Das alte Feuer, es ist noch spürbar, als Emmanuel Macron auf eine flache Bühne springt, deren Stufen in den französischen Nationalfarben angestrichen sind. Mehrere Pulte stehen hier, zwischen denen er locker wie ein Entertainer hin- und hergeht, um sich abwechselnd in jede Richtung des Saals zu wenden. Solche Auftritte wie an diesem Wochenende hat Macron bereits 2017 absolviert, als er als 39-jähriger Newcomer zuerst den Wahlkampf und dann mit dem Sieg seiner eigenen Bewegung die bisherige Parteienlandschaft durcheinanderwirbelte.

Eine optimistische, proeuropäische Kampagne führte Macron damals, und bei seinen Kundgebungen überschlug sich schon mal seine Stimme vor Euphorie. Als er einmal völlig entfesselt beide Arme in die Luft riss, wurde er in den sozialen Netzwerken als "Jesus Christus" verspottet. So etwas passiert ihm heute nicht mehr: Macron hat sich besser im Griff. Gut zwei Stunden lang spricht er völlig frei. Selbstsicher verteidigt er seine Bilanz. "Trotz der Krisen haben wir nie aufgegeben und haben unsere Versprechen gehalten", ruft der 44-Jährige, und die Menge jubelt. Die Arbeitslosigkeit sei auf dem niedrigsten Stand seit 15 Jahren, er habe die Sozialabgaben gesenkt und den gesetzlichen Vaterschaftsurlaub von 14 auf 28 Tage verdoppelt. Für seine einzige Wahlkampf-Kundgebung sind 30.000 Menschen in die "La Défense Arena" im Pariser Westen gekommen. Es ist der größte Saal Europas, wie Macron betont.

Le Pen setzt auf Inflation

Kurz vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl am nächsten Samstag führt Macron immer noch klar in den Umfragen. Diese sehen ihn bei 28,5 Prozent, das wären 4,5 Punkte mehr als 2017 im ersten Wahlgang. Infolge des Ukraine-Kriegs konnte sich der Staatschef kaum dem Wahlkampf widmen, was zunächst auch nicht unbedingt notwendig erschien. Schließlich galt Macron als klarer Favorit, und in Kriegs- und Krisenzeiten neigen sich auch die französischen Wähler und Wählerinnen tendenziell stärker dem Amtsinhaber zu. 58 Prozent sind zufrieden mit seinem Krisenmanagement und den unermüdlichen Verhandlungsversuchen.

Dennoch kamen in den vergangenen Tagen Zweifel auf. Denn auch Macrons bestplatzierte Konkurrentin, die Rechtspopulistin Marine Le Pen, hat zuletzt um mehrere Punkte auf 22 Prozent zugelegt. Dahinter folgt der Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon mit 15 Prozent. In der Stichwahl gegen Macron könnte Le Pen bis zu 47,5 Prozent erreichen - gegenüber 34 Prozent vor fünf Jahren.

"Natürlich kann Marine Le Pen gewinnen", sagte Macrons ehemaliger Premierminister Édouard Philippe, der inzwischen seine eigene Partei "Horizonte" gegründet hat, aber den Präsidenten unterstützt. Aus Philippes Sicht wird Le Pen nicht zuletzt durch die Kandidatur des ultrarechten Kandidaten Éric Zemmour gestärkt, der lange eine harte Konkurrenz für sie darstellte, inzwischen aber auf 9,5 Prozent abfiel, sagt Philippe: Der "oft skandalöse Charakter" von Zemmours Aussagen verleihe Le Pen ein weicheres Image, meint der ehemalige Premierminister.

Zemmour, der bereits mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilt wurde, will Europas Außengrenzen mit Mauern absichern und setzt den Islam mit Islamismus gleich. Le Pen hingegen sagt, sie habe kein Problem mit den Muslimen im Land und spricht sich anders als Zemmour sofort für die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge aus. Vor allem aber setzt Le Pen auf das Thema Kaufkraft, das für viele die Hauptsorge Nummer eins geworden ist. Dass die beiden Rechtsextremen bis zu Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine große Verehrer von Präsident Wladimir Putin waren, konnte vor allem Le Pen geschickt vergessen machen.

Eine wichtige Rolle für das Endergebnis dürfte aber nicht zuletzt die Stimmenthaltung spielen. Umfragen zufolge könnten bis zu 30 Prozent der Wählerinnen und Wähler den Urnen fernbleiben - das wäre ein Rekord bei Präsidentschaftswahlen. Bei der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren rechnet man sogar mit einer Enthaltungsquote von bis zu 43 Prozent.

Macron selbst hat gegenüber Vertrauten zugegeben, es sei eine Gefahr, mit verhältnismäßig wenigen Stimmen und nur als "kleineres Übel" gewählt zu werden. Es solle eine Wahl "aus Verlangen" sein. Doch viele Menschen lehnen ihn heftig ab, kritisieren ihn als arrogant und werfen ihm vor, mehrere Reformen kompromisslos mit Dekreten durchgesetzt haben. Konnte Macron, der nun angekündigt hat, das Rentenalter von 62 auf 65 setzen zu wollen, im Jahr 2017 zahlreiche Linkswähler abwerben, so haben sich viele von ihnen mittlerweile von ihm abgewendet und könnten bei einem Duell Macron - Le Pen der Stichwahl ganz fernbleiben.

Der Zorn der Gelbwesten

Einer von denen, die Macron auch nicht bei einem Duell gegen Le Pen wählen wollen, ist Jérôme Rodrigues. Seit er bei einer Demonstration der "Gelbwesten" im Jänner 2019 durch ein Hartgummi-Geschoss der Polizei ein Auge verlor, gilt der 42-Jährige als eine Ikone der gleichnamigen Bewegung. Für Macron hat er kein gutes Wort übrig. "Ihm sind die Franzosen egal, genauso wie er sich nicht um die Gewalt bei den Demos scherte", sagt Rodrigues. Er selbst habe immer links gewählt, aber Macron habe nichts von einem Linken.

Dass der Präsident die Schulklassen verkleinern ließ und in sozialen Brennpunkten sogar auf höchstens zwölf Jugendliche beschränkte oder dass der Staat während der Corona-Pandemie etliche Branchen, Familien, Studenten, Selbständige und Künstler großzügig unterstützte - all das verdeckt für Rodrigues nicht die negative Bilanz Macrons: "Er ist der schlechteste Präsident seit 30 Jahren." Ob Macron oder Le Pen, für ihn sei das einerlei. Und auch, wenn das für die Programme der beiden Kandidaten keineswegs gilt, denken viele Menschen in Frankreich so. Der Ausgang könnte knapper werden als gedacht.