Medyka war immer schon ein belebter Ort. So verschlafen das polnische Dorf an der Grenze zur Ukraine sonst auch ist, der Grenze selbst haftete stets etwas Abenteuerliches an. Auch in normalen, friedlichen Zeiten sind für Autofahrer Wartezeiten von 12 Stunden keine Seltenheit, bis man unter Schikanen die Grenze Richtung Ukraine oder EU passieren kann. Zu Fuß geht es schneller, und doch müssen vor allem Ukrainer oft bei klirrender Kälte, Regen oder Hitze über eine Stunde lang im Freien stehen. Alte Frauen und junge Männer schmuggeln Wodka und Zigaretten Richtung Polen, um ihr Leben zu finanzieren. Manche befestigen die Zigaretten mit Klebeband am Oberkörper unter dicken, die Fracht verbergenden Pullovern, auch im Sommer. Die Grenzpolizisten kontrollieren, aber nicht jeden. Einer hat Pech, neun kommen durch.

Der Vater ist im Krieg

Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine aber ist in Medyka nichts mehr, wie es war. Es herrscht Ausnahmezustand. Flüchtlinge, die von der anderen Seite der Grenze kommen, laufen mit ausgebreiteten Armen auf Verwandte zu, die auf sie in Polen warten. Zahllose Hilfsorganisationen haben sich niedergelassen, beheizte Zelte wurden errichtet. Kartons mit Hilfsgütern stapeln sich. Feuerstellen geben Wärme inmitten der klirrenden Kälte. Decken stehen bereit, um die Ankommenden einzuhüllen. Gekocht wird traditionell polnisch, warme Suppen mit Wurst werden verteilt. Aber auch ein "Indian Food Truck" dient der Verpflegung. Die Flüchtlinge warten auf ihre Busse. Sie bringen sie zu Unterkünften in ganz Polen.

Ein Wiedersehen an der Grenze - Endlich in Sicherheit. 
- © Gerhard Lechner

Ein Wiedersehen an der Grenze - Endlich in Sicherheit.

- © Gerhard Lechner

Es sind - anders als bei früheren Migrationswellen aus dem arabischen Raum, die bei Polens nationalkonservativer Regierung auf Ablehnung stießen - weit überwiegend Frauen und Kinder, die kommen. Frauen wie Lena. Die knapp über 60-Jährige wärmt sich bei einem "Zurek", einer traditionell polnischen, säuerlichen Suppe mit Wurst. Sie ist mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin mit dem Auto aus der Hafenstadt Odessa geflohen. "Wir haben schon den Kanonendonner aus der Ferne gehört", sagt sie auf Russisch. Ihr Mann und ihr Sohn sind dort geblieben, um das Land zu verteidigen. Die Frauen haben die beschwerliche Reise nach Polen angetreten. "Wir haben Verwandte hier", erzählt Lena. "Die werden uns helfen", sagt sie - und sie setzt nach leichtem Zögern hinzu: "Hoffentlich."

Aufgrund der bitteren Kälte hüllen sich die Flüchtlinge in Medyka in dicke Decken - wie diese Frau. 
- © afp, Louisa Gouliamaki

Aufgrund der bitteren Kälte hüllen sich die Flüchtlinge in Medyka in dicke Decken - wie diese Frau.

- © afp, Louisa Gouliamaki

Keine Verwandten in Polen hat Anja. Die junge Frau aus der 48.000-Einwohner-Stadt Lubny zwischen Kiew und Poltawa rastet mit ihrem kleinen Sohn in einem großen beheizten Zelt von der anstrengenden Reise aus. Sie will über Polen nach Estland gelangen, wo sie hofft, bei Bekannten aus Lubny Unterschlupf zu finden. "Ich habe, als ich vom Ausbruch des Krieges gehört habe, gedacht, das sei nur ein falsches Gerücht. Es wird ja so viel geredet", sagt die noch mädchenhafte 20-Jährige mit dem blonden Zopf auf Ukrainisch. "Aber dann habe ich auf Facebook und Instagram gesehen, dass überall geschossen wird, in Mariupol, Charkiw, Sumy." Sie hat sich daraufhin mit ihrem kleinen Sohn zur Flucht entschlossen. "Mein Vater und mein Großvater bleiben aber dort. Sie sind jetzt im Krieg", sagt Anja.

