Seit mehr als 50 Tagen herrscht in der Ukraine Krieg, der russische Angriff hat zahllosen Zivilisten und Soldaten das Leben gekostet. Immer noch ist nicht klar, ob der Überfall mit einem Sieg Moskaus endet oder ob es Kiew gelingt, die Aggressoren abzuwehren. Unklar ist, ob es einen Waffenstillstand in absehbarer Zeit gibt oder ob der Angreifer nach und nach bis in den Westen der Ukraine vordringen wird. Offen auch, ob sich die Ukraine doch noch mit dem Verlust eines Teils ihres Staatsgebietes abfinden wird. Einige Entwicklungen zeichnen sich trotzdem ab.

Wie sieht die Strategie Russlands im Osten der Ukraine aus, wo sich Moskau den entscheidenden Erfolg erhofft?

Nachdem der Angriff auf Kiew gescheitert ist, hat die russische Armee ihre teilweise stark dezimierten Kräfte in Richtung Donbass verlegt. Am Montag meldete die Ukraine, die russische Armee habe einen großen Angriff "mit einer riesigen Menge an Kriegsmaterial" auf die Region Luhansk gestartet, sich aber nicht festsetzen können. Russlands Präsident Wladimir Putin steht jedenfalls unter erheblichem Zeitdruck, schließlich will er am 9. Mai bei der pompös inszenierten Parade in Moskau zum Gedenken an das siegreiche Ende des Zweiten Weltkrieges einen Erfolg vorweisen - nunmehr gegen die "ukrainischen Faschisten", was starke Symbolwirkung hätte. Ob die vollständige Eroberung der strategisch wichtigen Stadt Mariupol bereits ein solcher Erfolg wäre, ist fraglich. In der weitgehend von russischen Truppen eingenommenen Stadt kämpft nur noch ein Rest der ukrainischen Verteidiger, die sich im Stahlwerk Azowstal verschanzt haben und dort "bis zum Ende" kämpfen wollen. Russland zieht bereits Soldaten aus Mariupol für die geplante Offensive im Donbass ab, deren Beginn aber durch schlechtes Wetter aufgehalten werden könnte. Derzeit versuchen die russischen Streitkräfte, durch kleine Vorstöße Schwachstellen in der ukrainischen Verteidigung ausfindig zu machen. Im Nordosten der Ukraine gehen diese Versuche ins Leere, der Angreifer begeht hier laut Militäranalysten die gleichen Fehler wie vor Kiew. Die Einheiten agieren zu unflexibel, den Verteidigern gelingt es, russisches Gerät zu erbeuten. Die Ukrainer machten bei Chrakiw sogar Terrain gut.

Am Montag schlugen auch wieder im westukrainischen Lemberg Raketen ein. Rauchsäulen bildeten sich über der Stadt. 
- © afp, Yuriy Dyachyshyn

Am Montag schlugen auch wieder im westukrainischen Lemberg Raketen ein. Rauchsäulen bildeten sich über der Stadt.

- © afp, Yuriy Dyachyshyn

Wie lange wird der Krieg in der Ukraine dauern?

Hier sind viele Experten zunächst von einigen Wochen bis Monaten ausgegangen. Zuletzt hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen aber von einem Krieg gesprochen, der sogar Jahre andauern könnte. Die stellvertretende Direktorin des Programms für internationale Sicherheit der USA, Emily Harding, hielt es bereits Anfang März nicht für ausgeschlossen, dass der bewaffnete Konflikt zehn Jahre anhält. Ein derartiges Szenario wäre vor allem dann gegeben, so Harding, wenn die Ukraine massiv von der Nato mit Waffen versorgt würde. Das ist derzeit der Fall. Die vom Westen zur Verfügung gestellten Mittel reichen allerdings nicht aus, um der Ukraine ein Umschalten in die Offensive zu ermöglichen. Kiew fordert dafür schweres Gerät. Auf der anderen Seite sind die strukturellen Defizite der russischen Armee so ausgeprägt, dass ein durchschlagender Erfolg nicht sehr wahrscheinlich ist. Eine Lösung am Verhandlungstisch zeichnet sich auch nicht ab. Dass sich Moskau geschlagen gibt und das Feld räumt, ist ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich.

Könnten territoriale Zugeständnisse der Ukraine an Russland nicht dazu führen, dass ein langer, blutiger Abnützungskrieg vermieden wird und bald wieder Frieden herrscht?

Gegenwärtig ist so ein Szenario unvorstellbar. Russland hat sich zwar von dem Traum, die ganze Ukraine in einem schnellen Enthauptungsschlag zu erobern und einen "Regime Change" in Kiew durchzuführen, verabschieden müssen. Man hat sich bescheidenere Ziele gesetzt, konzentriert sich auf den früher als russlandfreundlich geltenden Süden und Osten des Landes. Würde Kiew jetzt um des Friedens willen Zugeständnisse machen, würde das neben dem Verlust der von Russland bereits eroberten Gebiete im Süden wohl auch die Abgabe des gesamten Donbass bedeuten, einschließlich der noch nicht eroberten Gebiete. Und möglicherweise wäre auch der für Kiew lebenswichtige Hafen von Odessa Ziel russischer Forderungen. Kiew hat sich aber auch vor dem Krieg schon mit dem Verlust der Krim und des Donbass nie abgefunden. Ein ukrainischer Präsident, der auf diese Gebiete verzichtet hätte, müsste wohl um seinen Kopf fürchten - dies war auch dem grundsätzlich kompromissbereiten Präsidenten Wolodymyr Selenskyj immer bewusst. Dennoch ist gerade Selenskyjs Wahl 2019 auch ein gutes Beispiel, dass es in der ukrainischen Bevölkerung eine große Sehnsucht nach Frieden gibt. Wird der jetzige Krieg tatsächlich noch blutiger und nimmt er kein Ende, zieht er sich vielleicht über Jahre hin, dann könnte auch in Kiew die Kompromissbereitschaft wachsen - nach dem Motto: Hauptsache, dieser Krieg hört endlich auf.

Welche militärischen Mittel bleiben Putin, um einen Sieg auf dem Schlachtfeld zu erzwingen?

Die russische Armee hat einige international geächtete militärische Mittel in ihren Arsenalen. Etwa chemische Kampfstoffe, die bereits in Syrien zum Einsatz gekommen sind. Im Ersten Weltkrieg hat sich gezeigt, dass diese Kampfstoffe enormes Leid verursachen und militärisch nicht entscheidend sind. Im Fall der Ukraine wären zudem Zivilisten betroffen. Sollte Russland diese Waffen großflächig einsetzen, wäre Putin endgültig als Kriegsverbrecher abgestempelt, zumal die übliche Vorgangsweise, den Einsatz chemischer Kampfstoffe dem Gegner in die Schuhe zu schieben, in der Ukraine nicht aufgehen dürfte. Der Einsatz taktischer nuklearer Geschosse - also Atomwaffen mit "limitierter" Wirkung - durch Russland besteht derzeit als theoretische Möglichkeit. Doch Russland wäre dann Besatzer eines über Jahrhunderte radioaktiv verstrahlten Gebietes. Nachdem die Ukraine nachweislich über keine Nuklearwaffen verfügt, kann Russland das Argument der Notwehr nicht ins Treffen führen.