Darf ein Artikel über die Ukraine trotz des unglaublichen, schrecklichen, beispiellosen Geschehens dort heute nur nostalgisch, melancholisch sein? Einem geschichtsbewussten Österreicher, der diesen mit 604.000 Quadratkilometern heute größten rein europäischen Staat - zum Vergleich: Österreich-Ungarn umfasste 1918 letztlich 675.000 Quadratkilometer - seit 1991 kennenlernen und seinen Westen und die Hauptstadt Kiew bis vor drei Jahren beruflich wie privat oft bereisen konnte, mag dies erlaubt sein.

Bis ins 18. Jahrhundert war das Gebiet an den Flüssen Weichsel, Bug, Pruth und Dnister Teil des Großpolnischen Reiches. Sein in Olesko geborener König Johann III. Sobieski ist noch in unseren Schulbüchern als Befreier Wiens von den Türken 1683 genannt und wird in Polen als "Held Europas" mit Denkmälern geehrt.

Ein Löwe bewacht das Rathaus von Lemberg ("Leopolis"). - © Stadler
Ein Löwe bewacht das Rathaus von Lemberg ("Leopolis"). - © Stadler

Galizien und Bukowina als neue Kronländer

1772 und 1795 waren ohne Befassung des Volkes durch Teilungen rund 80.000 Quadratkilometer an polnischen Gebieten habsburgisch geworden. Sie und die vom Osmanischen Reich 1775 abgetretene Bukowina (auch Buchenland genannt) mit 10.000 Quadratkilometern bildeten bis 1918 die Kronländer Königreich Galizien und Lodomerien sowie Herzogtum Bukowina, bald in rund 90 Bezirkshauptmannschaften sowie drei Städten mit eigenem Statut organisiert. Ihre Einwohnerzahl war bis 1910 auf neun Millionen angewachsen - das heutige Österreich hat etwa die gleichen Kennzahlen in Bezug auf Fläche, Verwaltungsstruktur und Einwohner.


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Vier Ethnien lebten in diesen Kronländern: Polen, Ruthenen (Ukrainer), Juden und Deutsche sowie in der Bukowina auch Rumänen. Die polnische Mehrheit nahm vom Westen (wo Galiziens Grenze durch Bielitz-Biala ging) nach Osten hin ab. Unter Kaiser Franz Josef ging ein guter Teil der staatlichen Investitionen in diese rückständigen Regionen, ähnlich wie bei Bosnien-Herzegowina.

Ende des 19. Jahrhunderts nahmen die Konflikte zwischen Polen und Ruthenen zu. Ab 1916 wurden in Wien unterschiedliche Projekte lanciert, um beide Volksgruppen bei Habsburg zu halten; sie scheiterten ebenso wie die im Frieden von Brest-Litowsk vom 25. Jänner 1918 durch die Mittelmächte zwecks Sicherung von Getreidelieferungen erfolgte Anerkennung eines eigenen ukrainischen Staates. Ein Bürgerkrieg war die Folge. Aus ihm gingen die Moskauer Bolschewiken als Sieger hervor (wie in Christoph Rellas Artikel im "Extra" am 5. März veranschaulicht): 1923 wurde Galizien polnisch, ein kleiner Teil im Osten sowjetisch.

Im Zweiten Weltkrieg kam es dann zu mehreren Grenzänderungen, 1945 zur "Westverschiebung" Polens zwischen Bug und Przemysl und zur Oder-Neiße-Grenze hin. Der Süden der Bukowina wurde rumänisch, ihr Norden und Ostgalizien wurden in der Volksrepublik Ukraine Teil der Sowjetunion. Ende 1991 erklärte sich die Ukraine für unabhängig. Simon Wiesenthal, geboren 1908 bei Kolomea, meinte einmal, wer in Galizien zu Ende der Donaumonarchie geboren worden sei, habe seine Staatsbürgerschaft bis zu sechsmal gewechselt, ohne nur einmal den Ort zu verlassen.

