Neigen sich die Kämpfe um die strategisch wichtige ukrainische Hafenstadt Mariupol ihrem Ende zu? Die Lage für die eingeschlossenen ukrainischen Verbände wird jedenfalls zunehmend prekär: Nach russischen Angaben haben mehr als 1.000 ukrainische Soldaten ihre Waffen niedergelegt und sich in Gefangenschaft begeben. Unter den 1.026 Kämpfern der 36. Brigade der ukrainischen Marineinfanterie sollen sich neben 162 Offizieren auch 47 Frauen befunden haben. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite für diese Angaben gab es zunächst nicht.

Dass das aber schon das Ende der Kämpfe in der seit Wochen von russischen Truppen belagerten Stadt bedeutet, ist freilich unwahrscheinlich. Denn die Verteidiger verfügen mit dem Industriekomplex, in dem sie sich verschanzt haben, über eine Stellung, die gut verteidigt werden kann. Das weitläufige Gelände der Asow-Stahl und Asowmasch-Werke ist großzügig untertunnelt und damit wie geschaffen für sich lange hinziehende Kämpfe. Mehrere Quadratkilometer voller Eisenbahnschienen, Lagerhäuser, Koksöfen und Schornsteine bieten den Verteidigern Möglichkeiten, sich zu verstecken, und bedeuten für die Angreifer schlechte Sicht, Löcher, Hindernisse und Fallen auf Schritt und Tritt - vor allem auch wegen der Tunnel.

Tunnels helfen Verteidigern

Truppen der prorussischen Separatisten statten sich mit neuer Munition aus. 
- © reuters, Alexander Ermochenko

Truppen der prorussischen Separatisten statten sich mit neuer Munition aus.

- © reuters, Alexander Ermochenko

Diese Gänge sollen laut Angaben, die nicht unabhängig überprüft werden können, angeblich bis zu 30 Meter tief sein und eine Gesamtlänge von mehr als 20 Kilometern haben. "Es ist eine Stadt in der Stadt, und es gibt mehrere unterirdische Ebenen aus der Sowjetzeit", sagt der Vertreter der in Mariupol kämpfenden pro-russischen Separatisten, Eduard Basurin. Es könnte damit in Mariupol zu noch intensiveren Kämpfen kommen, die - bei aller Problematik des Vergleichs - entfernt an die von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg erinnern. Damals konzentrierten sich die Gefechte auf ein Industriegebiet rund um das Stahlwerk "Roter Oktober". "Die Sowjets haben die unterirdischen Gänge, die Kanalisation und die Tunnel benutzt, um hinter die deutschen Linien zu gelangen", beschreibt ein französischer Militärvertreter das damalige Kampfgeschehen.

Auch 80 Jahre später und trotz moderner Militärtechnik hat der Untergrund für Verteidiger seine Vorzüge nicht eingebüßt. Angriffe aus der Luft genau wie Scharfschützen und Satellitenüberwachung sind weitgehend nutzlos, wenn sich der Gegner unter der Erde versteckt. "Es ist nicht möglich, von oben zu bombardieren, man muss unterirdisch aufräumen", sagt der russische Militärvertreter Basurin über die Lage in Mariupol. "Das wird Zeit brauchen." Laut Alexander Grinberg, einem Analysten am Jerusalem Institute for Security and Strategy (JISS), ist es für die russischen Streitkräfte in der Tat "unmöglich", in die Tunnel einzudringen. Sie "können es versuchen, aber dann werden sie massakriert, weil die Verteidiger der Tunnel den taktischen Vorteil haben".

Das Asow-Stahlwerk von Mariupol (im Hintergrund) bietet den Verteidigern Vorteile. 
- © reuters, Alexander Ermochenko

Das Asow-Stahlwerk von Mariupol (im Hintergrund) bietet den Verteidigern Vorteile.

- © reuters, Alexander Ermochenko

Die Probleme der Tunnel-Verteidiger sind allerdings ebenfalls dieselben wie vor 80 Jahren: die schwierige Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Munition, die erschwerte Kommunikation und die Gefahr von Einstürzen. Den ukrainischen Soldaten in Mariupol fehlt es wahrscheinlich auch an technischer Ausstattung wie Nachtsichtgeräten.

Die Lage für die eingeschlossenen Zivilisten bleibt indessen weiter dramatisch: Nach Aussagen des Bürgermeisters von Mariupol, Wadym Bojtschenko, warten in seiner Stadt mehr als 100.000 Menschen darauf, dass sie die Hafenstadt verlassen können. Funktionierende Fluchtkorridore gibt es nicht - weil, laut der Ukraine, die russischen Truppen die Waffenruhe gebrochen hätten.

Eine alte Frau muss ihre Heimat verlassen und winkt zum Abschied Bekannten zu. 
- © afp, Ronoldo Schemidt

Eine alte Frau muss ihre Heimat verlassen und winkt zum Abschied Bekannten zu.

- © afp, Ronoldo Schemidt

Indessen präsentierte die OSZE am Mittwoch in Wien einen Bericht, der deutliche Anzeichen für Verstöße gegen humanitäres Völkerrecht durch russische Streitkräfte sieht. In dem Papier der Organisation für Sicherzeit und Zusammenarbeit in Europa ist aber auch die Rede von Verstößen und Problemen auf ukrainischer Seite, insbesondere im Umgang mit Kriegsgefangenen. Die russischen Verstöße seinen jedoch "viel schwerwiegender und größer".

EU stockt Hilfe auf

Die EU stellte unterdessen weitere 500 Millionen Euro für die Lieferung von Waffen und Ausrüstung an die ukrainischen Streitkräfte bereit. Damit erhöhen sich die zur Verfügung stehenden Mittel auf 1,5 Milliarden Euro. Mit den Mitteln sollen Schutzausrüstung, Erste-Hilfe-Kästen und Treibstoff, aber auch Waffen finanziert werden.