Gewöhnlich ist der "Pjerwyj Kanal", der erste Kanal des russischen Staatsfernsehens, ein verlässliches Sprachrohr Wladimir Putins. Der Krieg, den der russische Präsident gegen die Ukraine begonnen hat, darf dort - wie auch anderswo in Russland - nicht als solcher bezeichnet werden, sondern nur als "militärische Spezialoperation". Menschen, die Transparente mit den Worten "Njet Wojnje!" ("Nein zum Krieg") hochhalten, werden abgeführt. Das Verbot zu umgehen, ist so gut wie unmöglich: Kürzlich zeigte ein Video, wie eine Moskauerin, die ein Schild mit dem Slogan "Zwei Wörter" hochhielt, ebenfalls sofort verhaftet wurde.

Und dennoch ereignet sich plötzlich bisher Unvorstellbares: Ausgerechnet in der Hauptnachrichtensendung des linientreuen Staatsfernsehens kam plötzlich eine junge Frau hinter der Moderatorin ins Bild. Sie hielt ein Schild in die Höhe mit der Aufschrift "Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet Ihr belogen" und rief mehrmals laut: "Nein zum Krieg!" Die Übertragung aus dem Studio wurde abgebrochen, Bilder aus einem Krankenhaus wurden gezeigt. Die Journalistin, Marina Owsjannikowa heißt sie, wurde abgeführt, ihr droht eine vergleichsweise milde Ordnungsstrafe von 226 Euro. Vor ihrem Protest hatte sie ein Video aufgenommen, in dem sie erklärte, dass sie - wie viele in Russland - Tochter eines Ukrainers und einer Russin sei und dass der Kreml den verbrecherischen "Bruderkrieg" sofort stoppen solle. Sie schäme sich dafür, beim ersten Kanal gearbeitet zu haben. Und sie rief zum Protest auf: "Es liegt nur an uns, diesen ganzen Wahnsinn zu beenden. Geht demonstrieren. Fürchtet nichts. Sie können uns nicht alle einsperren."

Groll unter den Oligarchen

Ist Owsjannikowas mutige Tat ein Zeichen, dass Russlands System auf tönernen Füßen steht? Dass Putin gar um seinen Sessel fürchten muss? Könnte der Unmut über den Krieg gegen das stets beschworene "Brudervolk" in Russland doch größer sein als gedacht? Skepsis ist angebracht: Bisher hatte der Kreml Proteste stets im Griff. Gefährlich wurde es für Putin meist erst dann, wenn soziale Fragen Demonstrationen auslösten - die Außenpolitik erfuhr zumindest abseits von Moskau und St. Petersburg immer breite Unterstützung. Auch jetzt malen sich viele Autofahrer in Russland jenes "Z" auf ihr Gefährt, das den russischen Truppen in der Ukraine als Erkennungszeichen dient. Zudem hat Russland zwar eine gewisse Tradition aufrührerischen Protests und auch zwei bis drei Revolutionen hinter sich. Die fanden allerdings in einer absoluten Kriegs- und Krisenzeit statt. Und noch sind - trotz der einsetzenden Wirkung der westlichen Sanktionen - die Folgen des Krieges in der Ukraine nicht bei der breiten Masse der Russen angekommen. Wenn der Unmut auch wächst, so dürfte er - wie im benachbarten Belarus - doch mit Repression kontrollierbar sein.

"Stoppt den Krieg": Am Montag protestierte eine Mitarbeiterin des ersten Kanals des russischen Fernsehens gegen das Programm des Putin-nahen Senders. - © afp / Alexey Pavlovsky
"Stoppt den Krieg": Am Montag protestierte eine Mitarbeiterin des ersten Kanals des russischen Fernsehens gegen das Programm des Putin-nahen Senders. - © afp / Alexey Pavlovsky

Größer dürfte der Groll gegen Putin unter den Oligarchen sein, die von den westlichen Sanktionen unmittelbar betroffen sind. Sie haben kein Interesse daran, ihre Bindungen nach Westen zu verlieren: Ihre Kinder studieren an westlichen Universitäten, ihre Villen und Besitztümer im Westen schützen sie gegen die immer mögliche Enteignung durch die russische Staatsmacht.

Gefahr für Putin stellen sie aber keine dar: Ihnen fehlt der Zugang zum Sicherheitsapparat, der für einen Putsch unentbehrlich ist. Auch von der Regierung, die ihm unterstellt ist und in Russland keine entscheidende Rolle in Machtfragen spielt, hat Putin keinen wesentlichen Widerstand zu befürchten.

Bleibt der Sicherheitsapparat selbst. Nur Geheimdienste und das Militär hätten in Moskau die Möglichkeit, einen Coup d’état durchzuführen. "Die Armee hat in Russland aber keine Tradition in Sachen Staatsstreich", verweist Russland-Experte Gerhard Mangott im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" darauf, dass ein Militärputsch in Russland etwas völlig Neues wäre. Zudem sei Verteidigungsminister Sergej Schoigu in die Entscheidung, die Ukraine anzugreifen, eingebunden gewesen - ein Putsch sei da unwahrscheinlich.

Ein früherer Supermarkt für Haushaltsgeräte und Elektronik nach einem Beschuss in Charkiw. 
- © afp, Sergey Bobok

Ein früherer Supermarkt für Haushaltsgeräte und Elektronik nach einem Beschuss in Charkiw.

- © afp, Sergey Bobok

Und die Leute aus dem Geheimdienst, die berüchtigten "Silowiki"? "Putin braucht sie für die Repression nach innen und außen, und die Silowiki brauchen Putin, weil er ihren Einfluss in den letzten Jahrzehnten erheblich erweitert haben", erklärt Mangott. Außerdem komme Putin selbst aus den Reihen der Silowiki. Ein Putsch der Geheimdienste wäre für den Politologen zum jetzigen Zeitpunkt deshalb sehr überraschend und kaum vorstellbar - "zumal manche Geheimdienstler noch radikaler sind als Putin selbst".

Angst vor Staatszerfall

Freilich schränkt auch Mangott ein, dass der Krieg hier die Karten neu gemischt hat. Putin, früher ein Symbol für Stabilität um jeden Preis, wurde mit dem Ukraine-Krieg für seine Umgebung zum Unsicherheitsfaktor. Der Krieg hat schon jetzt manche Schwächen der russischen Armee aufgedeckt, die die Propaganda vorher übertüncht hatte.

Eine verheerende Niederlage würde Putin in der Tat massiv schwächen - und könnte auch in den Reihen der vielen Geheimdienste und Sicherheitsstrukturen, die Putin bisher routiniert gegeneinander ausgespielt hat, ein Umdenken auslösen.

Ob man ausgerechnet innerhalb der "Dienste" einen Staatsstreich wagt, darf dennoch bezweifelt werden: Der letzte Elitenputsch in Moskau, der gegen Sowjetführer Michail Gorbatschow, endete mit dem Zerfall der Sowjetunion - einem gerade für Putin und seine Silowiki traumatischen Ereignis. Den möglichen Zerfall des fragilen Vielvölkerreiches will nicht nur Putin, sondern auch der Apparat um ihn verhindern - und das wohl mit allen Mitteln.