Der russische Geheimdienst FSB ist ein schwer zu entwirrendes Geflecht. Wer dort für wen arbeitet und wie seine inneren Strukturen genau ausschauen, ist für Außenstehende kaum zu entflechten - zumal sich die Dynamiken auch immer wieder schnell ändern. Eines ist nun aber offensichtlich: dass sich die russischen Geheimdienstler - und auch sonstige Zuträger von Präsident Wladimir Putin - bei der Einschätzung der Lage rund um den Einmarsch in der Ukraine gewaltig verschätzt haben.

Der stockende Vormarsch macht klar, dass die russische Armee auf einen längeren Krieg nicht vorbereitet war. Der Kreml rechnete vielmehr damit, die Ukraine schnell zu überrennen und zu erobern.

Zwei große Fehleinschätzungen lagen dieser Annahme zugrunde: Putin hat offenbar tatsächlich angenommen, dass die Russen als Befreier empfangen werden. Stattdessen ist seine Armee aber nun mit erbittertem Widerstand konfrontiert - und das selbst in Städten wie Charkiw, die großteils russischsprachig sind. "Vor einer solchen Operation schaut man sich zuerst den Zustand der Bevölkerung an, in welcher Situation man operieren wird", sagt ein ranghoher französischer Beamter und bescheinigt den russischen Geheimdiensten eine "sehr schlechte Analyse".

Außerdem haben Putin und seine Vertrauten offenbar die Schlagkraft der ukrainischen Armee vollkommen unterschätzt. "Was sie wahrscheinlich nicht richtig gesehen haben, ist, dass die ukrainische Armee, die die Krim ohne Gegenwehr hat einnehmen lassen, heute nicht mehr dieselbe ist wie 2014", analysiert ein westlicher Geheimdienst.

Auch die geschlossene und harsche Reaktion des Westens auf den Angriffskrieg war in Moskau anscheinend nicht erwartet worden. Trotz seiner großen Präsenz in Berlin habe der russische Geheimdienst "die strategische Wende der deutschen Regierung nicht vorausgesehen", schreibt die auf Geheimdienste spezialisierte Website "Intelligence Online". Demnach ging der Kreml "außerdem anfangs davon aus, dass Paris im Falle einer Intervention in der Ukraine eine nahezu neutrale Position beibehalten würde".

Aufgrund all dieser Fehler beginnt Putin nun offenbar, im FSB aufzuräumen. Vor wenigen Tagen berichteten russische Journalisten in der unabhängigen Onlinezeitung "Medusa" mit Sitz im lettischen Riga, dass der Leiter der Abteilung 5 des Inlandsgeheimdienstes FSB, General Sergej Besseda, und sein Stellvertreter Anatoli Boluch unter Hausarrest gestellt worden seien. Ein vom ehemaligen Oligarchen und heutigen Oppositionspolitiker Michail Chodorkowski finanziertes Portal behauptet hingegen, Besseda sei zwar verhört worden, aber noch im Dienst. Boluch wurde demnach entlassen.

Allerdings hat es Putin wohl selbst verschuldet, dass er so schlecht informiert wurde - weil er, wie so viele Langzeitherrscher, eine Atmosphäre um sich herum geschaffen hat, in der Angst vor Widerspruch vorherrschte.

Diesen Eindruck von Putins Umgang mit seinen Leuten vermittelte eine im Fernsehen übertragene Szene drei Tage vor Kriegsbeginn, bei der der Staatschef den Chef des Auslandsgeheimdienstes, Sergej Naryschkin, herunterputzte und öffentlich demütigte, sodass dieser es offenbar mit der Angst zu tun bekam und nur noch stammelte.

"Das Problem besteht weniger darin, ob der FSB schlechte Arbeit geleistet hat, was möglicherweise so ist, sondern dass das gesamte System genauso funktioniert: Sie würden Putin immer nur das berichten, was er ihrer Meinung nach hören möchte", sagte nun bei einem Telefonat aus London der russische Investigativjournalist Andrej Slodatow, der bereits Bücher über den FSB verfasst hat, der "Süddeutschen Zeitung".

Alter Freund aus
Petersburger Tagen

Viele russische Beobachter meinen auch, dass der frühere Geheimdienstchef Putin schon länger mit dem FSB unzufrieden war und in den vergangenen Jahren die Armee und andere Sicherheitsdienste die einflussreichsten Institutionen unter Putin wurden. Aus diesem Umfeld sollen mittlerweile auch die engsten Vertrauten des Präsidenten kommen.

Genannt wird etwa Nikolaj Patruschew - der Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates ist ein alter Kamerad Putins aus St. Petersburger Zeiten. Oder auch Verteidigungsminister Sergej Schoigu gilt als Putin-Vertrauter. Mit ihm fährt der Präsident auf Urlaub, Schoigu gilt als äußerst ergeben und loyal. Wenn nun aber die russische Armee in der Ukraine weiter nicht vorankommt, könnte auch für Schoigu die Luft dünner werden. (afp/klh)