Wenn Tatjana Kolesnik aus der ostukrainischen Stadt Charkiw den Kühlschrank öffnet, findet sie dort nicht mehr viel. Ein bisschen Butter, zwei Eier, einen halben Liter Buttermilch. Ein, zwei Kilo Getreide habe sie auch noch und etwas Fleisch im Gefrierfach. "Wir Erwachsenen essen mittlerweile nur noch einmal am Tag", schreibt die Künstlerin der Deutschen Presse-Agentur über Facebook. "Unsere Kinder versuchen wir noch vor Rationierung zu verschonen, aber sie jammern auch schon."

Ein paar Tage nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine spitzt sich die Versorgungslage zu. Aus mehreren Städten berichten Menschen, dass es immer schwieriger werde, an Lebensmittel zu kommen. Bilder leerer Supermarktregale kursieren in sozialen Medien. Laut einer Liste der Kiewer Stadtverwaltung von Montag sind auf dem ganzen Gebiet der 2,8-Millionen-Einwohner-Metropole lediglich noch 37 Apotheken geöffnet.

Aus mehreren Städten wurden erneut schwere Gefechte und Explosionen gemeldet - aus Charkiw Beschuss durch Mehrfachraketen auf Wohngebiete. Das nährt die Befürchtung, dass die russische Seite weiter eskalieren könnte. Ein wenig Hoffnung verbreitete die Nachricht, dass erste Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland aufgenommen worden seien.

Warnung an Plünderer

Als am Montagmorgen die Stadtverwaltung Kiews verkündete, die Menschen dürften nach rund eineinhalb Tagen Ausgangssperre wieder auf die Straßen, fügte sie hinzu, dass sich die Bürger nicht wundern sollten: Panzersperren, neue Befestigungen und andere Verteidigungsstrukturen seien in der Stadt installiert worden. Die Kiewer sind allerdings dazu aufgerufen, nach Möglichkeit weiter zu Hause zu bleiben.

Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte in einer weiteren Videoansprache, die Sicherheitskräfte hätten mehrere Sabotagegruppen ausgeschaltet und gefangen genommen. Er warnte mit lauter Stimme auch mögliche Plünderer - diese würden nach dem Kriegsrecht ohne Vorwarnung "neutralisiert". Der ukrainische Generalstab geht davon aus, dass Kiew weiter das Hauptziel des russischen Angriffs ist.

Zwischen den Meldungen über brennende Infrastruktur und andauernde Angriffe im Land versuchen sich die Ukrainer in sozialen Medien trotz der bedrohlichen Lage gegenseitig Mut zuzusprechen und ermunternde Nachrichten zu verbreiten. Der bekannte Sänger der Gruppe Boombox, der selbst in einen Freiwilligenverband zur Verteidigung in Kiew eingetreten war, singt vor der berühmten Sophienkathedrale in Militärhose und mit umgehängter Waffe a cappella ein patriotisches Lied.

Zu einem Helden stieg unterdessen der Bürgermeister der Kleinstadt Dniprorudne auf, der mit mehreren unbewaffneten Bewohnern seiner Stadt russische Panzer dazu brachte, kehrtzumachen. Und für viele überraschend tritt Olexander Ussyk, der ukrainische Boxweltmeister im Schwergewicht, ebenso dem Freiwilligenverband zur Gebietsverteidigung bei. Er stammt von der von Moskau annektierten Krim und hatte es vor dem Krieg immer vermieden, Russland zu kritisieren.

Solche Mutmacher bringen aber nur kurze Ablenkung. Tatjana Kolesnik aus Charkiw erzählt, sie höre den ganzen Tag von Gefechten und Einschlägen in der Stadt. Immer wieder werde auch der Luftschutzalarm ausgelöst. Dann liefen alle in den Gang, denn ihre alternde Mutter sei zu schwach, es so oft in den Keller und wieder hinauf zu schaffen. Der Sohn huste bereits.

Hoffnung auf Gespräche

Die Ehemänner von Kolesniks Freundinnen seien draußen und würden Abwehrgräben ausheben. Der Hunger sei noch nicht groß genug, den Vater bei den sich immer weiter verstärkenden Gefechtsgeräuschen hinauszuschicken, um etwas Essbares zu besorgen. Die Gefahr ist real: Mindestens elf Menschen wurden allein am Montag in der Stadt durch den Beschuss getötet. Am Dienstag gab es weitere Tote.

Die Gespräche an der ukrainisch-weißrussischen Grenze, sagt Kolesnik, verfolge sie sehr genau. Gerade eben habe sie erfahren, dass ihr Nachbarhaus getroffen worden sei. "Umso mehr warte ich auf Resultate dieser Gespräche." Der erste Anlauf zu diesen brachte allerdings am Montagabend keinen Erfolg.(dpa)