Bleibt Europa fest geeint in Krisenzeiten oder droht eine Belastungsprobe? Das bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich anstehende Duell zwischen dem liberalen Präsidenten Emmanuel Macron und der Rechten Marine Le Pen könnte über das Nachbarland hinaus zur Schicksalsentscheidung werden.

Der Pro-Europäer Macron war bisher eine treibende Kraft für die deutsch-französische Achse im Tandem mit dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz - und Werber für EU-Reformen. Im eskalierenden Ukraine-Konflikt avancierte der 44-Jährige zu einem wichtigen Vermittler in Gesprächen mit Kremlchef Wladimir Putin. Was wird aus all dem, sollte die Euroskeptikerin und Putinfreundin Le Pen nach der Stichwahl am 24. April ans Ruder kommen, obwohl Macron in der ersten Runde klar vorne lag?

Vor der ersten Runde hatten Umfragen die rechte Nationalistin schon knapp hinter dem amtierenden Präsidenten gesehen. Doch dann positionierte Macron sich mit gut 28 Prozent in den Hochrechnungen doch deutlich vor Le Pen mit rund 24 Prozent.

Le Pen hat ihre Rhetorik gemäßigt

Zunächst hatte auch alles auf eine problemlose Wiederwahl Macrons hingedeutet, der im Ukraine-Konflikt noch an Beliebtheit zulegte. Le Pen aber holte auf, als sie den von Inflation und steigenden Preisen in der Krise gebeutelten Franzosen auf Marktplätzen und in Wahlkampfsälen Hilfe versprach. Macron hielt dagegen einen intensiven Wahlkampf zunächst nicht für nötig. Das Ergebnis nach der ersten Runde sagt aber noch nichts über den Ausgang der Stichwahl in zwei Wochen aus.

Zwar wird Macron nun versuchen, Le Pen als rechtsradikal zu brandmarken und eine möglichst große Wählerschaft über die eigenen Anhänger hinaus zu einem Schutzwall für die Demokratie zu mobilisieren. Allerdings hat die Langzeitpolitikerin ihre Rhetorik längst gemäßigt und im Wahlkampf auf viele radikale Positionen verzichtet. Der vergleichsweise hohe Zuspruch für sie zeigt, dass sie für etliche Menschen in Frankreich zu einer wählbaren Alternative geworden ist.

Dies gilt auch für jene Menschen, denen Macron wegen eines als arrogant und distanziert empfundenen Politikstils zuwider ist. Auch um sie muss der Präsident jetzt werben, damit sie ihm dennoch ihre Stimme geben und nicht frustriert der Wahl fernbleiben.

Und Le Pen muss um zusätzliche Stimmen kämpfen und Menschen überzeugen, dass sie es tatsächlich kann. Sie muss sich darauf einstellen, dass ihre auf die Schnelle formulierten Rezepte in der Krise wie Mehrwertsteuersenkungen für Energie sowie Beschränkungen bei Spritkosten und Preisen wichtiger Alltagsprodukte einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

Schließlich hat die Regierung Macron längst Maßnahmen zur Stützung der Kaufkraft ergriffen. Le Pen belüge die Bevölkerung mit ihren Plänen, wetterte der Präsident bereits in für ihn ungewöhnlich klaren Worten. Auch mit Vorwürfen der Putin-Nähe, die sie vorerst geschickt vom Tisch wischte, wird sie das Macron-Team wohl noch konfrontieren.

Showdown ohne Höflichkeiten

Wenn es wie vor der Stichwahl 2017 wieder ein TV-Duell zwischen Macron und Le Pen gibt, steht wieder ein Showdown ohne Höflichkeiten bevor. Die Sendung wird Einfluss darauf haben, ob die Menschen in Frankreich die Staatsgeschicke wirklich in die Hände der von Volk und Nation schwadronierenden Le Pen legen wollen - oder doch in die des auf internationalem Parkett erprobten Staatsmanns.

Sollte Le Pen am Ende tatsächlich in Paris das Ruder übernehmen, würde sich nach dem Brexit ein weiteres Erdbeben für die Europäische Union abzeichnen. Le Pen spricht von einem Europa der Nationen, die nationale Souveränität ist für sie oberstes Thema. Damit begäbe sie sich auf einen Kurs mit euroskeptischen Ländern wie Ungarn und Polen, deren Nähe die Französin schon im Vorwahlkampf suchte und nach einer Wahl sicher ausbauen würde. Vom Treiber könnte Frankreich zum Bremser von EU-Vorhaben werden.

Frankreich als möglicher Spaltpilz in Europa - das käme im aktuellen Kräftemessen mit Russland dem Kremlchef mehr als gelegen. Hatte er doch zu Beginn des Einmarsches seiner Truppen in die Ukraine auf eine zerstrittene und entscheidungszögerliche EU gesetzt.

Macron stellt Stabilität

in Aussicht

Mit einer Marine Le Pen im Élyséepalast würden weitere EU-Sanktionen, etwa im Energiesektor, wohl schwierig. Und die geschlossene Front der Europäer mit den USA könnte brüchig werden. Nach dem Krieg, so formulierte Le Pen bereits, könnte Russland auf Sicht wieder ein Partner Europas werden - auch damit es nicht den Schulterschluss mit China übt.

Emmanuel Macron hat dagegen Stabilität in Aussicht gestellt - im Angesicht der vielfältigen Krisen und im Verbund mit Europa. Bei seinem großen Wahlkampfauftritt in Paris ließ er anders als seine Mitbewerber nicht nur französische Flaggen an die Anhänger verteilen, sondern auch europäische, die er zum Start der französischen Ratspräsidentschaft auch am berühmten Pariser Arc de Triomphe hatte aufspannen lassen.(dpa)