Der Angriff auf die Ukraine ist für Russlands Präsident Wladimir Putin ein Vabanquespiel: Anders als beim nur wenige Tage dauernden Blitzkrieg gegen Georgien 2008 handelt es sich bei den Ukrainern in russischer Sicht um ein Brudervolk. Putin selbst sprach jüngst immer wieder davon, dass Russen und Ukrainer "ein Volk" seien. Man schießt also in russischer Sicht gewissermaßen auf sich selbst, bombardiert viele Russischsprachige, eigene Leute. Dazu ist die Ukraine nach Russland der größte in Europa liegende Staat und keineswegs so rasch niederzuwerfen wie Georgien. Die ukrainischen Soldaten sind zudem hoch motiviert, sie verteidigen ihr Heimatland. Den russischen Angreifern hingegen soll Berichten zufolge erst kurz vor der Invasion mitgeteilt worden sein, dass sie nicht nur zu Manövern, sondern aufs Schlachtfeld geschickt werden.

All das könnte sich negativ auf die Kampfmoral russischer Soldaten auswirken. Und das könnte ein Grund für eine Entwicklung sein, die die USA beobachtet haben wollen: Ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums berichtete, dass der Vormarsch der russischen Streitkräfte in der Ukraine nicht so schnell vonstattengeht wie geplant. "Sie treffen auf mehr Widerstand, als sie erwartet haben", sagte der Vertreter des Pentagons. Besonders im Norden, bei den intensiven Kämpfen um die Hauptstadt Kiew, würden die russischen Truppen auf erbitterten Widerstand stoßen. Russland halte allerdings noch Truppen zurück, setzte er einschränkend hinzu. Es setze bei der Invasion nur knapp mehr als die Hälfte jener Truppen ein, die in die Region um die Ukraine verlegt worden seien. Kiew ist es auch, wo sich die wohl intensivsten Kämpfe abspielen - kein Wunder, ist doch eines der Hauptziele des russischen Präsidenten Wladimir Putin, seinen ukrainischen Amtskollegen Wolodymyr Selenskyj und seine Regierung abzusetzen, die er als "Bande von Drogenabhängigen und Neonazis" bezeichnete.

Bei den Angriffen der russischen Armee sind laut den ukrainischen Behörden bisher 198 Zivilisten getötet worden. Unter den Todesopfern seien drei Kinder, erklärte Gesundheitsminister Wiktor Ljaschko am Samstag auf Facebook. Zudem seien 1.115 Menschen verletzt worden, darunter 33 Kinder. Diese Angaben lassen sich von unabhängiger Seite kaum überprüfen. Das UNO-Menschenrechtsbüro hatte am Freitag von Berichten über 25 getötete und 102 verletzte Zivilisten gesprochen. Die überwiegende Mehrheit der Fälle sei aus Gebieten gemeldet worden, die von der ukrainischen Regierung kontrolliert werden, sagte eine Sprecherin.

Streit um Bereitschaft zu Friedensverhandlungen

Parallel zu den Kämpfen ergab sich zwischen Russland und der Ukraine am Samstag auch ein Streit über die Bereitschaft zu möglichen Friedensverhandlungen. Der Kreml behauptete, die Ukraine habe am Samstag solche Verhandlungen mit Russland abgelehnt. Daher werde der "Vormarsch der wichtigsten russischen Streitkräfte" wieder aufgenommen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Die ukrainische Führung dementierte: "Ihre Kommentare, dass wir Verhandlungen abgesagt hätten, sind lediglich Teil ihrer Taktik", sagte Präsidentenberater Mychajlo Podolak einer Mitteilung zufolge.

Die Offensive will Russland will trotz westlicher Sanktionen nicht abbrechen. Ex-Präsident Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats (der Vorsitzende ist Putin selbst), erklärte am Samstag im Sozialen Netzwerk Vkontakte: "Die Militäroperation zum Schutz des Donbass wird vollständig und bis zum Erreichen aller Ergebnisse durchgeführt. Nicht mehr und nicht weniger." Daran änderten auch die Strafmaßnahmen des Westens nichts.

