Eines der Opfer des Krieges in der Ukraine ist die Reputation der russischen Armee: Jeden 9. Mai, am Den’ Pobedy, dem Tag des Sieges, marschieren unter dem wohlwollenden Blick von Präsident Wladimir Putin hunderte Soldaten im synchronisierten Stechschritt über den Roten Platz, gefolgt von den modernsten Panzern, Haubitzen und Mannschaftstransportern. Kurz bevor die Luftwaffe mit ihren Hubschraubern, Kampfflugzeugen und Bombern über den Himmel über Moskau donnert, röhren die Trägerfahrzeuge mit ihren huckepack lagernden Mittelstreckenraketen über den Platz, um furcheinflößend Russlands Position als Atommacht zu demonstrieren.

Eine eindrucksvolle Machtdemonstration für das russische Volk und für Russlands Gegner und Verbündete. Das Ereignis wird live im russischen Staatsfernsehen übertragen und ist ein Pflichttermin für das Diplomatische Korps. Die Botschaft: Die Rote Armee der Sowjetunion hat Hitlerdeutschland besiegt, die Armee von Putins Russland ist das Erbe dieser sieg- und ruhmreichen Soldaten.

- © afp / Aris Messinis
© afp / Aris Messinis

Seit 24. Februar 2022 steht diese Armee in einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine und das Image von Putins Militärmacht ist nicht nur moralisch, sondern auch aus Militärexpertensicht ramponiert. Denn Putins Armee bombardiert zivile Einrichtungen, russische Panzer und Scharfschützen schießen auf zivile Fahrzeuge und russische Artillerie terrorisiert die ukrainische Zivilbevölkerung mit Dauerbeschuss.

Und auch auf dem Gefechtsfeld läuft es für Putins Armee nicht so, wie der Kreml sich das vorgestellt haben dürfte.

Ziel war es offenbar, die Ukrainischen Verteidiger in einem Blitzkrieg zu überrennen, Präsident Wolodymyr Selenskyj zu entfernen und rasch die politische und militärische Kontrolle über das westliche Nachbarland zu übernehmen - ganz nach der Blaupause der Krim-Annexion 2014.

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Doch während im Jahr 2014 und dem Einmarsch prorussischer Milizen im Osten der Ukraine das Überraschungsmoment aufseiten von Wladimir Putin lag, warnten westliche Geheimdienste dieses Mal seit Wochen vor den Angriffsplänen. Dank der akribischen Analysen der Aufnahmen von Spionagesatelliten, dem Abhören der militärischen Kommunikation und der offenbar erfolgereichen Geheimagententätigkeit war den Nachrichtenoffizieren der Nato rasch klar, dass Putin den Vormarsch entlang von drei Achsen plant: Über das Schwarze Meer und die Krim von Süden, auf breiter Front von Osten und über den Vasallenstaat Belarus von Norden mit Stoßrichtung Kiew. Sogar den Zeitpunkt des Angriffs sagte der US-Präsident Joe Biden präzise voraus, während Wladimir Putin öffentlich Lügen verbreitete und bis zuletzt bestritt, dass Russland die Absicht habe, die Ukraine zu überfallen.

Inkompetenz oder Hybris?

Doch die russischen Generäle haben die ukrainische Armee unterschätzt, der Blitzkrieg zieht sich. Beim (ebenfalls völkerrechtswidrigen) Angriff der USA auf Saddam Husseins Irak im Jahr 2003 dauerte es 20 Tage von den ersten Bombardements bis zum Fall Bagdads. Unter Kontrolle haben die USA das Land zwischen Euphrat und Tigris freilich nie bekommen und die US-Armee ist am 18. Dezember 2011 abgezogen.

Nun dauert Putins Krieg gegen die Ukraine fast ebenso lange, aber seit drei Tagen stockt der Vormarsch in den Vorstädten von Kiew, nennenswerte Bodengewinne im Osten und Süden des Landes gibt es für Putins Armee derzeit ebenfalls nicht.

