Alte Frauen, die von der Polizei abgeführt werden, weil sie mit Plakaten in der Hand gegen den Krieg demonstrieren. Weinende Frauen, die von ihren schwer verwundeten Söhnen erfahren haben. Bilder von Russinnen, die sich gegen den Einmarsch ihres Landes in die Ukraine stellen, fügte Kira Jarmysch am Montag ihrer Videobotschaft hinzu. In dieser fordert die Sprecherin des inhaftierten Kremlkritikers Alexej Nawalny Frauen in ganz Russland dazu auf, am morgigen Internationalen Frauentag gegen den Krieg zu protestieren.

"Wir wissen zu gut, welchen Preis wir für diesen Krieg zahlen müssen", erklärte Jarmysch. "Und wir müssen es stoppen." Nawalny selbst hatte schon in der Vorwoche in einer Stellungnahme seine Landsleute zu Protesten aufgerufen. Diese, betonte er, würden zeigen, dass nicht alle Russen den Angriff unterstützen, und wären ein Zeichen der Solidarität mit den tausenden bereits verhafteten Demonstranten.

Denn seit Tagen häufen sich die Festnahmen. Nach Angaben der Bürgerrechtsorganisation OWD-Info wurden seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar mehr als 13.400 Menschen bei Anti-Kriegsdemonstrationen verhaftet. Allein am Sonntag gab es in dutzenden russischen Städten mehr als 5.000 Festnahmen.

Netflix setzt Dienst aus

In Videos in sozialen Medien waren Demonstranten zu sehen, die "Nein zum Krieg" und "Schande" riefen. Dutzende Menschen in der Stadt Jekaterinenburg am Ural wurden gezeigt, als sie abgeführt wurden. Einer wurde auf den Bildern von der Polizei zu Boden geschlagen. Ein Wandgemälde war zu sehen, auf dem das Gesicht von Präsident Wladimir Putin fehlte. Jedoch konnten nicht alle Videos überprüft werden.

Maria Kusnezowa von OWD konstatierte, die Schrauben würden wie im Kriegsrecht maximal angezogen. Dennoch wehrten sich die Menschen. Kusnezowa verwies auf Proteste selbst in Sibirien, wo selten so viele Festgenommene gezählt würden.

Eine ähnlich große Verhaftungswelle hatte es vor gut einem Jahr gegeben. Damals protestierten tausende Russen gegen die Inhaftierung Nawalnys bei dessen Rückkehr aus Deutschland, wo er nach einem Giftanschlag behandelt wurde.

Die Schrauben ziehen die Behörden aber auch bei Medien und Meinungsfreiheit an. Ein neues Gesetz ermöglicht bis zu 15 Jahre Freiheitsentzug für diejenigen, die angebliche "Falschinformationen" über Russlands Armee verbreiten. Erste Geldstrafen, auch gegen Privatpersonen, sind bereits verhängt worden.

Kritische Portale und Sender schließen. Die Plattformen Facebook und Twitter sind blockiert. Die in Kriegsberichterstattung erfahrene "Nowaja Gaseta" prangerte in der Vorwoche das neue Gesetz als "Militärzensur" an. Die Zeitung, deren Journalisten in den vergangenen Jahren immer wieder Opfer von Angriffen wurden, erklärte, unter den gegebenen gesetzlichen Bedingungen nicht mehr weiter über die aktuellen Ereignisse in der Ukraine berichten zu können.

Ebenso setzten mehrere ausländische Medien ihre Berichterstattung aus Russland vorübergehend aus. Die Internet-Plattform TikTok folgte. Sie verzichtet auf Live-Streams und die Verbreitung neuer Videos in Russland. Auch Netflix zieht Konsequenzen. Nachdem der Streaming-Dienst vor einigen Tagen verkündet hatte, keine russischen TV-Sender über die Plattform verfügbar zu machen, will der US-Konzern nun sein Angebot in Russland aussetzen. Ab Montag war eine Neuanmeldung nicht mehr möglich.

Anleitung gegen Blockaden

Repressionen gegen Medienschaffende seien in Russland zwar nicht neu, sagt Schriftstellerin und Journalistin Alissa Ganijewa der Deutschen Presse-Agentur. "Aber es war die Invasion in der Ukraine, die einen Ausgangspunkt bildete für ein schnelles, hyperbeschleunigtes Wachstum von Unterdrückung und Diktatur im Land." Das Verschwinden kritischer Stimmen sei eine "riesige Katastrophe". Die Folgen seien gravierend: "Millionen von Menschen, die vergiftet sind durch das starke Gift von Putins Propaganda, bleiben nun ohne Gegenmittel zurück."

Vor allem für ältere, nicht Internet-affine Russen wird es zunehmend schwer, sich unabhängig zu informieren. In sozialen Netzwerken veröffentlichen kritische Medien Anleitungen zum Einrichten und Nutzen alternativer Verbindungen oder Browser, um ihre blockierten Seiten doch noch aufrufen zu können.

Zu einer wichtigen Plattform ist Telegram geworden. Eine junge Moskauerin, die regelmäßig demonstriert, erzählt, sie habe dort auch die Kanäle von Aktivisten und Juristen im Blick. "Das ist der schnellste Weg, um zu erfahren, was in der Stadt passiert" - und wie sich bei Protesten Gefahren vermeiden ließen.(reu/dpa)