Medwedew als Hardliner

Medwedew, früher so etwas wie das liberale Gesicht Russlands und eine Hoffnung für Putin-Kritiker auf eine Zukunft mit weniger Repression, mauserte sich inzwischen zum Hardliner. Er bezeichnete die Sanktionen des Westens als "politische Ohnmacht, die sich aus der Unfähigkeit ergibt, den Kurs Russlands zu ändern". "Jetzt werden wir von überall vertrieben, bestraft, verängstigt, aber wir haben wieder keine Angst", sagte der Putin-Vertraute. Russland werde "spiegelbildlich" antworten. Überhaupt, so der aus einer liberalen Petersburger Familie stammende Politiker, brauche sein Land keine diplomatischen Beziehungen zum Westen. Es sei an der Zeit, "Botschaften mit Schlössern zu verschließen". Auch über eine Wiedereinführung der Todesstrafe für besonders schwere Verbrechen, wie es sie in Weißrussland gibt, will Medwedew nachdenken.

An Tag drei der russischen Ukraine-Invasion haben sich beide Seiten Gefechte um die Hauptstadt Kiew und andere Städte geliefert. Kämpfe gab es auch um Odessa, Mariupol und andere Städte im ganzen Land. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief seine Landsleute in Videobotschaften am Samstag zur Abwehr russischer Angriffe auf. Er postete am Freitagabend ein Video, das ihn mit seinen Kabinettskollegen zeigte. "Wir sind hier", sagte Selenskyj, um Gerüchte über ein mögliches Verschwinden des Präsidenten aus Kyiv oder der Ukraine zu dementieren. Auch am Samstagmorgen drehte Selenskyj ein kurzes Video, das ihn vor dem Präsidentenpalast zeigte, der im Visier der russischen Angreifer ist.

Der ehemalige Schauspieler, der nun unversehens zur historischen Figur in der Ukraine wurde, forderte die Aufnahme seines Landes in die EU. Das ist derzeit ein aussichtsloses Unterfangen.

Unterstützung aus den USA

Die US-Regierung stellt Kiew bis zu 350 Millionen US-Dollar (312 Mio. Euro) zur "sofortigen Unterstützung der Verteidigung der Ukraine" zur Verfügung. Die militärische Unterstützung werde helfen, sich gegen die Bedrohungen durch Panzer und aus der Luft zu wehren, erklärte US-Außenminister Antony Blinken am Samstag.

Bei einer Geberkonferenz für die Ukraine sagten nach britischen Angaben rund zwei Dutzend Staaten "militärische und humanitäre Hilfe" zu. Etwa die Niederlande, die rund 200 Stinger-Flugabwehrraketen an die Ukraine liefern, wie die niederländische Regierung dem Parlament am Samstag in Den Haag mitteilte. Die Regierung reagiere damit auf ein Ersuchen der Ukraine. Die sogenannten Stinger-Raketen können zum Beispiel Flugzeuge und Helikopter treffen. Bereits in der vergangenen Woche hatten die Niederlande der Lieferung von Waffen und militärischen Gütern zugestimmt. Dazu gehörten 100 Scharfschützengewehre mit 30.000 Stück Munition sowie Radargeräte und Minen-Detektoren. Ein Teil davon sei am Samstag verschickt worden, der Rest solle so schnell wie möglich folgen. Die Niederlande hätten allerdings ebenso wie auch andere Verbündete "logistische" Probleme.

Was die militärische Lage betrifft, wurden in der Nacht und in der Früh Gefechte aus Kiew gemeldet, unter anderem um ein Heizkraftwerk und eine Kaserne der ukrainischen Streitkräfte. Bilder zeigten Treffer in einem Wohngebäude. Schließlich warnten die ukrainischen Behörden: "Auf den Straßen unserer Stadt laufen jetzt Kampfhandlungen. Wir bitten darum, Ruhe zu bewahren und maximal vorsichtig zu sein!" Der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, betonte, die Hauptstadt sei weiter in ukrainischer Hand. Mit Stand 5.00 Uhr MEZ gebe es 35 Verletzte, unter ihnen zwei Kinder. Die Behörden habn eine vollständige Ausgangssperre bis zum kommenden Montag verhängt. Die Ausgangssperre gelte zwischen Samstag um 17.00 Uhr (Ortszeit; 16.00 Uhr MEZ) und 08.00 Uhr am Montag, erklärte die ukrainische Hauptstadtverwaltung im Messengerdienst Telegram. "Alle Zivilisten, die während der Ausgangssperre auf den Straßen sind, werden als Mitglieder von Sabotagegruppen des Feindes betrachtet." (red, ag)