Kiew. Bis zum 24. Februar arbeiteten sie als Psychologin, Künstlerin oder Unternehmerin. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wollten sie nur noch eines: als Soldatinnen ihr Land verteidigen. Während die Männer oft keine Wahl haben, haben sich auch viele Frauen zum Militärdienst gemeldet. Als Ausbildungslager für die freiwilligen Kämpferinnen dient eine kalte Tiefgarage in Kiew.

Oberstleutnant Iryna Sergejewa kümmert sich um die neuen Rekrutinnen. "In den ersten Tagen kamen viele junge Frauen, die ein Gewehr in die Hand nehmen wollten, um zu kämpfen", sagt die 39-Jährige. "Doch viele dieser jungen Frauen romantisieren das alles ein wenig in ihrem Heldenmut", sagt sie nachdenklich. "Sie wollen hinausgehen und kämpfen, ohne wirklich zu verstehen, wie das alles funktioniert. Aber das gilt auch für einige der Männer."

Die frühere Medienberaterin Sergejewa weiß, was Krieg bedeutet. Sie meldete sich schon 2017 für den Kampf gegen die prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine und wurde als erste Freiwillige von der Armee unter Vertrag genommen. Jetzt ist sie Cheforganisatorin der Freiwilligenkräfte in ihrem Kiewer Bezirk.

Für Natalia Derewjanko ist es der zweite Tag ihrer militärischen Ausbildung in der Tiefgarage. Die studierte Historikerin betätigte sich bis vor kurzem noch als Künstlerin. "Aber jetzt wechseln viele Menschen ihren Beruf, weil unsere ganze Welt auf den Kopf gestellt wurde", sagt die 24-Jährige schüchtern. Im improvisierten Ausbildungslager herrscht Chaos. Unrasierte Männer fläzen sich erschöpft in den Etagenbetten, die entlang der Betonwand aufgestellt sind. Ältere Frauen in Zivil tippen die Personalien neuer Freiwilliger in ihre Laptops. Kiew bereitet sich auf eine Offensive der russischen Truppen vor. Verheerende Artillerie- und Luftangriffe haben Teile der Außenbezirke dem Erdboden gleichgemacht, Zehntausende wurden aus ihren Häusern vertrieben. In den Vorstädten im Nordwesten liegen Leichen in mit Trümmern übersäten Parks. Panzersperren und Barrikaden aus Sandsäcken teilen die Stadt in Erwartung eines Häuserkampfes in zu verteidigende Segmente.

Sie stelle sich bereits darauf ein, schießen zu müssen, sagt Olena Maystrenko. Die 22-Jährige ist Psychologin, jetzt baumelt ein Sturmgewehr um ihre Knie. "Zum ersten Mal eine Waffe in der Hand zu haben war beängstigend, sagt sie. "Man realisiert, dass man vielleicht jemanden töten muss. Aber dann überwindet man es und die Ängste verschwinden."

Vor der russischen Invasion war es für Ukrainerinnen schwer, Berufssoldatin zu werden. Die Frauenquote in der Armee habe bei nur etwa 5 Prozent gelegen, sagt Sergejewa. Inzwischen steigt ihr Anteil rasant.

Auch Natalia Kusmenko hat sich zum Dienst gemeldet. Erst einmal will die Unternehmerin für die Soldatinnen und Soldaten in der Tiefgarage kochen und waschen. "Aber ich habe einen Vertrag unterschrieben", sagte die 53-Jährige. "Das bedeutet, dass ich auch bereit sein muss, ein Gewehr zu nehmen und tatsächlich zu kämpfen."(afp)