Mit der Außen- und der Fremdwahrnehmung ist das so eine Sache. Egal, ob es um Menschen geht oder um Orte. Die Bilder, die in den vergangenen Wochen von der ukrainischen Millionenstadt Odessa um die Welt gingen, zeigten stets die gleichen Motive: die mit Sandsäcken verbarrikadierte Oper; die abgesperrte Potemkinsche Treppe; die Angehörigen der Militärpolizei, die in allen Himmelsrichtungen über die Eingänge zur historischen Altstadt wachen. Im Westen steht Odessa im Ruf einer Kunst- und Kulturhauptstadt, mit einer trotz dunkler Kapitel in seiner Geschichte - hier fanden einige der schlimmsten Judenverfolgungen im Osteuropa des 19. und 20. Jahrhunderts statt - langen Tradition als kosmopolitischem Zentrum der Schwarzmeerregion.

Die wirtschaftliche Basis dafür schufen indes weder Architekten noch Schriftsteller noch Künstler oder Komponisten. "Das wahre Herz von Odessa schlägt am Hafen", sagt einer, der dort vor knapp 20 Jahren seine Ausbildung begann. Letztere führt ihn bis heute rund um den Globus. "Außer nach Neuseeland. Ich weiß nicht warum, aber dort war ich noch nie", sagt Jurij. Der 37-Jährige ist in Odessa geboren und aufgewachsen. Trotz jobbedingter, langer Abwesenheiten kann er sich ein Leben ohne seine Heimatstadt nicht vorstellen. Verlassen würde er sie nur, wenn sie die Russen einnehmen: "Russland ist ein Gefängnis. Die Leute dort sind Gefangene, auch wenn die meisten von ihnen das nicht schnallen."

Der leidenschaftliche Seemann Jurij (l.) brachte es zum Weltmeistertitel in Karate. - © Stimeder
Der leidenschaftliche Seemann Jurij (l.) brachte es zum Weltmeistertitel in Karate. - © Stimeder

Seit Kriegausbruch befindet sich Odessa im Belagerungszustand. Vor seiner Küste kreuzen seit einem Monat über ein Dutzend Kriegsschiffe der russischen Schwarzmeerflotte. Wenn man die Strandpromenade entlang spaziert, lassen sich an klaren Tagen manche mit freiem Auge ausmachen. Die Entfernung zur 2014 von Russland besetzten Halbinsel Krim, von wo aus seit Kriegsbeginn hunderte Raketen abgefeuert werden, beträgt nur knapp 300 Kilometer.

Jurij begegnet der Situation mit Galgenhumor: "Wir sind halt alle Nazis hier. Wir trinken Nazi-Bier, wir essen Nazi-Steaks, wir leben in Nazi-Häusern und unsere Eltern, Frauen und Kinder sind auch alle Nazis. Ach ja, und unser jüdischer Präsident ist natürlich auch einer."

Relativ guter Verdienst

Wenn die Rhetorik Wladimir Putins nur halb so skurril wäre, wie sie ist, könnte Jurij darüber einfach nur lachen. Die Bitterkeit und die Wut zu übertünchen, die er und seine in Odessa gebliebenen Freunde und Familienmitglieder gegenüber den Russen empfinden, dafür reicht es oft trotzdem nicht. Bis zum Zeitpunkt des Einmarsches führte Jurij ein für hiesige Verhältnisse gutes Leben. Seeleute mögen in der gesellschaftlichen Hierarchie der Hafenstadt nicht an der Spitze stehen, aber sie verdienen vergleichsweise gut. Während eine Mittelschullehrerin in Odessa oft auf keine 300 Euro im Monat kommt, zahlt die deutsche Firma, die ihn zwischen fünf und acht Monate im Jahr quer über die Weltmeere schickt, zehnmal so viel. "Es ist nicht fair, das stimmt schon. Aber du darfst nicht vergessen, dass wir fünf Jahre lang eine harte Ausbildung durchmachen mussten. Und die Seeleute aus dem Westen verdienen noch mehr als wir. Selbst wenn sie den gleichen Rang haben oder sogar darunter."

Am Strand von Odessa werden Barrikanden errichtet. 
- © afp, Oleksandr Gimanov

Am Strand von Odessa werden Barrikanden errichtet.

- © afp, Oleksandr Gimanov

Trotz seiner relativ jungen Jahre hat es der Absolvent der "Odessa Maritime Academy" bereits zum Chief Officer gebracht. Darüber gibt es in der internationalen Seemanns-Hackordnung nur mehr einen Rang: Kapitän. Stolz zeigt der Glatzkopf, der einst Karate-Weltmeister in seiner Gewichtsklasse war (1999 und 2005), seine Zertifikate und Auszeichnungen: "Den Großteil unseres praktischen Trainings haben wir hier am Hafen absolviert. Von der Pike auf. Odessa mag eine der schönsten Altstädte der Welt haben, aber ohne den Hafen wäre es nichts."