Kein Ziel ihrer Reise hat Vera. Sie sitzt mit ihrem kleinen, schlafenden, maximal einjährigen Enkelsohn in einem Gang im Bahnhof von Przemysl. Das klassizistische, elegante Gebäude stammt noch aus k.u.k.-Zeiten und ist mit Menschen überfüllt, die teils am Boden kauern. Hier kommen die Züge aus der westukrainischen Metropole Lemberg an, hier warten die Flüchtlinge auf den Weitertransport.

Manche Flüchtlinge nehmen auch ihre Haustiere mit - wie hier Anastassija aus Kiew. 
- © afp, Louisa Gouliamaki

Manche Flüchtlinge nehmen auch ihre Haustiere mit - wie hier Anastassija aus Kiew.

- © afp, Louisa Gouliamaki

Vera macht nicht den Eindruck, noch Hoffnung auf ein besseres Morgen zu haben. "Was soll jetzt werden? Wer wird die bombardierten Städte wieder aufbauen?", fragt die etwa 60-Jährige aus der Stadt Krementschuk am Dnjepr. Ihren Sohn, den Vater des Enkels, hat sie in der Ukraine zurückgelassen. "Er verteidigt jetzt unser Vaterland gegen diese Faschisten", nutzt sie das überlieferte Schimpfwort aus Sowjetzeiten für das absolut Böse. Sie selbst hat kein Ziel ihrer Reise, keine Bekannten im Westen. "Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß es nicht", meint sie ängstlich.

"Mehrere Vakuumbomben"

Am härtesten hat der Krieg Daryna getroffen. Die schüchterne 16-Jährige aus Ochtyrka unweit der russischen Grenze hat den Kriegsausbruch unmittelbar mitbekommen. Sie sitzt mit ihrer Mutter Tatjana auf einer Bank im Bahnhof. "Am 24. Februar, am ersten Tag des Krieges, kamen 85 russische Panzer in die Stadt", ergreift die Mutter das Wort. Sie befand sich während des Kriegsausbruchs in Polen, in Szczecin, wo sie arbeitet. Ihre Tochter blieb indessen in Ochtyrka. "Als aus Kiew die Diplomaten abzogen, wurde ich ängstlich und habe meine Verwandten gefragt, ob sie nicht weggehen wollen. Aber niemand hat an den Kriegsausbruch geglaubt", sagt Tatjana.

Tatjana (r.) und ihre Tochter Daryna, die den Krieg vom ersten Tag an miterlebt hat. - © Gerhard Lechner
Tatjana (r.) und ihre Tochter Daryna, die den Krieg vom ersten Tag an miterlebt hat. - © Gerhard Lechner

Und sie schildert das Inferno, dem Daryna ausgesetzt war: "Meine Tochter hat alles mitbekommen. Sie hat gesehen, wie die russischen Panzer in die Stadt eingerückt sind", schildert Tatjana die dramatischen Stunden. "In den vergangenen Tagen haben mehrere Vakuumbomben in Ochtyrka eingeschlagen", erzählt die Mittvierzigerin das Schicksal ihrer Heimatstadt, während sie die Hand ihrer Tochter Daryna hält - dankbar, dass sie sie wieder in die Arme schließen kann. Sie berichtet von einem Beschuss eines Kindergartens mit Raketen am ersten Kriegstag in Ochtyrka. Ein siebenjähriges Mädchen sei dabei gestorben. Von Grad-Raketen, die in der Stadt einschlugen. Und davon, wie Daryna über einen humanitären Korridor fliehen konnte. "Sie war unter den Ersten, die wegkonnten", sagt die Mutter mit tränenerstickter Stimme. "Gott sei Dank." Dann nimmt sie ihre Tochter in den Arm, während die Tränen fließen. "Meine Daryna."

