir wollen ihn Mykola nennen - stockt, wenn er an den 20. Februar 2014 denkt, die Stimme. Er hüstelt, hält inne. Der ukrainische Mitarbeiter einer westlichen Stiftung in Kiew hatte schon aus beruflichen Gründen die Ereignisse auf dem Maidan, dem zentral gelegenen Hauptplatz von Kiew, täglich verfolgt. Er hatte beobachtet, wie sich die Proteste gegen die Nichtunterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU im November 2013 zu einer Aufstandsbewegung gegen den kleptokratischen, vergleichsweise russlandfreundlichen Präsidenten Wiktor Janukowitsch entwickelten. Wie sich die Proteste nach brutalen Polizeieinsätzen im November und Dezember rasch zu einer Massenbewegung ausweiteten. Wie sie dann stockten, ehe es Mitte Jänner erneut losging und sich die Demonstranten mit Schilden und Katapulten bewaffneten, was anfangs noch an Requisiten aus einem Asterix-Film erinnerte.

Bald gab es dann aber die ersten Toten. Der Weg zurück zu einem Kompromiss war damit wohl endgültig versperrt. Der Maidan, auf dem immer stärker rechtsradikale Truppen die Führung übernahmen, wollte den Sturz Janukowitschs. Diesem ging es darum, an der Macht zu bleiben. Und dann: der 20. Februar.

Menschen als Zielscheiben

"Ich habe", sagt Mykola und schluckt, als er der "Wiener Zeitung" über diese dramatischen Tage berichtet, "ich habe mehrere Leichen gesehen." Kopfschüsse, Schüsse in die Brust. Mykola muss beim Sprechen innehalten, entschuldigt sich: "Ich habe Erinnerungen im Kopf", sagt der Mann, der heute in Deutschland lebt und aus beruflichen Gründen nicht mit richtigem Namen zitiert werden darf.

Die Kämpfe auf dem Maidan wurden ab Mitte Jänner - hier ein Bild vom 22. Jänner 2014 - immer intensiver. 
- © APAweb / afp, Sergei Supinsky

Die Kämpfe auf dem Maidan wurden ab Mitte Jänner - hier ein Bild vom 22. Jänner 2014 - immer intensiver.

- © APAweb / afp, Sergei Supinsky

Mehr als 100 Menschen wurden bei den Ereignissen auf dem Maidan getötet, darunter auch knapp 20 Polizisten. Die Bilder von den Toten und Verwundeten inmitten brennender Autoreifen und beißenden Rauchs gingen um die Welt. Und auch die Videos, auf denen man sah, wie Demonstranten, mit selbst gebastelten Schilden und Helmen nur unzureichend vor Kugeln geschützt, auf der "Instytutska"-Straße der Reihe nach zu Zielscheiben wurden, taumelten, sich noch kurz weiterschleppten, dann umfielen.

Dieser Teil der Straße zwischen dem Maidan und den Regierungsgebäuden auf einem der Hügel Kiews, den die Demonstranten stürmen wollten, heißt heute "Allee der Helden der Himmlischen Hundertschaft". Der Ausdruck verweist dabei einerseits auf den Umstand, dass die Janukowitsch-Gegner in Hundertschaften organisiert gegen die berüchtigte Sondereinheit "Berkut" anrannten. Aber auch auf die sakrale Dimension des Geschehens: Um die getöteten Demonstranten hat sich in der Ukraine nämlich bald eine Art Heiligenverehrung gebildet.

Schnelle Schuldzuweisung

Kein Wunder: Die jungen Männer hatten für die Ausrichtung der Ukraine auf die EU hin ihr Leben gegeben, sie hatten verhindert, dass sich Russlands Präsident Wladimir Putin durchgesetzt hat - auch wenn Putin kurz danach mit seiner Annexion der Krim zurückgeschlagen hat und bis heute die Rebellen im Russland-freundlichen Donbass stützt. Seit 2015 wird ihrer an jedem 20. Februar offiziell gedacht, es gibt einige Denkmäler im Land. Für die neue, prowestliche Post-Maidan-Ukraine ist die Geschichte von den mutigen jungen Männern, die von der Polizei niedergemäht wurden, ein wichtiger, ja der zentrale Gründungsmythos.

Unter den Denonstranten auf dem Maidan befanden sich auch viele Frauen - selbst Mitte Februar noch, als schon Lebensgefahr herrschte. 
- © APAweb / afp, Genya Savilov

Unter den Denonstranten auf dem Maidan befanden sich auch viele Frauen - selbst Mitte Februar noch, als schon Lebensgefahr herrschte.

- © APAweb / afp, Genya Savilov

Zuvor war die Ukraine ein zwischen West und Ost zerrissenes Land. Während eine Ausrichtung auf die EU hin auch vor dem Maidan mehrheitlich befürwortet wurde, wurde etwa ein Nato-Beitritt in Umfragen von 60 Prozent der Ukrainer abgelehnt. Heute ist die Spaltung zwar noch immer da, das prowestliche Lager hat jetzt allerdings das, was es nie hatte: ein eindeutiges Übergewicht - schon aufgrund des Umstands, dass die prorussische Krim und der Donbass weggefallen sind und die Politik Putins die Nation zusammenschmiedete.

Dabei ist das, was am 20. Februar und in den Tagen davor und danach geschah, immer noch von Rauch umgeben. Schnell, zu schnell präsentierte eine Kommission unter der Leitung eines Staatsanwalts der nationalistischen Swoboda-Partei 2014 Untersuchungsergebnisse, die alle Schuld an dem Massaker der Berkut-Einheit zuschanzten.