Seemann-Dynastie

Die wirtschaftliche Realität seines Landes gibt dem Seemann recht. Laut den Informationen der Marineagentur SIF Service, die von Odessa ablegende Schiffe mit Crews und Equipment versorgt, ist der mit Abstand größte und modernste Hafen der Ukraine in der Lage, bis zu 21 Millionen Tonnen Trockenware und bis zu 25 Millionen Flüssigware zu handeln. Weizen, Sonnenblumenöl, Eisen, Stahl, Chemikalien, Maschinenbauteile: In Friedens- wie in Kriegszeiten gibt es kaum ein Produkt, das das 44-Millionen-Land exportiert, das nicht auf die hier liegenden Tanker verladen wird.

Wiewohl sein Kommandozentrum nur ein paar Steinwürfe von der historischen Altstadt liegt, strecken sich seine 54 Ankerplätze über eine Länge von acht Kilometern die Küste entlang. Auch Kreuzfahrtschiffe halten hier, die Touristen aus der ganzen Welt zwischen Schwarzmeer-Metropolen wie Istanbul, Varna und dem besetzten Sewastopol hin und her schippern. Zuletzt lag die Zahl der Besucher, für die ein Tagesausflug nach Odessa zum Fixpunkt ihres Programms gehörte, bei knapp unter vier Millionen.

Die Rolle, die der vor 228 Jahren eröffnete Hafen für die hier lebenden Seeleute einnimmt, geht indes weit über seine ökonomische Bedeutung hinaus. Für Jurij stand immer fest, was er werden wollte. Vom Großvater, der der Stadt einst als Leuchtturmwärter diente und seine Frau auf einem Schiff kennenlernte, auf dem sie als Funkerin arbeitete, über seinen Vater, der ebenfalls sein gesamtes Berufsleben als Seemann verbrachte: In Jurij lebt eine Familientradition weiter, die in anderen Hafenstädten Europas weitgehend verloren gegangen ist. Mit allen damit einhergehenden Begleiterscheinungen. Jurij ist zweimal geschieden. Wenn er in See sticht, bekommt er seine kleine Tochter aus erster Ehe oft über ein halbes Jahr nicht zu sehen. Das Einzige, was ihm in dieser Zeit Trost spendet, ist sein Smartphone, auf dem er unzählige Videos und Fotos von ihr gespeichert hat. "Es ist kein Leben für jeden. Aber es ist meine Wahl und ich bin glücklich damit", sagt er.

Sandsäcke vor der berühmten Oper, die einst von Wiener Architekten errichtet wurde. 
- © afp, Bulent Klimic

Sandsäcke vor der berühmten Oper, die einst von Wiener Architekten errichtet wurde.

- © afp, Bulent Klimic

In seinem Bekanntenkreis gibt es kaum Leute, die nicht ebenfalls irgendwie mit der Seefahrerei zu tun haben. Sein bester Freund Jewgeni, mit dem er einst die Schulbank der Marineakademie drückte, hat es mittlerweile sogar zum Kapitän geschafft. Wenn der Enddreißiger nicht gerade Landgang hat, schippert er für eine französische Firma Container rund um den Globus: "Das sind gute Leute. Seit Anfang des Kriegs fragen sie jeden Tag, wie es mir geht." Wie Jurij kommt Jewgeni ebenfalls aus einer Familie mit Seefahrer-Tradition. Sein Vater arbeitete zu Sowjet-Zeiten als Schiffsingenieur. Erst in den Neunzigern, als die Ukraine unabhängig wurde, sattelte er um.

Frau und Tochter im Ausland

Seitdem sorgt Jewgeni senior dafür, dass der Betrieb des zweitältesten Friedhofs von Odessa aufrechterhalten wird. Wie sein Sohn und dessen Bruder hat er sich entschlossen, trotz der Kriegsgefahr hier zu bleiben. "Die Einzigen, die wir aus dem Land gebracht haben, sind meine Frau und meine Tochter. Sie sind bei Bekannten in Deutschland", sagt Jewgeni: "Ich werde, wenn es wirklich nötig wird, die Stadt und unseren Heimathafen verteidigen. Aber ich würde es mir nie verzeihen, wenn meiner Familie etwas zustößt."

Sagt’s und zeigt das Waffenarsenal, das er dieser Tage mit sich führt, wenn er seine Wohnung verlässt. Neben diversen Messern eine halbautomatische Fort-28 Pistole, made in Ukraine: "Alles offiziell registriert. Ich habe sie mir aber nicht wegen des Kriegs zugelegt, sondern schon vorher, weil bei uns schon zweimal eingebrochen wurde. Aber ich habe kein Problem damit, sie zu benutzen, wenn die Russen kommen. Sie verstehen nur eine Sprache." Mit den Invasoren verständigen könnten sich Jewgeni und Jurij problemlos. Beider Muttersprache ist nicht Ukrainisch, sondern Russisch. Jurij: "Ich weiß auch nicht, warum das nicht in Putins Schädel hineingeht: Wir sind nicht ukrainische Russen, sondern russischsprachige Ukrainer."