Zuletzt musste Wladimir Putin der Bevölkerung versichern, dass in der Ukraine keine Wehrpflichtigen eingesetzt werden, und der ukrainische Militärgeheimdienst GUR meldet, dass Russland offenbar syrische und libysche Söldner für den Krieg in der Ukraine anwerben will. Kiewer Medien berichten zudem, dass der Kreml versuchen soll, die belarussische Armee mit in den Krieg mit der Ukraine zu ziehen - dort aber auf den Widerstand von Offizieren und Mannschaften stoßen soll und auch der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko davon nichts wissen will. Freilich: Informationen aus ukrainischen Quellen sind kritisch zu hinterfragen, denn schließlich tobt auch ein Info-Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Bei westlichen Militärexperten herrscht - trotz aller Schwierigkeiten im Krieg an zuverlässige Informationen zu gelangen - aber Einigkeit darüber, dass Putins Armee mit großen Logistikproblemen zu kämpfen hat und auch taktisch nicht unbedingt eine imposante Erscheinung abgibt. Die russischen Nachschubelemente müssen ständig vor Hinterhalten von kleinen ukrainischen Stoßtrupps auf der Hut sein, die mit modernen Panzerabwehrwaffen aus den USA (Javelin), Großbritannien (NLAW), Deutschland (Panzerfaust 3) oder Schweden (AT4) sowie Flugabwehrraketen vom Typ Stinger (USA) ausgerüstet sind. Zudem dürfte die ukrainische Luftabwehr, die mit sowjetischen S-300 Raketensystemen ausgestattet ist, weiterhin zumindest teilweise funktionieren und die ukrainische Luftwaffe immer noch in der Lage sein, Einsätze zu fliegen. Immer wieder zeigt die ukrainische Seite auch Videos, die von ukrainischen Bayraktar TB2-Angriffsdrohnen (aus türkischer Produktion) stammen.

Bisher ist es Putins Armee auch nicht gelungen, den Nachschubweg aus dem Westen abzuschneiden, über den weiter modernes westliches Kriegsmaterial herangekarrt wird. Der Angriff auf den Militärstützpunkt in Jaworiw (nahe Lwiw in der Nähe der polnischen Grenze) ist ein erster Versuch Russlands, diese Nato-Militärhilfe empfindlich zu treffen.

Die Strategie der ukrainischen Verteidiger ist Standard für materiell und personell unterlegene Verteidiger: Die ukrainische Armee gibt Raum auf, um Zeit zu gewinnen, zieht sich in Städte zurück und plant Überfälle und Hinterhalte. "Die Angriffe kommen, wenn der Feind es am wenigsten erwartet", sagte der frühere ukrainische Verteidigungsminister Andriy Zagorodnyuk, der heute beim Tsentr Oboronnykh Strategiy (Zentrum für Verteidigungsstrategie) tätig ist, vor einigen Tagen gegenüber dem "Wall Street Journal". Ziel sind Nachschubeinheiten, zerstört werden Munitionslaster und Treibstofftanker - ohne Diesel und Granaten sind die russischen Panzer nutzlos und ein leichtes Ziel für die Ukrainer. Mit dieser Taktik vermeiden die ukrainischen Kräfte eine direkte Konfrontation, die sie aufgrund ihrer unterlegenen Feuerkraft niemals gewinnen können. Franz-Stefan Gady, der österreichische Strategieexperte und genaue Kenner der russischen und ukrainischen Streitkräfte, publizierte gleich zu Beginn des Krieges einen prophetischen Artikel zur russischen Strategie in der "Financial Times" und veröffentlicht regelmäßige Updates auf Twitter: Zuletzt zeigte er sich verwundert darüber, dass es Russland zumindest bis jetzt schwerfällt, koordinierte Luft-Boden-Operationen auszuführen.

Militärexperten (darunter auch Gady) warnen aber davor, die Möglichkeiten der russischen Einheiten zu unterschätzen: Sie wären der ukrainischen Armee weiter materiell und personell überlegen. Was aber für Putins Pläne aber noch ein erhebliches Problem darstellen dürfte: Es mehren sich die Hinweise darauf, dass die ukrainische Bevölkerung in den bereits eroberten Gebieten alles andere als kooperationsbereit ist. Sollten sich die derzeitigen Demonstrationen und Protestzüge zu einem bewaffneten Widerstand auswachsen - droht Putin ein Afghanistan am Dnepr. Dieser verlorene Krieg am Hindukusch hat - das weiß auch Putin - zum Kollaps der Sowjetunion beigetragen.