Kiew/Moskau. Russland treibt seine militärische Offensive in der Ukraine weiter voran. Am siebten Tag der Kämpfe konzentrierten sich die Gefechte auf die südukrainische Stadt Cherson und nach wie vor auf die zweitgrößte Stadt des Landes Charkiw im Nordosten. Auch die Hafenstadt Mariupol lag unter Beschuss, aus Kiew wurden vereinzelte Angriffe gemeldet.

Nach Angaben aus Kiew sind seit Beginn des Krieges mindestens 2.000 Zivilisten getötet worden. In dieser Zahl seien gestorbene Soldaten des Landes nicht inbegriffen, teilte der Rettungsdienst am Mittwoch bei Facebook mit. Die Zahl war nicht überprüfbar. Mit Blick auf die andauernden Angriffe hieß es: "Jede Stunde kostet das Leben unserer Kinder, Frauen und Verteidiger."

Großbritannien wirft Russlands Präsident Wladimir Putin Kriegsverbrechen vor: "Was wir schon jetzt von Wladimir Putins Regime gesehen haben, bezüglich der Nutzung von Kampfmitteln, die sie bereits auf unschuldige Zivilisten abgeworfen haben, das erfüllt aus meiner Sicht bereits vollkommen die Bedingungen eines Kriegsverbrechens", so der britische Premier Boris Johnsons. Die WHO prüft Berichte über Angriffe auf Krankenhäuser.

Es geht die Angst um, dass Russland die gefürchteten Mehrfachraketenwerfer TOS einsetzt. Eine Waffe mit verheerender Wirkung.

Der Generalstab in Moskau vermeldete, dass russische Streitkräfte das südukrainische Cherson mit rund 250.000 Einwohnern eingenommen hätten. Die Stadt liegt nordwestlich der von Russland 2014 annektierten ukrainischen Halbinsel Krim.

Die örtlichen Behörden meldeten dagegen, Cherson sei von russischen Truppen vollständig umzingelt. Der ukrainische Bürgermeister der Stadt, Ihor Kolychajew, wandte kurz nach 11 Uhr Ortszeit mit einem verzweifelten Appell an internationale Medien: "Ich bitte Sie, Ihre Möglichkeiten als Vierte Gewalt zu verwenden, damit ein ‚Grüner Korridor‘ für den Transport von Verletzten sowie von Leichen und Medikamente sowie Nahrung in die Stadt gebracht werden kann." Ohne diese Möglichkeit würde die Stadt sterben, so der Bürgermeister mit Verweis auf eine herannahende humanitäre Katastrophe.

Von einer völligen russischen Besetzung der Stadt konnte am Mittwochvormittag laut eines Gesprächspartners der APA in der Stadt noch keine Rede sein. Die Russen seien einmarschiert und konzentrierten sich auf zwei Stadtteile. Er vermute, dass russische Truppen, die Probleme mit größeren Landeoperationen in Mykolajiw und Odessa hätten, nun im Hafen von Cherson größere Truppenteile an Land bringen könnten.

Unterdessen kommen die Invasoren Kiew näher. Das russische Militär ziehe immer mehr Kräfte zusammen, erklärte Bürgermeister Vitali Klitschko in sozialen Medien. "Wir bereiten uns vor und werden Kiew verteidigen! Kiew steht und wird stehen."

In der Millionenstadt Charkiw meldeten Rettungskräfte nach erneuten Bombardements mindestens vier Tote. Neun weitere seien bei den Angriffen auf den Sitz der Sicherheitsdienste und eine Universität verletzt worden, hieß es. Es gebe "praktisch kein Gebiet mehr in Charkiw, in dem noch keine Artilleriegranate eingeschlagen ist", erklärte ein Berater des ukrainischen Innenministers. Schon am Dienstag waren bei Angriffen auf die 1,4-Millionen-Einwohner-Stadt 21 Menschen getötet worden.

Die Stadt will sich jedenfalls nicht ergeben. "Wir haben niemals erwartet, dass das geschehen könnte: totale Zerstörung, Vernichtung, Völkermord am ukrainischen Volk", sagt Bürgermeister Ihor Terechow.

Russland und die Ukraine zeigten sich bereit für eine Fortsetzung der Verhandlungen. Eine erste Gesprächsrunde hat es bereits gegeben, die Forderungen der russischen Seite - unter anderem die Abtretung der Krim - waren für die Ukrainer aber nicht annehmbar.(ag.)