Peter Marki-Zay ist ein Mann der Überraschungen. "Ich habe noch nie eine Umfrage gewonnen, aber schon drei Wahlen", gibt sich der Spitzenkandidat der vereinigten ungarischen Opposition kurz vor der Parlamentswahl am Sonntag in den Medien zuversichtlich. Dabei hat er sich eine enorme Aufgabe gestellt: Er will den mächtigen Regierungschef Viktor Orban und dessen rechtsnationale Fidesz-Partei an der Wahlkabine ablösen und eine westlich orientierte Regierung formen.

Marki-Zay ist ein Mann, der auch derartige Herausforderungen nicht scheut. Er wurde 1972 in eine christlich-konservative Familie im südostungarischen Hodmezövasarhely geboren, das er seit 2018 auch als Bürgermeister leitet. Marki-Zay holte sich laut seinem Lebenslauf an verschiedenen ungarischen Hochschulen und Universitäten gleich drei Diplome, nämlich in Marketing, Geschichte und Elektrotechnik. Schließlich promovierte er in Wirtschaftsgeschichte an der Budapester Pazmany-Universität. Er ist seit 1994 mit Felicia Vincze verheiratet, das Ehepaar hat sieben Kinder, von denen fünf bereits erwachsen sind. Ab 2004 lebte die Familie zunächst in Kanada und anschließend in den USA, bevor sie 2009 wieder in die Heimat zurückkehrte und sich in Marki-Zays Geburtsstadt ansiedelte.

 

Hodmezövasarhely mit seinen knapp 45.000 Einwohnern galt als Fidesz-Hochburg. Marki-Zay ließ sich von den Oppositionsparteien bei einer Zwischen-Bürgermeisterwahl aufstellen und siegte überraschend souverän. 2019 wurde er dann bei der regulären Kommunalwahl wiedergewählt, wobei Fidesz auch die Mehrheit im Gemeinderat verlor.

Bei der Oppositions-Vorwahl im Herbst 2021, die die gemeinsamen Kandidaten in den 106 Wahlkreisen und zudem dem gemeinsamen Spitzenkandidaten bestimmte, galt der Bürgermeister der Kleinstadt zunächst als Außenseiter. Seine Konkurrenten waren beispielsweise das Stadtoberhaupt von Budapest, Gergely Karacsony, oder die Europaparlamentarierin Klara Dobrev, Ehefrau von Ex-Regierungschef Ferenc Gyurcsany. Doch mithilfe einer groß angelegten Online-Kampagne konnte sich Marki-Zay durchsetzen, dabei punktete er insbesondere bei Jungwählern. Zentral war auch, dass der ursprünglich als Favorit geltende Karacsony verzichtete. Er repräsentiert eine links-grüne Partei, Orban hätte somit leichtes Spiel gehabt, Karacsony als abgehobenen Kandidaten der Hauptstadt zu porträtieren, der die Probleme der Bevölkerung am Land nicht kennt. Marki-Zay siegte in der Stichwahl gegen Dobrev, deren Gatte Gyurcsany ebenfalls zu den Lieblingsgegnern von Fidesz zählt. So steht Marki-Zay an der Spitze, obwohl seine Bewegung MMM (Ungarn gehört jedem) nicht einmal Teil des Sechs-Parteien-Bündnisses war, das die vereinigte Oppositionsliste ursprünglich beschlossen hatte.

In einer konservativen Gesellschaft wie der ungarischen habe nur ein Konservativer eine wirkliche Siegchance, ist sich Marki-Zay sicher. Er gibt unumwunden zu, früher Orbans Partei Fidesz gewählt zu haben. Dass sich seine ideologischen Positionen nicht geändert haben, darüber lässt der 49-Jährige keinen Zweifel: "Ich bin ein rechtskonservativer Katholik." Mit Themen wie den Rechten Homo-, Bi- oder Transsexueller tue er sich schwer. Eine weitere Parallele zu Orban ist der restriktive Kurs in der Asylpolitik. Ungarns Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Serbien würde unter seiner Regierung nicht demontiert, stellte Marki-Zay klar.

Respekt statt Populismus

Der größte Unterschied zu Orban betrifft den Politikstil: Minderheiten möchte Marki-Zay dennoch respektvoll begegnen und nicht in populistischer Form instrumentalisieren. Dazu passt auch, dass der siebenfache Vater gegen Abtreibungen ist, diese aber nicht unter Strafe stellen würde.

Die Korruption und Scheinheiligkeit von Fidesz habe ihn von Orbans Partei entfremdet. "Ich war schon ein gläubiger Mensch, als sich Orban noch im Parlament über die Christen lustig gemacht hat", verweist Marki-Zay auf die Frühzeit von Fidesz Anfang der 1990er Jahre. Eines der liebsten Gesprächsthemen des Oppositions-Spitzenkandidaten, das vermutete homosexuelle Doppelleben von hohen Fidesz-Politikern, sorgt in Teilen des Oppositionsbündnisses jedoch für Unbehagen. Kopfschütteln erntete Marki-Zay mit der unbelegten Behauptung, wonach Orbans Sohn schwul sei und von seinem Vater "verleugnet" werde.

Marki-Zay ist auch bei seinen Auftritten vor Wählern immer wieder für Überraschungen gut. Von "Abenteuern" spricht die Chefin der liberalen Momentum, Anna Donath. Deren Partei ist Teil des Oppositionsbündnisses. Sie muss gute Miene machen und darauf hoffen, dass Marki-Zay die Opposition entgegen den Umfragen doch zum Wahlsieg am Sonntag führt. (apa/red.)