Mythos Galizien und Czernowitz als Klein-Wien

Das Gelb der heutigen ukrainischen Flagge symbolisiert die Weizenfelder, das Blau darüber den sommerlichen Himmel. Die Landschaft der westlichen Ukraine ist eine schier endlose Ebene schwarzer Erde mit langen bäuerlichen Straßendörfern und kleinen Städten. Die einzigen Konturen sind die Kirchtürme früher mehrerer Konfessionen, heute nur noch der Orthodoxen, vergoldete Turmzwiebel, und im Süden dunkel die Karpaten. Im Winter Eiseskälte, im Sommer gnadenlos brütende Sonne und Gewitter, mäandernde Flüsse, Sümpfe. Ihr Schilderer ist Joseph Roth, 1894 in Brody geboren, wo seiner bis heute erinnert wird. In seinen schwermütigen Romanen und Erzählungen lebt Galizien weiter. Wer es heiterer mag, dem sei von Alexander Roda Roda (geboren 1872 in Mähren) "Die Gans von Podwoloczyska" über ein unerwartet abzubrechendes Mittagessen nach 22 Stunden Bahnfahrt von Wien aus empfohlen oder die "Maghrebinischen Geschichten" von Gregor von Rezzori (geboren 1914 in Czernowitz).

Das von Fellner & Helmer erbaute Theater in Czernowitz. - © Stadler
Das von Fellner & Helmer erbaute Theater in Czernowitz. - © Stadler

Czernowitz (Cernivci), am Rande einst der UdSSR und heute der Ukraine und seit dem EU-Beitritt Rumäniens 2007 so nahe der EU, hat wohl am wenigsten sein Gesicht verändert: Der Bahnhof und die anderen ärarischen Bauten sind geblieben wie in Prag oder Salzburg und sehen auch gleich aus. Das jüdische Viertel hat seine Häuschen bewahrt, auch wenn deren Bewohner vertrieben wurden, das Theater von Fellner & Helmer in der Servitengasse steht noch immer.

Die Residenz des damals allmächtigen Metropoliten ist heute eine Universität. Der spätere österreichische Finanzminister Josef Schumpeter (1919) war einer ihrer Professoren - und an ihren Gründungsrektor Constantin Tomaszczuk erinnert in der Wiener Pelikangasse 10 eine Gedenktafel; während des Ersten Weltkrieges wurden übrigens Teile der Universität nach Wien ausgelagert. Die mächtige Austria-Statue wurde zwar 1919 gestürzt, doch 2006 eine von Franz Josef privat errichtet, gleich der im Wiener Burggarten. Welches Schicksal steht ihr bevor?

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Czernowitz trotz seiner damaligen Zugehörigkeit zu Rumänien eine intellektuell besonders fruchtbare Stadt, Außenposten der deutschen wie jüdischen Kultur weit im Osten. Manche der Anfang des 20. Jahrhunderts dort geborenen Literaten überlebten die Pogrome im Weltkrieg und fanden ihren Weg nach Westen: Rose Ausländer (geboren 1901), Paul Celan (geboren 1920), für den nach seiner Flucht das Jahr 1947 in Wien ebenso prägend wurde wie seine Beziehung mit Ingeborg Bachmann. Sein vom persönlichen Schicksal geprägtes Gedicht "Todesfuge" gehört zum Kanon der Weltliteratur.

Dass eine Stadt nach einem Dichter benannt ist, ist heute vielleicht einmalig: Das alte Stanislau der Monarchie wurde 1962 zu Iwano-Frankivsk, nach Ivan Franko. Geboren 1862, wurde er der erste Dichter in ukrainischer Sprache und trug damit zur nationalen Bewusstseinsbildung wesentlich bei. Mit den k.k. Behörden machte er anfangs durch Bestrafungen wegen nationaler Umtriebe Bekanntschaft, schließlich konnte er aber doch an der Wiener Universität promovieren. Ihm ist am Ring von Lemberg (Lwiw) ein monumentales Denkmal gewidmet; in Wien steht vor der jetzt in Renovierung befindlichen unierten ukrainischen Kirche St. Barbara in der Postgasse, dem Treffpunkt der Flüchtlinge, seine Büste, über dem Portal des Hauses Wipplingerstraße 24 verblasst eine Gedenktafel.

Lemberg: die Hauptstadt Galiziens

Georg Trakls letztes Gedicht "Grodek" trägt den Namen eines Dorfes an Straße und Bahn von Lwiw nach Przemysl. Die jetzt hier zur nahen polnischen Grenze Durchhastenden werden die etwas versteckt gelegene Gedenktafel kaum wahrnehmen. Ist vielleicht gut so, denn Hoffnung gibt dieses Gedicht vom September 1914 nicht: "Am Abend tönen die herbstlichen Wälder von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen und blauen Seen . . ."

