Der massive Beschuss ukrainischer Städte durch Russland steht derzeit im Fokus der Berichterstattung über den Krieg. Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass die ukrainischen Verteidigungstruppen vor allem im Süden immer mehr unter Druck geraten, analysiert Oberst Markus Reisner, Leiter der Entwicklungsabteilung der Theresianischen Militärakademie, die aktuelle Lage im Gespräch mit der APA.

Während ukrainische Spezialeinsatzkräfte und Soldaten der Nationalgarde im Nordosten und Osten den russischen Vormarsch durch gezielte Angriffe und Hinterhalte auf die Versorgungsstraßen verzögern, stelle sich die Situation im Süden anders dar. "Das Gelände im Süden wird von Steppe dominiert. Hinterhalte in einem solchen Gelände mit leichten Kräften durchzuführen, ist sehr schwierig, um nicht zu sagen selbstmörderisch. Daher ist den Russen in der Region rund um Cherson relativ leicht die Überquerung des Dnjepr gelungen."

Einkreisung der ukrainischen Streitkräfte droht

Den Ukrainern droht hier nun ein möglicher Durchbruch der Russen hinter dem Dnjepr und die Einkreisung der ukrainischen Streitkräfte entlang der Kontaktlinie im Osten des Flusses, erklärt Reisner. "Die Russen machen derzeit viel Druck auf Izjum, das zwischen Charkiw und Mariupol liegt. Es ist das Tor nach Westen und Südwesten." Sollte dies gelingen, bliebe den Ukrainern nur mehr die Möglichkeit entlang des Dnjepr eine Verteidigungsstellung aufzubauen, abgestützt auf die Städte und Übergangsstellen vor allem bei Dnipro und Saporischschja.

Die Übergänge über den Dnjepr seien daher für die Ukrainer von entscheidender Bedeutung. Wenn zum Beispiel Saporischschja, der nächste Grenzübergang bei Dnejpr nach Cherson, eingenommen werde, "sind die ukrainischen Streitkräfte im Osten eingeschlossen oder müssen Richtung Nordwesten entlang des Flusses ausweichen, um den nächsten Übergang zu finden." Der einzige Weg, dieser Bedrohung entgegenzuwirken, wäre ein massiver Gegenangriff der ukrainischen Streitkräfte. "Das Problem ist, dass dafür zumindest lokal und vorübergehend Luftüberlegenheit erforderlich wäre", so Reisner.

In Mariupol sind vor einigen Tagen russische Marinesoldaten gelandet, um die Einkreisung der Stadt zu vollenden. Ähnliches kann auch bei Odessa erwartet werden. "Dies ist eine gängige Taktik. Es würde Sinn machen, dass die gestern aufgeklärte Versammlung einer russischen Amphibienstreitmacht in der Nähe von Odessa das erste Signal für einen möglichen Kampf um Odessa bedeutet."

Russen wechseln zu "totaler Kriegsinvasion"

Der Beschuss von Kiew, Charkiw und Mariupol in der vergangenen Nacht sei in seiner Intensität beispiellos gewesen, erzählt Reisner weiter. "Wie von Anfang an betont, sieht es so aus, als hätten die Russen begonnen, ihre Handschuhe auszuziehen. Wir wechseln von einer am Beginn moderaten Invasion zu einer totalen Kriegsinvasion". Die 35-stündige Ausgangssperre in Kiew sei ein "klares Zeichen für eine weitere Eskalation". Die Verteidiger wollen damit eine klare Unterscheidung zwischen Freund und Feind erreichen.

Es würden russische Spezialkräfte und Agenten verdeckt in der Stadt operieren, um mögliche Schwachstellen des Verteidigungsperimeters rund um die Stadt zu sondieren und Ziele für zukünftige Raketen- und Luftangriffe zu markieren. Die Ukrainer wollen das unterbinden und müssen dafür sorgen, dass auf den Straßen keine Zivilisten mehr unterwegs sind. "Wer dennoch angetroffen wird, auf den wird im schlimmsten Fall das Feuer eröffnet", sagt der Experte. (apa)