Die Bilder, die um die Welt gingen, vermittelten ein fast schon apokalyptisch anmutendes Szenario. 
- © APAweb / afp, Piero Quaranta

Die Bilder, die um die Welt gingen, vermittelten ein fast schon apokalyptisch anmutendes Szenario.

- © APAweb / afp, Piero Quaranta

An dieser Darstellung kamen jedoch rasch Zweifel auf. Schließlich hatten auch genug Polizisten ihr Leben verloren. Der damalige Oppositionspolitiker Andrij Schewtschenko, der selbst auf dem Maidan war, erklärte der britischen BBC in einem TV-Bericht ein Jahr nach dem Massaker, er habe am Morgen des 20. Februar einen Anruf von einem befreundeten Polizeikommandanten bekommen. Dieser berichtete von Schüssen auf seine Leute vom Gebäude des Konservatoriums aus und bat den prowestlichen Maidan-Politiker Schewtschenko, etwas dagegen zu unternehmen. Bald tauchte außerdem auch ein Audiomitschnitt von Berkut-Polizisten auf. Auf ihm war eine erregte Unterhaltung von Polizisten zu hören, von denen einer berichtete, man werde aus unbekannter Richtung beschossen.

Wilde Theorien

Das Konservatorium befand sich an jenem Tag allerdings unter Kontrolle von Einheiten des Maidans, deren Einsatz die rechtsextremen Politiker Andrij Parubij und Dmytro Jarosch, der Chef der Einheit "Rechter Sektor", kontrollierten. Die BBC konnte auch einen Schützen ausfindig machen. Der Mann, der seine Aussage anonym tätigte, gab an, dass man ihn bereits im Jänner als potenziellen Scharfschützen rekrutierte. Man bot ihm ein Jagdgewehr an, ehe er hinter einer Säule vom Gebäude des Konservatoriums aus auf Polizisten schoss.

Der Mann gab freilich auch an, er habe nur auf die Füße gezielt und niemanden erschossen. Ähnliches behaupten auch Angehörige der Sondereinheit Berkut, die sich nach den Schüssen auf sie in Richtung Regierungsviertel auf den Hügel zurückzogen. Auch deren Behauptung wirkt wenig glaubwürdig: Dass die Berkut-Einheit Demonstranten erschossen hat, als diese sich dem Hügel näherten, dürfte gesichert sein - zumal es dazu Untersuchungsergebnisse gibt.

Die Frage, wer die Scharfschützen waren, die das Massaker auslösten, ist freilich bis heute nicht zur Gänze geklärt. "Die Untersuchung zu den Ereignissen auf dem Maidan läuft seit 2014", sagt Mykola. Abgeschlossen sei sie allerdings nicht. Es dringt auch kaum etwas aus den Untersuchungen an die Öffentlichkeit, sagt der prowestliche Ukrainer, der der Meinung ist, dass die Scharfschützen das Massaker bewusst provoziert haben.

Am Ende hatte die Revolution gesiegt: Hier Einheiten des Maidans, die das ukrainische Parlament nach dem Sturz von Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch bewachen. 
- © APAweb / afp, Sergei Supinsky

Am Ende hatte die Revolution gesiegt: Hier Einheiten des Maidans, die das ukrainische Parlament nach dem Sturz von Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch bewachen.

- © APAweb / afp, Sergei Supinsky

Allein ist er damit nicht. Theorien, wer "wirklich dahintersteckt", gibt es wie bei jedem einschneidenden Ereignis viele. Während Russland von einem US-amerikanischen Komplott mithilfe ukrainischer Faschisten spricht, tauchte in der Ukraine rasch die These auf, die Schützen, die offenbar nicht nur vom Konservatorium, sondern auch vom Hotel Ukraina aus geschossen haben, seien russische Sniper gewesen, die von Putins Intimus Wladislaw Surkow befehligt worden seien. Immerhin hat Janukowitsch zu Putin ja in jenen Tagen intensiven Kontakt gehabt.

Auf die lange Bank geschoben?

"Ausschließen kann man das zwar nicht ganz", sagt Mykola. "Aber es ist doch sehr unwahrscheinlich", meint er. Mykola weist auf den Umstand hin, dass die Untersuchungen immer noch laufen: "Es gab schon viele Staatsanwälte, die das Ganze untersucht haben", sagt er, "mehrere Teams haben sich da abgewechselt." Nachvollziehbare Gründe für die Wechsel konnte der Politologe dabei nicht erkennen, was für ihn den Verdacht nahelegt, dass die Untersuchungen auf die lange Bank geschoben worden sind. "Das Interesse, das Massaker endlich lückenlos aufzuklären, hält sich in engen Grenzen."

Das gilt mittlerweile auch für viele Ukrainer. Die Geschichte von der "Himmlischen Hundertschaft" ist gerade in dem gegenwärtigen Konflikt mit Russland ein zentraler Heldenmythos, der die Nation zusammenschweißt. Niemand, am allerwenigsten die Regierenden, hat in der jetzigen Situation Interesse an zu vielen Fragen. "Es gibt freilich eine kleine Gruppe, die immer noch nachbohrt", sagt Mykola: Die Angehörigen der gefallenen Polizisten, deren Söhnen und Brüdern auch der Heldenstatus fehlt. "Aber ihre Stimme ist zu leise, um gehört zu werden."