Auch Jaroslaw liegt unweit der ukrainischen Grenze. Die polnische Kleinstadt dient, weil Przemysl überfüllt ist, nächtens ebenfalls als Ankunftsort für Flüchtlinge. Der Krieg hat das beschauliche Leben hier verändert. Im städtischen Benediktinerkloster, früher ein recht stiller Ort, ist Leben eingekehrt: Ein reichhaltiges Abendbuffet versorgt zahlreiche Familien mit Essen, Kinder lassen sich trotz aller Tragik, die hinter ihnen liegt, nicht vom Spielen abhalten. Mittendrin telefoniert Adam Mantykiewicz, der Priester. Mit seinen schwarzen Augen, dem dunklen Haar, dem schwarzen, langen Bart und seinem resoluten Auftreten wirkt er eher wie ein orthodoxer Pope als ein katholischer Priester. Kurz, praktisch und knapp schildert er Punkt für Punkt, was sein Kloster für die Ukrainer tut. "Erstens sammeln wir Hilfsgüter, die an kirchliche Hilfszentren in die Westukraine geschickt werden - dort, wo die Menschen aus Kiew und Charkiw ankommen", sagt er.

Ukrainische Flüchtlinge werden in der Nähe von Przemysl auch in einem provisorischen Lager in einem ehemaligen Shopping-Center untergebracht. 
- © afp, Louisa Gouliamaki

Ukrainische Flüchtlinge werden in der Nähe von Przemysl auch in einem provisorischen Lager in einem ehemaligen Shopping-Center untergebracht.

- © afp, Louisa Gouliamaki

Zweitens nehme man auch Ukrainer auf. "Derzeit haben wir 80 Flüchtlinge einquartiert, vor allem Freuen und Kinder", sagt der Mann mit dem eindrucksvollen Leibesumfang. Außerdem würden hier noch 50 Polizisten und Buslenker übernachten, die Flüchtlinge von der Grenze abholen und an unterschiedliche Plätze bringen. Auch werde man bald 40 weitere Ukrainer unterbringen können, wenn auch nur am Gang. "Aber der hat eine Fußbodenheizung."

Arbeitserlaubnis für Ukrainer

Dauerzustand ist das natürlich keiner. Das Kloster kümmert sich deshalb auch darum, den Flüchtlingen Privatquartiere anzubieten - "bei Personen, die wir kennen", wie Mantykiewicz betont. Es soll ihnen auch geholfen werden, Arbeit zu finden. Hindernis dürfte es dazu bald keines mehr geben: Polens Regierung will ukrainischen Flüchtlingen eine Aufenthaltsgenehmigung von 18 Monaten geben - mit Arbeitserlaubnis. Geplant ist außerdem, dass die Ukrainer eine persönliche Identifikationsnummer (Pesel) bekommen, die den Umgang mit den Behörden und dem staatlichen Gesundheitssystem erleichtert.

Ob diese lobenswerten Maßnahmen die seelischen Leiden der Geflohenen lindern können, bleibt abzuwarten. Während junge Flüchtlinge mit der Situation relativ unbeschwert umgehen, sind es auch in Jaroslaw die Älteren, die mehr mit ihrem Schicksal hadern. Wie Oleksandr, einer der wenigen Männer im Speisesaal. Der fünffache Vater aus Wolhynien will zunächst nichts sagen, schaut melancholisch in die Luft. Dann erzählt er doch. Von Gott. Und von der menschlichen Seele. "Die ist unsterblich", sagt er. "Die Seele löst sich beim Tod vom Körper. Das ist das Entscheidende", referiert Oleksandr. "Das ewige Leben."