Die Lust, Waffen in Kriegsgebiete zu liefern, hält sich in Deutschland traditionell in engen Grenzen. Nach der Katastrophe des selbstverschuldeten Zweiten Weltkrieges gehörte das Mantra-artig wiederholte "Nie wieder Krieg" zum Selbstverständnis der neugegründeten Bundesrepublik. Während etwa Großbritannien, dessen ehemaliger Premierminister Neville Chamberlain dem deutschen Diktator Adolf Hitler lange entgegengekommen war, ehe er sich doch zur Kriegserklärung genötigt sah, aus dem Krieg vor allem die Lehre zog, nicht noch einmal eine naive Appeasementpolitik zu betreiben, zog Deutschland die entgegengesetzten Lehren: Niemals wieder sollte ein Krieg von deutschem Boden ausgehen, niemals wieder eine Aggression. Und also schickte man der Ukraine, bevor Russland angriff, statt der von Kiew geforderten Waffen 5000 Helme.

"Helme? Muss ein Scherz sein"

In der Ukraine, ja im ganzen deutlich kämpferischerer veranlagten Osteuropa machte sich Berlin damit zum Gespött. "Fünftausend Helme? Das muss ein Scherz sein", kommentierte der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki am Samstag die bisherigen deutschen Hilfen für die Ukraine sarkastisch. "Wahre Freunde", sagte Morawiecki vor seinem Treffen mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz am selben Tag, "erkennt man in der Not". Auch in Deutschland solle man darüber nachdenken, was dieses Sprichwort bedeute, forderte der polnische Premier von Berlin einen deutlich schärferen Kurs gegenüber Moskau.

Nach dem Treffen mit dem polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki (l.) gab der deutsche Kanzler Olaf Scholz (r.) Waffenlieferungen an die Ukraine bekannt. 
- © APAweb / afp, Tobias Schwarz

Nach dem Treffen mit dem polnischen Premierminister Mateusz Morawiecki (l.) gab der deutsche Kanzler Olaf Scholz (r.) Waffenlieferungen an die Ukraine bekannt.

- © APAweb / afp, Tobias Schwarz

Spät, aber doch scheint die Botschaft in Berlin angekommen zu sein: "Der russische Überfall markiert eine Zeitenwende", schrieb Scholz am Samstag auf Twitter. "Es ist unsere Pflicht, die Ukraine nach Kräften zu unterstützen bei der Verteidigung gegen die Invasionsarmee von Putin. Deshalb liefern wir 1000 Panzerabwehrwaffen und 500 Stinger-Raketen an unsere Freunde in der Ukraine", gab der Bundeskanzler bekannt. Die Waffen stammen aus den Beständen der Bundeswehr.

Auch Treibstoff wird geliefert

Schon knapp zuvor hatten Außenministerin Annalena Baerbock und Wirtschaftsminister Robert Habeck (beide Grüne) in einer Stellungnahme bekanntgegeben, dass Deutschland der Lieferung von 400 - ursprünglich in Deutschland produzierten - Panzerfäusten durch die Niederlande zugestimmt hat. "Daneben wurde heute auch die Ausfuhr von 14 sondergeschützten gepanzerten Fahrzeugen für die Ukraine genehmigt. Die Fahrzeuge dienen dem Personenschutz, gegebenenfalls auch Evakuierungszwecken", hieß es. Die Fahrzeuge sollten an ukrainische Dienststellen übergeben werden. "Zudem sollen bis zu 10.000 Tonnen Treibstoff über Polen in die Ukraine geliefert werden. Weitere Unterstützungsleistungen werden derzeit geprüft."

Beide kritisieren Russland scharf. "Nach dem schamlosen Angriff Russlands muss sich die Ukraine verteidigen können. Sie hat ein unabdingbares Recht auf Selbstverteidigung." Bisher hatten Habeck und Baerbock eine deutsche Zustimmung für Waffenlieferungen an die Ukraine abgelehnt. (leg, apa)