Ein Samstagvormittag in Szentendre, dem nördlich von Budapest gelegenen Barockstädtchen. Vis-a-Vis vom S-Bahnhof macht György Buzinkay Wahlkampf. Der 32-Jährige tritt bei den ungarischen Parlamentswahlen an für die Partei Momentum an, die dem Oppositionsbündnis angehört. Menschen besuchen den Stand, dokumentieren ihre Sympathie mit Buzinkay und der liberalen Partei mit ihrer Unterschrift und hoffen auf einen Regierungswechsel.

Zu den Sympathisanten gehört auch János. "Orbán muss endlich verschwinden, deswegen unterstütze ich Momentum", begründete der 70-Jährige. Der ungarische rechtsnationale Premier Viktor Orbán habe kein Vertrauen verdient. "1989 hat Orbán lautstark in Budapest gefordert, die Russen sollen abziehen, und heute biedert er sich ständig (dem russischen Präsidenten Wladimir) Putin an." Auch blühe unter Orbán Korruption. "Die stopfen sich die Taschen voll, sollten lieber mal nach Ostungarn schauen, wo die Menschen in großer Armut leben." Die "Wahlgeschenke" der Regierungspartei Fidesz würden viele Ungarn noch lange nicht zu Orbán-Wählern machen. "Wir lassen uns nicht kaufen. Auch wenn ich noch mehr Pension erhalten würde und billig tanke, so gebe ich meine Stimme doch der Opposition", verkündete der frühere Busfahrer.

Hoffnung auf Politiologen

Der Politologe Buzinkay ist Kandidat für den 3. Wahlkreis des Komitats Pest, mit über 1,3 Millionen Einwohnern der größte Verwaltungsbezirk Ungarns. Dazu gehören auch Szentendre und Umgebung. Seine Kandidatur gewann Buzinkay bei den Vorwahlen der Oppositionsparteien im Herbst 2021. Erstmals tritt die bisher zersplitterte Opposition gemeinsam gegen die übermächtige Regierungspartei Fidesz an.

Auf dem Wahlprogramm des 32-Jährigen stehen Verbesserungen bei Gesundheitswesen, Arbeit, Verkehr. Die Versorgung der Bürger müsse mittels des Baus eines neuen Zentralspitals in der Region gesichert werden. Ebenso wichtig seien die Förderung der Einrichtung von Home Office sowie die Schaffung von wohnortnahen Arbeitsplätzen. Nach Punkt drei im Programm, dem Verkehr, erkundigt sich eine junge Frau. Sie beanstandet aufgeregt die "unzumutbaren Zustände" am S-Bahnhof, die veralteten S-Bahn-Züge. Ein Ehepaar bemängelt wiederum, dass Buzinkay sein Programm nicht ausreichend präsentiere. Das läge einfach an den knappen Finanzen, verteidigt sich der Politiker. Die Opposition könne ihren Wahlkampf nicht wie Fidesz mit Steuergeldern führen.

Junge Aktivisten

Am Stand von Momentum treffen mehr als ein Dutzend junger Leute ein. András gibt als Koordinator Anweisungen. In Rucksäcken verschwinden Stapel von Flyern, bedruckt mit Informationen über Wahl und Land, die letztlich in Briefkästen wandern. "Wir haben viele junge Aktivisten, die uns helfen, sich über Facebook absprechen und dann hier ihre Hilfe anbieten", lobte András. Er erinnerte an die Überschrift des Blattes: "Druck auch Du es aus" (NYOMTASS TE IS) und dessen Bedeutung für die Übermittlung authentischer Informationen. Denn die Übermacht von Fidesz in den Medien würde diese verhindern.

Buzinkay tritt am 3. April an gegen die Kandidatin der rechtsnationalen Regierungspartei Fidesz, die Staatssekretärin für EU-Entwicklungspolitik des Ministeriums für Humanressourcen, Eszter Vitályos, an. Buzinkay wirft ihr vor, mit EU-Geldern Wahlkampf zu machen. Aktuell verteilte Vitályos Notebooks in Schulen ihres Wahlkreises.

Eine Anzeige bei der Wahlkommission blieb letztlich ohne Folgen, denn die Kurie (Oberstes Gericht) wies die Anschuldigung zurück. Es sei nicht zu beanstanden, wenn eine Kandidatin und Staatssekretärin in der Wahlkampagne mit EU-Geldern erworbene Notebooks in einer Schule des eigenen Wahlkreises verteile, hieß es.

Applaus fand dieses Urteil bei einer Wahlveranstaltung in der Gemeinde Üröm, wo Vitályos jüngst ihre Anhänger traf. Bei Brötchen und Wein wurden Fragen gestellt, vor allem nach einer Umgehungsstraße und der Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung. Die 43-jährige Juristin berichtet von der Tätigkeit des Verbandes Pilis-Dunakanyar (Pilis-Donauknie), den sie gegründet hatte und der die Entwicklungsstrategie der Region konzipierte. Der Name des Verbandes, "Átölel" (Umarmen), spreche auch für das Ziel des Zusammenhaltes.

Eine Pensionistin hofft, dass Vitályos die Wahlen gewinnt. "Ich bete zu Gott, dass er den Menschen so viel Verstand gibt, dass sie Eszter wählen. Denn würde die andere Seite siegen, würden unsere Pensionen gekürzt, das Gesundheitswesen zerstört." Für einen anwesenden Mann ist es wiederum völlig egal, ob der Fidesz-Kandidat bei den Parlamentswahlen Vitályos heißt oder nicht, er würde jedem Kandidaten der Orbán-Partei seine Stimme geben. Für eine 50-Jährige ist die Mutter zweier Kinder der "Garant für ein besseres Leben" im Wahlkreis. "Eszter hat Energie, macht Mut, strahlt Zuversicht aus, ist immer freundlich." Die anderen Frauen der Runde nicken zustimmend.

Ein Ehepaar trifft ein. "Wir kommen gerade vom Momentum-Stand von Buzinkay, er macht auch gerade zwei Ecken weiter Wahlkampf in Üröm. Wir wollen beide Seiten kennenlernen." Wahlkampf zur gleichen Zeit und vor dem Haus des Pfarrers, das generiert Kritik. "Warum hat der Herr Pfarrer dem Gegner von Eszter, dem Buzinkay, denn erlaubt, seinen Stand vor dem Pfarrhaus aufzustellen? Das soll er nicht noch einmal machen", warnte eine kleine betagte Frau.

Rund drei Wochen vor den Parlamentswahlen lautet die Frage, ob die Karten am 3. April neu gemischt werden. Umfragewerte sprechen von einem Vorsprung von Fidesz gegenüber der oppositionellen Allianz. Auch würde der russisch-ukrainische Krieg zunächst die Regierung begünstigen, hieß es laut Meinungsforschungsinstitut Medián. (apa)