Gleich am Montag begab sich Emmanuel Macron in eine Gegend, die ihm nicht wohlgesonnen ist. In der Kleinstadt Denain im einstigen Stahl- und Kohlerevier im Nordosten Frankreichs haben gerade einmal 14,7 Prozent der Wähler dem Amtsinhaber bei der Präsidentenwahl am Sonntag ihre Stimme gegeben, während die Rechtspopulistin Marine Le Pen dort mehr als 42 Prozent holte. In Städten wie Denain, wo die sozialistische Bürgermeisterin gerade einen 50-Euro-Benzin-Gutschein an die Bürger verteilte, ist der Frust über die steigende Inflation besonders groß, ist die Wut auf den Präsidenten, der als abgehoben gilt, besonders hoch.

Dass Macron genau dorthin fuhr, um mit dortigen Bürgern zu diskutieren, hatte somit große Symbolkraft: Macron will um jede Stimme kämpfen, er will nun auch und besonders jenen Franzosen zuhören, die ihn bisher ablehnten, und sie so auf seine Seite ziehen. So sehr ihn auch die weltpolitische Krise rund um den Ukraine-Krieg weiter in Anspruch nehmen wird - der Wahlkampf hat endgültig für ihn begonnen.

Enges Rennen für die Stichwahl erwartet

Das ist auch notwendig: 27,8 Prozent der Stimmen erhielt Macron im ersten Wahlgang, während Le Pen, die Anführerin des Rassemblement National (RN), auf 23,2 Prozent kam. Damit erleben die Franzosen bei der Stichwahl in zwei Wochen ein Deja-vu, dasselbe Duell gab es bereits 2017: Damals siegte Macron mit 66,1 Prozent der Stimmen, während Le Pen 33,9 Prozent erhielt. Doch diesmal muss Macron ordentlich zittern: Jüngste Umfragen sehen den 44-Jährigen bei 51 Prozent der Stimmen und die Außenseiterin Le Pen bei beachtlichen 49 Prozent.

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Die 53-Jährige hat sich, zumindest nach außen hin, gemäßigt, um für breitere Schichten wählbar zu sein. Sie gibt sich als Frau des Volkes, um sich von Macron, dem einstigen Investmentbanker aus Akademikerhaushalt, abzuheben. Sie vertrete "die soziale Gerechtigkeit rund um das jahrtausendealte Konzept von Nation und Volk", verkündete die Politikerin, die in ihrem Wahlkampf eine Senkung der Mehrwertsteuer und eine Bevorzugung von Franzosen am Arbeitsmarkt versprach, in einer ersten Reaktion nach der Wahl.

Sie erhielt auch sofort die Unterstützung des Rechtsaußen-Kandidaten Eric Zemmour. Die Kandidatinnen und Kandidaten von Republikanern, Sozialisten, Grünen und Kommunisten gaben eine Wahlempfehlung für Macron ab. Besonders entscheidend für Macron werden aber die Stimmen des Linkspopulisten Jean-Luc Melenchon sein, der im ersten Wahlgang auf 22 Prozent kam. Er kenne ihre Wut, sagte Melenchon seinen Anhängern, "aber gebt euch nicht der Gefahr hin, dass sie euch Fehler begehen lässt, die definitiv nicht mehr rückgängig zu machen sind!" Und dann betont er: "Ihr dürft Frau Le Pen nicht eure Stimme geben!"

Macron hat viele Franzosen enorm verärgert

Inwieweit das verfängt, ist aber fraglich. "Unter den Politikern kommt die republikanische Front zwar in Gang. Es bleibt aber abzuwarten, ob die Wähler folgen", sagte Demoskop Mathieu Gallard vom Institut Ipsos der Nachrichtenagentur "Reuters".

Bisher hatte diese republikanische Front, die im Kampf gegen die extreme Rechte immer wieder ausgerufen wurde, einen starken Mobilisierungseffekt. Doch Macron hat das Problem, dass sich viele Franzosen von ihm missachtet sehen: Die Gelbwesten sehen ihren Ruf nach größerer, sozialer Abfederung bis heute ignoriert. Und Gegner der Corona-Impfung hat Macron mit angriffigen Aussagen vor den Kopf gestoßen. Genau diese Wähler werden nun von Le Pen umgarnt.

Viele europäische Politiker erfüllt ein möglicher Wahlsieg der rechten Frontfrau, die jahrelang eine große Nähe zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin pflegte, mit Schrecken. Ein Sieg Le Pens würde einen Umbruch Europas als Wertegemeinschaft bedeuten und die ganze EU verändern, sagte Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. "Das müssen die Franzosen verhindern."(klh)