Im März 2014 war die Begeisterung in Russland noch groß: Nach dem Sturz des vergleichsweise russlandfreundlichen Präsidenten Wiktor Janukowitsch in der Ukraine hat Russlands Staatschef Wladimir Putin in einem Handstreich die ukrainische Halbinsel Krim besetzen lassen. Es gab keine Toten, die verdutzten ukrainischen Soldaten blieben in ihren Kasernen. Russische Soldaten, die als berüchtigte "grüne Männchen" ohne Hoheitszeichen auftraten, nahmen die Halbinsel in Besitz. Putin inszenierte die Annexion der Krim als friedliche nationale Wiedervereinigung. Geschadet hat ihm der Coup in Russland nicht - ganz im Gegenteil: Seine Zustimmungswerte lagen danach zeitweilig bei 80 Prozent, so hoch wie nie zuvor und danach.

Die Einverleibung der Krim wurde auch innenpolitisch zu einem Atout für den russischen Präsidenten. Kein Wunder: Mit der Krim verbinden viele Russen unbeschwerte Sommerurlaube am Schwarzmeerstrand zu Sowjetzeiten. Aber auch heroische Schlachten, nicht nur im Zweiten Weltkrieg, sondern schon zur Zarenzeit im Krimkrieg. Die "Heldenstadt Sewastopol" ist tief im historischen Gedächtnis der Russen eingegraben.

In Kiew wird vor der russischen Botschaft  gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin demonstriert. 
- © APAweb / afp, Sergei Supinsky

In Kiew wird vor der russischen Botschaft  gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin demonstriert.

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Damit vermögen die selbsternannten ostukrainischen Volksrepubliken von Donezk und Luhansk, der Anlassfall für den breitflächigen russischen Angriff auf die Ukraine, nicht zu konkurrieren: "Die Bedeutung des Donbass", sagt Russland-Experte Alexander Dubowy, "ist für die russische Gesellschaft gleich null." Der patriotische Konsens, der Russland im Jahr 2014 ergriff, könne diesmal nicht wiederholt werden, sagt der Osteuropa-Kenner der "Wiener Zeitung".

73 Prozent für Anerkennung

Auch der Politologe Gerhard Mangott sieht eine völlig veränderte Situation im Vergleich zur Krim-Annexion: "Die russische Bevölkerung hat viel stärkere emotionale Bindungen zur Krim als zum Donbass. Bei der Annexion der Krim hatten viele das Gefühl, es werde die historische Ungerechtigkeit, dass die Krim der Ukraine zugeschlagen wurde, wieder gutgemacht. Das ist jetzt anders. Der Donbass ist zwar auch mit der Geschichte des Zarenreiches verbunden. Er emotionalisiert aber nicht so stark", erklärt Mangott im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Dennoch scheinen die meisten Russen der Darstellung in den russischen Staatsmedien, die von Massengräbern und einem Genozid im Donbass sprechen, zu glauben: "Nur vier Prozent der Bevölkerung geben der eigenen Regierung die Schuld an den Ereignissen. Aber 51 Prozent sehen den Westen, insbesondere die USA, als Urheber der Krise", berichtet Mangott von Daten, die vor dem russischen Angriff gemacht wurden. Und Dubowy verweist auf eine Umfrage, wonach 73 Prozent der Russen die Anerkennung der Donbass-Republiken unterstützen - weist aber zugleich darauf hin, dass das Meinungsforschungsinstitut Wziom, das die Daten erhob, staatsnah ist. Das Bild könnte also auch anders aussehen.

Der Umstand, dass in der Ukraine rechtsextreme Vereinigungen wie das Asow-Bataillon (Bild) seit der Maidan-Revolution und dem Krieg im Donbass eine gewisse Rolle spielen, ist für Moskau eine Steilvorlage: Russische Medien stellen die ukrainische Regierung als faschistisch und US-hörig dar. 
- © APAweb / afp, Sergei Supinsky

Der Umstand, dass in der Ukraine rechtsextreme Vereinigungen wie das Asow-Bataillon (Bild) seit der Maidan-Revolution und dem Krieg im Donbass eine gewisse Rolle spielen, ist für Moskau eine Steilvorlage: Russische Medien stellen die ukrainische Regierung als faschistisch und US-hörig dar.

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Ein Grund dafür, dass Putins Kurs zumindest vor dem heutigen Angriff weiter Unterstützung erfuhr, ist, wie Dubowy ausführt, dass der Großteil der russischen Bevölkerung sich hauptsächlich über das Staatsfernsehen informiert. "Und in dem wird die Ukraine seit 2014 als eine Art US-Kolonie und als oligarchisch-ultranationalistisches, faschistisches Regime dargestellt, wo Nazis die Entscheidungen beeinflussen." Diese jahrelange propagandistische Berieselung, sagt Dubowy, habe Auswirkungen - zumal nur etwa ein gutes Viertel der russischen Staatsbürger über Reisepässe verfügt und auch dieses Viertel oft keine Europareisen gemacht hat. Es entspricht auch der Erzählung, die der russischen Bevölkerung jetzt aufgetischt wird: Man müsse die Ukraine mit dem Militärschlag "entnazifizieren und demilitarisieren", wie Putin erklärte.

"Wäre ein Pyrrhussieg"

Dennoch ist es sehr fraglich, ob die nunmehrige Entscheidung zum Krieg in Russland eine Hurra-Stimmung auslösen kann. Putin könnte einiges riskieren. "In Umfragen stieß die Idee eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine vor dem Angriff auf deutliches Unbehagen", verweist Mangott auf die vielen Verflechtungen zwischen den beiden Ländern. "Auf beiden Seiten haben viele Familien Verwandte im jeweils anderen Land. Und auch Putin und seine Medien sprechen von den Ukrainern ja immer wieder als Brudervolk", sagt der Osteuropa-Experte. Die Großinvasion der Ukraine, die jetzt gestartet wurde, könnte aber beträchtliche Opfer fordern. "Das ist kein Spaziergang für Russlands Armee, kein Fünf-Tage-Krieg wie 2008 in Georgien", setzt Dubowy hinzu. "Russland kann diesen Krieg gewinnen. Es wäre aber ein Pyrrhussieg." Zieht sich der nun begonnene Krieg länger hin, zeigen sich beide Experten überzeugt, und fordert er viele Opfer, was sehr wahrscheinlich ist, könnte der Angriff auf die Ukraine auch Putins Herrschaft gefährden. Dies auch deshalb, weil schon der Einmarsch in den Donbass, wie Dubowy berichtet, in Russlands Führungselite nicht unumstritten war. Putin begibt sich auf dünnes Eis.