Der russische Präsident Wladimir Putin führt nicht nur einen Angriffs-, sondern auch einen Psychokrieg gegen die Ukraine. Er bezeichnete die Mitglieder der ukrainischen Regierung als "Bande von Drogenabhängigen und Neonazis" und rief die ukrainische Armee auf, diese zu stürzen. Zuvor hatte er die ukrainischen Streitkräfte aufgefordert, sich zu ergeben.

Doch damit scheint Putin überhaupt nicht durchzukommen. Vielmehr sind seine Soldaten bei ihrem Vormarsch trotz ihrer militärischen Übermacht mit erbittertem Widerstand konfrontiert - was sich derzeit beim Versuch der Einnahme von Kiew zeigt, das die ukrainische Armee mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigt.

Bisher ist es der russischen Armee nicht gelungen, die Hauptstadt einzunehmen. Im Zentrum waren Explosionen und Gefechtslärm zu hören, die offenbar von Kämpfen am Stadtrand stammten. Mit der Zeit rückten die Gefechte aber offenbar auch immer näher an das Zentrum heran. Heftige Kämpfe gab es auch um ein Wasserkraftwerk im Norden der Stadt, wobei verschiedene Meldungen vorlagen und so unklar blieb, ob dies in den Händen der Ukrainer oder Russen war. Zudem wurde nach russischem Beschuss ein Hochhaus getroffen. Mindestens vier Etagen auf einer Seite des Hauses wurden dabei zerstört, wie Bilder zeigten. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko wurden allein in Kiew in der Nacht zum Samstag 35 Verletzte gezählt, darunter zwei Kinder.

Von Geschossen getroffenes Hochhaus. 
- © AFP / Genya Savilov

Von Geschossen getroffenes Hochhaus.

- © AFP / Genya Savilov

Zudem hatten sich die Ukrainer auf den Straßen- und Häuserkampf vorbereitet. Zahlreiche Checkpoints wurden eingerichtet  und nach Angaben der Behörden rund 18.000 Waffen an Freiwillige verteilt. Zur Waffe griffen vor der Kamera unter anderem Ex-Präsident Petro Poroschenko und Bürgermeister Klitschko.

"Ruhm der Ukraine"

Präsident Wolodymyr Selenskyj, der laut Geheimdienstinformationen von Russland zum Ziel Nummer eins erklärt wurde, meldet sich immer wieder mit neuen Videobotschaften, um den Durchhaltewillen seiner Landsleute zu stärken. "Wir werden die Waffen nicht niederlegen, wir werden unseren Staat verteidigen", sagte er in dem Video, in dem er offenbar vor seinem Amtssitz in Kiew stand. Er selbst werde in Kiew bleiben. Zudem wünsche er "allen einen guten Morgen." Er wolle kursierende Falschnachrichten widerlegen, wonach er das Land verlassen habe. "Ich bin hier." Das Land müsse verteidigt werden. "Ruhm der Ukraine!" 

Schon am Freitagabend hatte sich Selenskyj in einem kurzen Videoclip mit Regierungschef Denys Schmyhal und weiteren ranghohen Politikern auf einer Straße in der ukrainischen Hauptstadt gezeigt. "Wir sind alle hier", sagte er.

Die Behörden warnten unterdessen vor Straßenkämpfen in der ukrainischen Hauptstadt. "Auf den Straßen unserer Stadt laufen jetzt Kampfhandlungen. Wir bitten darum, Ruhe zu bewahren und maximal vorsichtig zu sein!", hieß es in der Mitteilung am Samstag. Wer in einem Bunker sei, solle dort bleiben. Im Fall von Luftalarm sollten die Menschen den nächsten Bunker aufsuchen. Die Stadt veröffentlichte eine Karte dazu.

"Wenn Sie zuhause sind, dann gehen sie nicht ans Fenster, gehen sie nicht auf die Balkone." Die Menschen sollten sich etwa auch abdecken, um sich vor Verletzungen zu schützen. In Kiew gilt eine Ausgangssperre von 22.00 Uhr 07.00 Uhr morgens.

Der frühere ukrainische Botschafter in Österreich, Olexander Scherba, zog einen Vergleich zum deutschen Russland-Feldzug im Zweiten Weltkrieg. "Russen, erinnert ihr euch an den Winter 1941, als das heldenhafte Volk die Nazi-Horden vor Moskau aufhielt? Heute hat das heldenhafte Volk eure Horden bei Kiew aufgehalten. Und ihr wisst, was als nächstes passiert", sagte er in Anspielung auf den weiteren Verlauf des Weltkriegs. (red/apa/reuters)