Gerhard Stadler war Sektionschef im österreichischen Verkehrsministerium und danach Direktor der europäischen Flugsicherungsorganisation Eurocontrol. - © privat
Gerhard Stadler war Sektionschef im österreichischen Verkehrsministerium und danach Direktor der europäischen Flugsicherungsorganisation Eurocontrol. - © privat

Woran dachten wohl die Soldaten und ihre Offiziere des Zweiten k.u.k. Kaiserjägerregiments, als sie Mitte August 1914, aus Tirol "instradiert", am Bahnhof von Rava Ruska ankamen und den Angriffsplänen des Generalstabes folgend gleich durch den Steppensand an die russische Grenze marschieren mussten, zur "Feuertaufe", vom Regimentspfarrer mit Generalabsolution versehen? Einige Kilometer weiter, in Hujcze, steht ein monumentales Denkmal mit der Inschrift: "Hier ruhen Helden". Darunter Namen - viele Namen.

Anfang September 1914 las man in den Extraausgaben der Wiener Zeitungen: "Noch ist Lemberg in unserem Besitz." Noch - das waren vier Tage. Erst im Juni 1915 konnte Lemberg dann wieder zurückerobert werden. Die Stadt war schon als "Leopolis" von den polnischen Königen mit Architekten aus Italien geprägt worden. Ein barockes Juwel ist die St.-Georgs-Kathedrale über der Stadt - in ihr führte Franz Xaver Mozart 1826 das Requiem seines Vaters auf. In Lemberg geboren, teils aus Beamten- oder Offiziersfamilien, teils jüdisch waren unter vielen anderen die Wissenschafter Ludwig und Richard von Mises (geboren 1881 beziehungsweise 1883; Gedenktafel am Wiener Akademischen Gymnasium), Adam Wandruszka (1914), der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch (1836), der Nachrichtenoffizier und Spion Alfred Redl (1864) oder der Architekt Friedrich Ohmann (1853), von dem unter vielen anderen Bauten die Wiental-Verbauung beim Wiener Stadtpark stammt.

Das Lemberger Stadtbild wurde im 19. Jahrhundert durch ärarische Bauten ergänzt: Das Arsenal von Theophil von Hansen ist das Wiener Arsenal im Kleinen, das Spitalsviertel erinnert an Lainz, die Hotels und Palais von Fellner & Helmer an die Wiener Ringstraße. Und der heute in den Medien als Flüchtlingsdestination gezeigte Bahnhof war, fast unverändert, seinerzeit einer der größten und modernsten Österreich-Ungarns. Eine Ecke des Stadtfriedhofs am Lytschakiwski-Hügel erinnert an eine andere Tragödie: Von 1914 bis 1917 war beim späteren Flughafen Graz-Thalerhof ein Internierungslager für rund 30.000 russophile Ruthenen, die man aus dem Kriegsgebiet in Ostgalizien dorthin deportiert hatte. Etwa 1.700 von ihnen starben an Infektionskrankheiten. Mahnmale dazu stehen in den Friedhöfen von Lemberg und Feldkirchen (Steiermark); in Gmünd (Niederösterreich) und Wolfsberg (Kärnten) gab es ähnliche, größere Lager.

Der Nahe Osten Österreichs

Dass Österreich-Ungarn 1914 nach den USA und dem Russischen Reich der drittgrößte Erdölproduzent der Welt war, verdankte es den Ölquellen von Borislav und Drogobic. "Naphta" konnte dort sogar aus Brunnen geschöpft werden. Laut dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) - das zunächst in Galizien "erprobt" worden war - gehörte es den Grundeigentümern. Grund und Boden waren sehr kleinflächiger Besitz, sodass es häufig Streit gab - das k.k. Bezirksgericht Drohobytsch war mit mehr als 50 Richtern das größte Österreich-Ungarns. Die Ölförderung war sehr gefährlich, Brände und Streiks gab es häufig. Transportiert wurde das "Naphta" in Fässern und den ersten Tankwaggons. 1864 entstand die erste Raffinerie für Petroleum in Floridsdorf. Den Profit machten Unternehmer, die in der Wiener Innenstadt ihren Sitz hatten. Das letzte Palais im Ringstraßenstil wurde 1918 trotz der kriegsbedingten Einschränkungen fertiggebaut, für einen galizischen Ölmagnaten - Erdöl war inzwischen zum kriegswichtigen Produkt geworden. Heute beherbergt das Palais am Schwarzenbergplatz das Arnold Schönberg Center.

Vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg

In der Zwischenkriegszeit blieben die wirtschaftlichen Verbindungen mit Österreich auf das nunmehr polnisch gewordene Westgalizien und vor allem auf den Lebensmittelhandel (Meinl, Mautner-Markhof) beschränkt. Der kleine Ostteil kam nach dem bereits erwähnten Bürgerkrieg zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (UkrSSR) als Teil der Sowjetunion. Dort folgten stalinistische Säuberungen und der "Holodomor", eine durch den Getreideabtransport verursachte Hungersnot. Die in den Abmachungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion vom September 1939 enthaltene Ausdehnung der Interessensphäre nach Westen wurde 1941 mit dem Angriff Adolf Hitlers auf die Sowjetunion obsolet.

Während der deutschen Besetzung, an der auch die rumänische Armee und eine SS-Division aus Ukrainern beteiligt waren, kam es zu schweren Zerstörungen, Deportationen und Pogromen an Juden, etwa in Tarnopol 1943. Die als "Ukrainische Front" zusammengefassten Armeegruppen befreiten Anfang 1945, von der Westukraine und Ungarn kommend, Ostösterreich; ihr Marschall Fjodor Tolbuchin hatte vom Mai bis Juli 1945 sein Hauptquartier in dem am Mödlinger Bahnhof abgestellten ex-bulgarischen Königszug.

Die Ukraine wird ein souveräner Staat

In der Konferenz von Jalta auf der Krim wurden im Februar 1945 die neuen Grenzen im Wesentlichen festgelegt und das Gebiet bis zur neuen polnischen Grenze westlich von Lemberg wurde sowjetisch, also Teil der UkrSSR; ihr wurde 1954 noch die Krim zugeschlagen. 1991 erklärten sich im Zuge der "Perestroika" Michail Gorbatschows die meisten Sowjetrepubliken für unabhängig, so auch das Parlament in Kiew im August. Dem folgte eine Volksabstimmung im Dezember, bei der 92 Prozent der Ukrainer für die Unabhängigkeit ihres Landes stimmten.

In der folgenden grundsätzlich pro-westlichen Ausrichtung der Regierungen und des Parlaments in Kiew gab es Schwankungen. Das Assoziierungsabkommen mit der EU war extrem schwer zu verhandeln und wurde zwar 2014 unterschrieben, doch seine Umsetzung verlief mehr als schleppend - nicht zuletzt wegen der doch noch überwiegend sowjetisch geprägten Rechts- und Verwaltungsordnung.

Österreichische Unternehmen konnten aber, da frei von "Altlasten" und dank der Reminiszenzen an die gemeinsame ruhigen Geschichtsepoche, bald in der Ukraine Fuß fassen: Banken, Versicherungen, Baufirmen, Energieunternehmen. Die Austrian Airlines modernisierten mit ihrer 25-prozentigen Beteiligung die Ukrainian International Airlines und flogen bis zu sechs Destinationen im Land an. Dank eines liberalen Luftverkehrsabkommens aus dem Jahr 1995 war der Wiener Flughafen bald das Tor der Ukraine nach Westen. Auch das einzigartige Transportflugzeug Antonov 225 "Mrija" ("Traum"), Stolz der ukrainischen Nation, mit einem Abfluggewicht von bis zu 640 Tonnen, landete öfters in Linz und transportierte großvolumige Fracht. Seit 27. Februar liegt die Riesenmaschine allerdings zerschossen auf ihrem Heimatflughafen bei Kiew.

Nicht alle Investitionen von Österreichern in der Ukraine waren erfolgreich; nicht alle Ansiedlungen ukrainischer Oligarchen, etwa am Semmering, machen den Orten dauerhaft Freude. Und wer heuer bei der Gemüseernte in Thaur bei Innsbruck helfen soll, weiß man noch nicht; ebenso wenig, wer die bisher aus der Ukraine bezogenen Kabelbäume für die Automobilfertigung in Steyr künftig liefern soll.

Ein Mittelpunkt Europas in den Waldkarpaten?

Als das von Kaiserin Maria Theresia begonnene Jahrhundertwerk der Vermessung Österreich-Ungarns, um 1887 in die Waldkarpaten kam, konstruierte man, dass etwas südlich des Jablunica-Passes (der damaligen österreichisch-ungarische Binnengrenze) der Mittelpunkt Europas liege: 47°57’ nördliche Breite und 24° 12’ östlich von Greenwich.

Nun, das stimmt: Wenn man die Inseln weglässt und dann vom Nordkap zum Kap Matapan am Peloponnes eine Linie zieht und eine zweite von der Pointe du Raz zur Mündung des Ural-Flusses in das Kaspische Meer, so kreuzen sich beide in Rachiw. Dort steht ein Obelisk mit der lateinischen Inschrift "Locus Perennis" ("ewiger Ort"), nun blau-gelb gestrichen.