Paris. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lag bei der ersten Runde der französischen Präsidentenwahl zwar deutlicher als erwartet vor seiner Rivalin, der rechtspopulistischen Politikerin Marine Le Pen. Den Sieg in der Stichwahl am 24. April hat er damit aber noch nicht in der Tasche. Das wurde auch am Donnerstag wieder deutlich, als linksgerichtete Studenten in Paris Gebäude der traditionsreichen Universität Sorbonne besetzten. Es kam dabei auch zu Straßenprotesten, die Polizei setzte Tränengas ein. Zwei Campus der Sorbonne wurden aus Sicherheitsgründen geschlossen, Vorlesungen verschoben oder online abgehalten. 

Die Wut der Studenten richtete sich nicht nur gegen die Rechtsaußen-Politikerin Le Pen. Auch gegen den liberalen Macron wurde protestiert. In einer online verbreiteten Mitteilung hieß es, man weigere sich, sich mit einem zweiten Duell zwischen "dem neoliberalen und autoritären Macron und der erwiesenen Faschistin Le Pen" abzufinden.

Der studentische Protest wäre als solcher für die französische Wahl nicht von Belang, käme in ihm nicht ein weit verbreiteter Unmut zum Ausdruck. Fast die Hälfte der jungen Franzosen waren im ersten Wahlgang dem Urnengang ferngeblieben. Und unter denen, die ihre Stimme abgegeben hatten, war die Unterstützung für den Linkspolitiker Jean-Luc Melenchon, der knapp hinter Le Pen den dritten Platz erreichte, groß. Dieser zog mit sozialpolitischen Versprechungen durchs Land - etwa einer Senkung des Pensionsalters -, die in der Praxis nur schwer umsetzbar wären. Melenchon hat seine Anhänger zwar dazu aufgerufen, auf keinen Fall Le Pen zu wählen. Zu einer Wahlempfehlung für Macron konnte er sich aber nicht aufraffen.

Damit könnte das Rennen für den amtierenden Staatschef am 24. April doch noch knapp werden. Denn Macron wird auch Stimmen aus Melenchons Elektorat brauchen, um gewinnen zu können. Die Wähler des Linkspolitikers stehen Le Pen sozialpolitisch allerdings näher als dem wirtschaftsfreundlichen Macron. Es ist davon auszugehen, dass viele von ihnen am 24. April eher zuhause bleiben werden, statt den Amtsinhaber zu wählen.

Es ist sogar möglich, dass manche ihre Hemmungen, für die Kandidatin der Rechten zu stimmen, ablegen - ist die Tochter des rechtsextremen Politikers Jean Marie Le Pen, der es 2002 in die Stichwahl gegen den konservativen Präsidenten Jacques Chirac schaffte, doch seit Jahren bemüht, ihre Rhetorik zu mäßigen. Auch ihre politischen Positionen hat Le Pen abgeschliffen: Forderte sie bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen 2017 noch den Austritt Frankreichs aus Eurozone und EU, was viele potenzielle Wähler verschreckte, hat sie diese Pläne - die 2017 manche dazu brachten, mit Macron doch noch einmal den Kandidaten des Establishments zu wählen - mittlerweile zurückgenommen.

Verhaltenes Statement der Bischöfe Frankreichs

Dass von einer republikanischen Einheitsfront gegen Le Pen wie von jener gegen ihren Vater 2002 keine Rede mehr ist, zeigt auch ein recht verhaltenes Statement der französischen Bischöfe, das keine klaren Präferenzen für einen der Kandidaten erkennen ließ. Man wähle keinen "Retter Frankreichs" oder Messias, hieß es dort, sondern einen Mann oder eine Frau, der oder die das Land "auf dem am wenigsten schlechten Weg" führen könne.(leg)