Ivana sitzt auf einer Parkbank vor einer Wohnhausanlage im Westen Wiens und streichelt ihren Hund. Er sei ihr einziger Lichtblick in diesen Tagen, sagt sie seufzend, während der getigerte Welpe verspielt an den Schnürsenkeln ihrer Turnschuhe zerrt. Fünf Stunden hatte sie vor dem Beratungszentrum für Flüchtlinge im Austria-Center gewartet, "aber sie haben mich nicht mehr reingelassen", erzählt sie. Morgen will sie es wieder versuchen, um an Informationen, Papiere und eine Registrierung zu kommen. So wie die tausenden übrigen geflüchteten Frauen und Kinder, die es in den vergangenen Tagen aus der Ukraine nach Wien geschafft haben. Allein Ivana ist keine von ihnen. Sie ist Russin, Staatsbürgerin jenes Landes, das den Krieg begonnen hat.

Dass man mittlerweile auch in Österreich auf Russen nicht allzu gut zu sprechen ist, hat die 29-Jährige schon am eigenen Leib erfahren. Dabei lebt sie seit Jahren in Wien, hat hier studiert und spricht sehr gut Deutsch. Das Austria-Center aufgesucht hat sie für ihre russischen Eltern, die aus ihrer Heimatstadt St. Petersburg nach Österreich geflohen sind, um den Repressionen der Staatsmacht zu entgehen. Pjotr und Marina sind nämlich keine Anhänger von Wladimir Putin. "Wenn du heute in Russland nicht offen für Putin bist, bist du verdächtig", erklärt Ivana. "Es genügt nicht mehr, bloß zu schweigen." Außerdem, fährt sie fort, hatten die Wirtschaftssanktionen ihrer Familie extrem zugesetzt: "Die Situation hat sich stündlich verschlechtert, es kamen immer härtere Einschränkungen. Dabei wollte mein Papa gar nicht weg, seine Firma und die Wohnung zurücklassen."

Als es dann aber hieß, dass der allgemeine Bank-Zahlungsverkehr noch am gleichen Tag eingeschränkt würde, packten die Eltern die Koffer und buchten einen Flug nach Istanbul in der Türkei, eine der letzten Destinationen, die damals noch erreichbar waren. Damit ihre wertvollen Ersparnisse nicht vom fallenden Rubel aufgefressen werden, setzte sich Ivana in Wien zur selben Zeit vor den Computer und ging mit Mamas Kreditkarte auf Shoppingtour. Sie legte das Geld bei Versandhäusern und Markenkonzernen an, in der Hoffnung, dass ihr Freunde und Bekannte die Gutscheine abkaufen würden. "Ein günstigerer Weg, das Geld rauszubringen, ist mir in der Eile nicht eingefallen."

Ivana blickt nach oben. Die Sonne ist bereits am Untergehen und es ist kalt. Ihr Welpe rollt sich dennoch vergnügt in einem Laubhaufen und ahnt nichts von Frauchens Problemen, die nicht unbedingt einfacher zu werden scheinen. "Ich habe auch in Ukraine Familie", stößt die junge Frau dann hervor. "Mein Onkel und meine Cousins sind noch in Kiew, bewachen die Wohnung und kämpfen in der ukrainischen Armee." Lediglich ihre Tante Olga und ihre Nichte Oksana konnten aus der Hauptstadt entkommen und nach Polen fliehen, wo sie nach zwei Tagen Wartezeit einen Zug nach Krakau und dann nach Wien bestiegen. "Meine Tante ist heute angekommen, sie sind noch ganz fertig", sagt Ivana. "Sie sind jetzt in meiner Wohnung."

Kalte Nächte in der Tiefgarage

Ivanas Wohnung ist klein und misst etwa 60 Quadratmeter, die hellen Möbel und großen Fenster vermitteln einen freundlichen Eindruck. Kurz zuvor hatten sich hier emotionale Szenen abgespielt, lag sich die russisch-ukrainische Familie nach langen Tagen der Ungewissheit in den Armen. Dementsprechend gelöst ist anfangs die Stimmung. Ivana serviert Tee und Kekse, der Platz auf dem Wohnzimmertischchen ist begrenzt. Das Sofa ist ausgezogen und dient den Flüchtlingen als Bett. Der Fernseher, neben dem Internet die einzige Informationsquelle über den Krieg in der Heimat, ist ausnahmsweise abgeschaltet. Oksana, die den ganzen Abend kaum ein Wort sagen wird, wirft sich aufs Couchbett, die übrige Familie nimmt auf Klappsesseln Platz.

