Was den Angriff auf die Ukraine betrifft, hat Russlands Präsident Wladimir Putin die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Zwar ist die militärische Überlegenheit Moskaus weiter unbestritten, die Russen zerstören Flugfelder und andere militärische Infrastruktur. Und starke Kräfte stoßen von Süden aus auf Kiew vor. Trotzdem läuft die Sache nicht so, wie ursprünglich geplant; im Kreml steigt offenbar die Nervosität. Kriegsherr Putin soll sich unzufrieden geäußert haben, die Rede ist von Wutanfällen.

In Moskau war man davon ausgegangen, dass der gesamte ukrainische Widerstand nach den ersten wuchtigen Militärschlägen in sich zusammenbricht. Doch die Verteidiger von Kiew und Charkiw sind nicht vergleichbar mit der afghanischen Armee, die im vergangenen Sommer nicht kämpfen wollte. Oder mit den von den USA hochgerüsteten irakischen Streitkräften, die vor einigen Jahren vor den anrollenden IS-Kämpfern einfach davongelaufen sind.

"Lassen euch nicht durch"

Die Ukrainer sind bereit, zu kämpfen, und auch viele Zivilisten stellen sich den Invasoren entgegen. Diese erleiden Verluste, die nicht eingerechnet waren. Denn dass die ukrainischen Kräfte russische Flieger abschießen, russische Panzer lahmlegen und russische Stoßtrupps außer Gefecht setzen - was auf einen hohen Blutzoll aufseiten der Angreifer hindeutet -, ist offenbar.

Die ukrainische Kampfbereitschaft und der Mut der Verzweiflung stoßen international auf große Sympathie - und bei den westlichen Entscheidungsträgern kommt man zur Überzeugen, dass teure Militärhilfe hier nicht verschwendetes Geld ist. Die USA, wo man in den letzten Jahren viele Milliarden in die Aufrüstung von Armeen investiert hat, die dann widerstandslos kollabierten, reagieren beinahe euphorisch: "Das ist heldenhaft, das ist inspirierend, und das ist für die Welt sehr deutlich zu sehen", so ein hochrangiger Mitarbeiter des Pentagon. In der Tat zeigen mehrere aktuelle Aufnahmen aus der ukrainischen Kleinstadt Dniprorudne im Süden des Landes, wie sich dutzende Bewohner unbewaffnet einer russischen Militärkolonne entgegenstellen. Der Bürgermeister allen voran, die Männer im Hintergrund rufen: "Geht nach Hause!" Und: "Wir lassen euch nicht durch!"

Solche Szenen, der erbitterte Widerstand der Zivilbevölkerung, hat natürlich Auswirkungen auf die Kampfmoral der russischen Soldaten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie auf ein derartiges Szenario nicht vorbereitet wurden. Die Putin-Propaganda spricht von einer Gesellschaft, die von einer verlotterten, "drogensüchtigen" Nazi-Führungsclique in Geiselhaft gehalten wird und "befreit" werden muss.

Was die russischen Soldaten jetzt erleben, passt nicht zu dieser Erzählung. Von einer "Friedensmission", wie Putin es nennt, kann auch keine Rede sein. Dass das die Kampfbereitschaft auf russischer Seite nicht erhöht, liegt auf der Hand. Nicht unwahrscheinlich, dass Putin bei der Planung des Unternehmens seinen eigenen Propaganda-Lügen aufgesessen ist.

Dazu kommt, dass nach westlichen Informationen die russische Armee nicht so straff organisiert ist, wie zunächst gedacht. Bei beim Vormarsch in Richtung Kiew komme es immer wieder zu logistischen Fehlern, heißt es.

Trotzdem glaubt man auch in Washington, dass die Invasoren letztendlich ihre militärischen Ziele erreichen werden. Der Preis könnte aber so hoch sein, dass es sich dabei um einen Pyrrhussieg handelt.

Regelrechter Volksaufstand

Westliche Beobachter erkennen in der Ukraine einen regelrechten Volksaufstand: Zivilisten, die mit einer gelben Schleife gekennzeichnet und Gewehren bewaffnet die Straßen von Kiew verteidigen wollen. Frauen-Gruppen, die unermüdlich Molotowcocktails mit Styropor befüllen, damit das Feuer besser an den Panzern kleben bleibt. Offenbar ist es eine Heldengeschichte, die derzeit in der Ukraine geschrieben wird und die auch europäische Länder Dinge tun lässt, die kurz davor undenkbar waren: Die Slowakei will jeden ukrainischen Flüchtling, der kommt, aufnehmen. Auch wenn es hunderttausende sein sollten. Und Deutschland hat sich erstmals entschlossen, rasch tödliche Waffen in einen laufenden Krieg zu liefern. Das neutrale Österreich schickt den Bedrängten immerhin Helme und andere Schutzausrüstung.

Bemerkenswert auch das, was sich in Lettland tut. Dort hat das Parlament einstimmig einen Beschluss abgesegnet, wonach Letten aufseiten der Ukraine in den Krieg ziehen dürfen. Und Präsident Wolodimyr Selenskyj in Kiew macht weiter alle Kräfte mobil und will auch ukrainische Häftlinge an die Front schicken.