Moskau. Über Wladimir Putin weiß man ziemlich viel. Es gibt Geschichten darüber, wie er sich nach seiner Rückkehr aus Dresden, wo er bis 1990 als Spion des sowjetischen Geheimdienstes stationiert war, ein Zubrot als Taxifahrer verdienen musste. Oder darüber, wie er als Schulhof-Rowdy seine Mitschüler drangsalierte.

Und natürlich gibt es die sattsam bekannten Erzählungen über Putins politischen Aufstieg. Von seiner Zeit als Vizebürgermeister in St. Petersburg, vom jungen Präsidenten, dessen Annäherungsversuche an den Westen schroff zurückgewiesen wurden, und vom rücksichtslosen Kriegsherren, der sich mit Truppen und Söldnern in allen Weltgegenden Einfluss und Geltung zu verschaffen versucht.

Hingegen kaum bekannt ist, wie Putin seine Entscheidungen trifft. Die Diskussionsprozesse im Kreml dringen - sofern es sie überhaupt in einem substanziellen Ausmaß gibt - kaum nach außen. Was im Kreml geschieht, bleibt auch im Kreml. Klar scheint nach der diese Woche im Fernsehen übertragenen Sitzung im Sicherheitsrat aber zu sein, dass es ausschließlich Putin ist, der die Entscheidungen trifft: Die höchsten politischen Würdenträger des Landes saßen dabei mit gehörigem Respektabstand vor dem Präsidenten aufgereiht und mussten Putin - wie bei der Schulabschlussprüfung - Rede und Antwort stehen. Machte einer einen Fehler oder drückte sich missverständlich aus, so wurde er so wie Auslandsgeheimdienst-Chef Sergej Naryschkin demütigend abgekanzelt.

Die Falken im Kreml, zu denen neben Naryschkin auch Verteidigungsminister Sergej Schoigu und der Nationale Sicherheitsberater Nikolaj Patruschew gehören, scheinen trotz eines in vielen Fällen gleichlaufenden Weltbildes also nicht notwendigerweise einen privilegierten Zugang zu Putin zu haben. Viel eher wirkt es, als habe der 68-Jährige seine Rolle als über allen Dingen stehender Solitär durchsetzen können, der einmal den Argumenten der in den 1970er-Jahren in der Sowjetunion sozialisierten Falken zugeneigt ist und dann wieder auf Seiten von pragmatischen Technokraten wie Premierminister Michail Mischustin steht, letztendlich aber alle Entscheidungen alleine und isoliert trifft.

Auch die steinreichen Oligarchen dürften kaum Einfluss auf Putin haben. In ihrem Buch "Putins Netz" beschreibt die Autorin Catherine Belton detailliert, wie der ehemalige KGB-Offizier alle zu selbstbewussten Geschäftsleute auf die Seite geschoben hat. Und das Schicksal Michail Chodorkowskis, der in den Nuller-Jahren Putin kritisierte und schließlich im Straflager landet, ist den Oligarchen bis heute eine Warnung.