Für seine Videobotschaft hat Wolodymyr Selenskyj eine symbolisch aufgeladene Kulisse gewählt. Wie schon in den ersten Kriegstagen, als der ukrainische Präsident sich demonstrativ in den Straßen des nächtlichen Kiews zeigte, ist auch diesmal eine düstere, nur vor ein paar flackernden Lichtern beschienene Hausfassade im Hintergrund zu sehen. Und auch die Botschaft, die Selenskyj 50 Tage nach Ausbruch des Kriegs sendet, ist eine ganz ähnliche wie zu Beginn: Wir sind immer noch hier - auch wenn uns viele anfangs nur ein paar Stunden oder Tage gegeben haben.

50 Tage nach dem russischen Einmarsch ist aber nicht nur der Blick auf die Ukraine ein anderer geworden. Auch der Krieg selbst ist ein anderer. Hatte Russland zu Beginn noch darauf gesetzt, Kiew mit einem blitzkriegartigen Vorstoß in wenigen Tagen einzunehmen und dort eine pro-russische Marionettenregierung zu installieren, ist die ukrainische Hauptstadt nun maximal noch Ziel für Raketenangriffe. Die russischen Einheiten, die bei den Kämpfen im Norden und Osten von Kiew eingesetzt waren und dabei teils schwerste Verluste erlitten, haben die Ukraine dagegen längst in Richtung Belarus verlassen. Sie sollen nun die russischen Truppen in der Südukraine und im Donbass stärken, die der russische Generalstab Ende März zum neuen Schwerpunkt der russischen Invasion erklärt hat.

Russland fehlen Truppen

Was genau Wladimir Putin hier als zu erreichendes Kriegsziel sieht, ist unklar, ebenso wie die Frage, welches Zeitkorsett der russische Präsident seinem neuen Oberkommandierendem Alexander Dwornikow vorgeben hat. Muss der als "Schlächter von Syrien" bekannte General bis zur Militärparade am Roten Platz, mit der jedes Jahr am 9. Mai der russische Triumph über Hitler-Deutschland gefeiert wird, mit einer Großoffensive einen Sieg um jeden Preis erzwingen? Oder kann der Kriegsherr im Kreml auch damit leben, dass die Kämpfe in der Ukraine noch viele Monate oder vielleicht sogar Jahre dauern werden?

Klar ist derzeit allerdings schon jetzt, dass es für die russische Armee auch im Süden und Osten alles andere als einfach werden wird. So sind laut US-Verteidigungsministerium derzeit nur 65 russische taktische Bataillonsgruppen mit je 800 bis 1.000 Mann entlang der Frontlinie stationiert, vor dem Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar hatte Russland entlang der ukrainischen Grenze noch 120 dieser Einheiten in Stellung gebracht. Damit dürfte es den Russen nicht nur schwerfallen, die für einen Angreifer notwendige 3:1-Überlegenheit gegenüber den starken ukrainischen Truppen im Donbass herzustellen. Auch tiefe Vorstöße in den Raum zur Einkesselung ukrainischen Truppen sind ohne die entsprechende Truppenstärke mit hohem Risiko verbunden, weil die Angreifer im Rückraum nur allzuleicht selbst abgeschnitten werden können.

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Westliche Experten wie der in St. Andrews lehrende Historiker und Militärstratege Phillips O’Brien oder der ehemalige US-General Mark Hertling gehen davon aus, dass sich diese Probleme auch nicht allzu schnell lösen lassen. Die aus dem Norden der Ukraine abgezogenen russischen Truppen seien zu verbraucht, um rasch wieder kampffähig gemacht zu werden und die Einheiten im Donbass zu verstärken, argumentiert O‘Brien auf der Nachrichtenplattform Twitter. In der von massiven Moralproblemen geplagten russischen Armee würden zudem immer Soldaten Wege suchen und finden, nicht mehr zurück in die Ukraine geschickt zu werden.

Aus Sicht des österreichischen Militäranalytikers Franz-Stefan Gady bietet der Kriegsschauplatz im Süden und im Osten für Russland aber dennoch mehr Vorteile als die Gebiete um Kiew und Chernihiw, wo kleine und mobile ukrainische Trupps mit Hilfe von westlichen High-Tech-Lenkwaffen wie der Javelin oder der Nlaw unzählige Panzer, Truppentransporter und Versorgungs-Lkw ausschalten konnten. "In der Donbass-Region, dem alten industriellen Herzland der Ukraine, gibt es ein großes Schienennetzwerk. Das bedeutet, dass die russische Armee hier wohl weniger logistische Probleme haben wird als anderswo", sagt Gady im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Kampf nach der Doktrin

Aufgrund des nun deutlich kleineren Gesamteinsatzgebiets erwartet Gady zudem, dass die Russen auf weniger Angriffsachsen vorstoßen werden. Damit könnten die Truppen besser konzentriert werden, um punktuell eine Überlegenheit herzustellen können. Als am wichtigsten sieht Gady freilich an, dass der Einsatzraum im Süden und Osten es der russischen Armee nun gestattet, jene Art von Gefechte zu führen, für die ihre Truppen der Doktrin nach konstruiert wurden. "Die russischen Verbände sind ausgelegt für einen mechanisierten Kampf, der auf überlegener Feuerkraft basiert", sagt Gady, der davon ausgeht, dass Russland nun auch viel mehr auf das sogenannte Gefecht der verbundenen Waffen setzen wird. Der vor allem in puncto Koordination extrem anspruchsvolle gemeinsame Einsatz von Panzerverbänden, Infanterie, Artillerie und Luftwaffe war auf den nördlichen Kriegsschauplätzen wegen der schwierigen Geländebedingungen - aber womöglich auch aufgrund russischer Führungsdefizite - so gut wie kaum zu beobachten gewesen.

Eine überall gleichzeitig startende Großoffensive dürfte in den kommenden Tagen dennoch eher unwahrscheinlich sein. Viele Militärstrategen gehen davon aus, dass es zunächst einmal punktuelle und kleinräumige Attacken geben wird, mit denen die russische Armee Schwachstellen in der ukrainischen Frontlinie finden will. Größere Operationen dürfte es dann erst später geben. "Es wird wohl ein systematisches, aber auch ein langsames Vorgehen unter dem Einsatz von enormer Feuerkraft geben", sagt Gady, der deswegen auch mit einem nochmals deutlich steigenden Blutzoll rechnet.

Wie gut sich die Ukraine gegen die russischen Vorstöße wehren kann, wird nicht zuletzt davon abhängen, wie schnell und wie umfangreich sie Unterstützung aus dem Westen bekommt. Denn zur Verteidigung im offenen Gelände und für schnelle Gegenangriffe benötigt die Ukraine neben großen Mengen an Munition vor allem schwere Waffen wie Panzer, Haubitzen und Raketenwerfer. Eine entsprechende Liste der Ukraine gibt es schon lange. Am Vortag seiner 50-Tage-Videobotschaft hat Selenskyj sie nun auch öffentlich gemacht, um den Druck auf den teils noch immer zaudernden Westen zu erhöhen.