Sie alle können nicht fassen, was in den vergangenen 14 Tagen geschehen ist, wie ihr Leben und die Beziehung zwischen den Ländern, in denen bis vor kurzem noch friedlich gelebt haben, so rasch und brutal in die Brüche gehen konnte. Mit Tränen in den Augen lässt Olga noch einmal die kalten und dunklen Nächte in jener Kiewer Tiefgarage, in die sie sich mit Oksana geflüchtet hatte, Revue passieren, sie erzählt von Geschützdonner, Soldaten und Straßensperren. Olga spricht Russisch, ihre Muttersprache. Sie hat wie ihr Mann Oleg Russland stets als Bruderland betrachtet, ja einmal sogar Sympathien für Putin gehegt. Aber der Einmarsch sei ganz klar ein schwerer Fehler gewesen, erklärt sie. "Wir dachten alle, das ist alles ein Bluff, ein Spiel", ergänzt Pjotr. Für ihn gibt es aus dem Konflikt nur einen Ausweg: Die russische Armee muss abziehen - und Putin weg.

So wie der Vater denken nicht wenige Russen. Mehr als 100.000 haben in den vergangenen Tagen die Koffer gepackt, sind nach Georgien, Armenien oder in die EU geflohen. Die meisten haben eine gute Ausbildung und Geld und daher viel zu verlieren. Hinzu kommt die Befürchtung, dass Putin das Kriegsrecht ausrufen könnte, dann müssten alle Männer im wehrfähigen Alter an die Front. Kirill Martinow, Vize-Chefredakteur der "Nowaja Gazeta", brachte die Lage im Land auf dem Punkt. "Wenn man in Russland ist, kann man sich nicht verstecken", sagte er kürzlich in einem Online-Gespräch mit Journalisten und betonte, dass es mittlerweile kein Gesetz mehr in Russland gebe. Der Willkür sind aufgrund des neuen Zensurgesetzes keine Grenzen gesetzt, und jeder kann von der Straße weg festgenommen werden.

Pjotr will sich daher keinen Illusionen hingeben. "Wir werden niemals demokratisch sein", sagt er und nippt an seinem Tee. "Nicht bei dem geltenden System." Sollte der Krieg länger dauern und sich die Lage in Russland nicht ändern, würde er gern in Österreich bleiben, Deutsch lernen und ein "Business" eröffnen. Vor allem könnten er und Marina dann ihrer Tochter nahe sein. Sein Blick trifft Ivana, die verlegen lächelt. Für Olga kommt ein Verbleib in Wien vorerst nicht in Frage. Sie möchte zurück nach Kiew, auch wenn die vergangenen Jahre für die russische Minderheit in der Ukraine nicht gerade einfach waren. Dem amtierenden Präsidenten Wolodymyr Selenskyj etwa, der vom Westen aktuell als Held gefeiert wird, traut sie noch immer nicht über den Weg. "Ich glaube ihm nicht ganz und habe ihn auch nicht gewählt", betont die Tante. "Für uns Russischsprachige war Selenskyi nicht gut."

Ähnlich wie die Nazis

Dass Putin die Regierung Selenskyj als faschistisch bezeichnet, findet Olga hingegen übertrieben, ebenso Marina. "Irgendwie hat es Putin geschafft, Russland als Opfer darzustellen. Er behauptet etwa allen Ernstes, die Ukrainer würden sich selbst bombardieren und die Schuld den Russen zuschieben - und die Leute glauben ihm das. Dabei wissen wir selbst, wie es ist, angegriffen zu werden", meint Marina, auf die deutsche Belagerung von Leningrad von 1941 bis 1944 anspielend. Auf die Frage, ob man Putins Angriffskrieg mit jenem der Nazis auf die Sowjetunion vergleichen könne, antwortet Pjotr rasch: "Natürlich ist der Nazi-Vergleich nicht okay, aber es ist trotzdem ähnlich. Ich hoffe, dass es nicht so kommt." Das hofft auch Olga, die um die Unversehrtheit ihres Mannes und der Söhne in Kiew bangt. Zwar seien Wohnung und Internet unbeschädigt, aber das könne sich ändern, meint sie. "Ich wünsche mir so, dass sie am Leben bleiben."

Über den Dächern Wiens ist in der Zwischenzeit die Sonne untergegangen, die Tassen sind leer, im Vorraum liegt Ivanas Welpe zusammengekuschelt in einer Ecke. Morgen will sie nochmals versuchen, ihre Familie als Flüchtlinge registrieren zu lassen. Es wird ein langer Tag werden. Die vergangenen Nächte schon hat sie kaum Schlaf gefunden. Aber wer kann das schon, in Zeiten wie diesen?

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