Die Ukraine wirft dem Nachbarland vor, Zivilisten zu töten und zivile Infrastruktur zu zerstören. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet die Angriffe auf die Stadt Charkiw als russischen Staatsterrorismus. Er fügt hinzu, dass die Ukraine ihre Botschafter aus Kirgisistan und Georgien abziehe.
"Russland führt Krieg unter Verletzung des humanitären Völkerrechts", twitterte auch das ukrainische Außenministerium. Das ließ sich nicht unabhängig überprüfen. Das Ministerium schrieb weiter: "Russlands Hauptziel sind große Städte, die jetzt von seinen Raketen beschossen werden." Russland nehme bewusst Wohngebiete und Innenstädte unter Beschuss. Ukrainische Streitkräfte und die Zivilgesellschaft stemmen sich vehement gegen die Invasion. Dies schürt zunehmend Ängste, dass die russischen Kommandeure eine Taktik der Zerstörung anwenden könnten. "Der Schleier ist gefallen", sagte Selenskyjs Berater Mychailo Podoljak. "Russland bombardiert aktiv die Stadtzentren, feuert gezielt Raketen und Artillerie auf Wohngebiete und Behörden ab." Das russische Militär hatte eine ähnliche Taktik bereits in Syrien und Tschetschenien eingeschlagen, wo die Städte Aleppo und Grosny in Schutt und Asche gelegt wurden.

EU: Russische Angriffe "verstoßen gegen Kriegsrecht"

Der EU-Außenbeauftrage Josep Borrell hat den russischen Angriff auf das Zentrum der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw scharf verurteilt. "Die russischen Bombenangriffe auf zivile Einrichtungen in Charkiw verstoßen gegen Kriegsrecht", schrieb Borrell am Dienstag auf Twitter. Die EU stehe "in diesen dramatischen Momenten an der Seite der Ukraine".

Ihr Browser kann derzeit leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Russland hat die Vorwürfe zurückgewiesen und am sechsten Tag ihres Angriffskrieges die massiven Angriffe gegen die beiden größten ukrainischen Städte Charkiw und Kiew fortgesetzt. Fünf Tage nach Beginn der Invasion berichtete die US-Satellitenfirma Maxar am Dienstag, im Norden der ukrainischen Hauptstadt sei ein russischer Militärkonvoi von 64 Kilometer Länge zusammengezogen worden. Heftiger Beschuss wurde in der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw im Nordosten und der Hafenstadt Mariupol im Südosten des Landes gemeldet.

Bislang ist es den russischen Streitkräften nicht gelungen, trotz vermeintlich militärischer Übermacht eine der großen Städte unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Militärkonvoi bewegt sich auf Kiew zu. 
- © afp / Maxar Technologies

Militärkonvoi bewegt sich auf Kiew zu.

- © afp / Maxar Technologies

Verteidigung von Charkiw steht

Im Zentrum von Charkiw mit 1,5 Millionen Einwohnern schlugen am Morgen Raketen ein, wie Augenzeugen berichteten. Unter anderem seien Wohngebiete und ein Stadtverwaltungsgebäude getroffen worden, teilte der Leiter der Regionalverwaltung, Oleg Synegubow, mit. Die Verteidigung der Stadt stehe aber weiterhin. Bei einem Raketenangriff zwischen Charkiw und Kiew wurden ukrainischen Behörden zufolge 70 ukrainische Soldaten getötet. Die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer stand ihrem Bürgermeister zufolge unter ständigem Beschuss. Dabei seien Infrastruktur sowie Schulen und Häuser zerstört worden, sagte Wadym Boitschenko. "Es gibt viele Verletzte. Es wurden Frauen und Kinder getötet."

USA: Wollen direkten Konflikt vermeiden

Unabhängig überprüfen ließen sich die Berichte nicht. Russland äußerte sich zunächst nicht zum Kriegsverlauf. Zudem gibt es keine verlässlichen Angaben über Verluste der russischen Streitkräfte. Ukranischen Angaben zufolge verloren die Russen bislang 5710 Soldaten, 29 Flugzeuge und 198 Panzer. Einem Bericht der Nachrichtenagentur Interfax zufolge verlegten die Streitkräfte weitere Truppen aus dem äußeren Osten Russlands näher an Europa heran. Nach Angaben des ukrainischen Außenministers Dmytro Kuleba bot die US-Regierung der Ukraine mehr militärische und finanzielle Hilfe an. Auch Australien wird die Ukraine nach Worten von Regierungschef Scot Morrison mit Waffenlieferungen unterstützen

Die US-Regierung machte aber auch deutlich, dass sie nicht direkt in den Konflikt hineingezogen werden will. Eine Sprecherin des Weißen Hauses lehnte deshalb am Montagabend eine Forderung des ukrainischen Präsidenten Selenskyj ab, eine Flugverbotszone über der Ukraine einzurichten. Dies würde den Einsatz von US-Militär bedeuten, sagte Präsidialamtssprecherin Jen Psaki. Die Soldaten könnten in einen direkten Konflikt und "potenziell einen Krieg" mit Russland verwickelt werden. "Das ist etwas, an dem wir uns nicht beteiligen wollen." Auch die britische Regierung lehnte die Einrichtung einer Flugverbotszone ab, wie Vize-Premierminister Dominic Raab betonte.

Kontakte werden abgebrochen

Wegen der Kämpfe sind immer mehr Menschen auf der Flucht. Seit der russischen Invasion seien 350.000 Menschen nach Polen gekommen, sagte der stellvertretende polnische Innenminister Maciej Wasik im Rundfunk. Allein in den vergangenen 24 Stunden hätten 100.000 Menschen die Grenze überquert. Die EU-Staaten haben angekündigt, alle Flüchtlinge aufzunehmen. Unterdessen stimmen sich westliche Regierungen erneut ab, wie man Russland weiter isolieren und zum Rückzug aus der Ukraine bewegen kann. Wegen des Krieges ziehen sich immer mehr europäische und amerikanische Firmen aus Aktivitäten und Beteiligungen in Russland zurück. Auch in Kultur und Sport werden Kontakte zu Russland abgebrochen, um das Land international zu isolieren. So trennte sich die Stadt München mit sofortiger Wirkung vom Chefdirigenten der Philharmoniker, Waleri Gergijew, wegen dessen Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Putin selbst spricht nicht von einer Invasion sondern von einer Friedensmission. Ziel sei, die Ukraine zu entnazifizieren und zu demilitarisieren. Erste Gespräche beider Seiten über einen Waffenstillstand am Montag brachten keine Annäherung. Allerdings wurde vereinbart, die Verhandlungen fortzusetzen. Die Ukraine fordert einen sofortigen Abzug der Truppen. Zudem hat Präsident Selenskyj beantragt, dass sein Land in einem Schnellverfahren Mitglied der Europäischen Union werden soll. (apa, dpa, Reuters)