Russische Truppen haben ihre Angriffe in der Ostukraine verstärkt und dabei offenbar Geländegewinne erzielt. So übernahmen sie laut örtlichen Behörden die Kontrolle über die Stadt Kreminna. Ukrainische Medien berichteten am Dienstag über eine Reihe von teils heftigen Explosionen entlang der Frontlinie in der östlichen Region Donezk und über Beschuss in Marinka, Slawjansk und Kramatorsk. Moskau sprach von Luftangriffen auf mindestens 60 Ziele.

Am Dienstag übernahmen russische Truppen die Kontrolle über Kreminna. Die Stadt mit ursprünglich mehr als 18.000 Einwohnern sei von allen Seiten angegriffen worden, teilte der Gouverneur des ostukrainischen Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, mit. Die ukrainischen Streitkräfte hätten sich zurückziehen müssen und würden nun neue Stellungen beziehen, um ihren Kampf fortzusetzen.

Dutzende Luftangriffe in der Nacht

In der Nacht auf Dienstag flog Russland Dutzende Luftangriffe in der Ostukraine. "Hochpräzise luftgestützte Raketen" hätten 13 ukrainische Stellungen in Teilen des Donbass getroffen, darunter die wichtige Stadt Slowjansk, so das russische Verteidigungsministerium. Nach Angaben des Ministeriums zerstörten russische Truppen zwei Lagerhäuser mit Sprengköpfen von taktischen Totschka-U-Raketen in Tscherwona Poljana in der Region Luhansk und in Balaklija in der Region Charkiw.

Nach Angaben des russischen Außenministers Sergej Lawrow hat Russland mit einer neuen Phase des Einsatzes in der Ukraine begonnen. "Ich bin sicher, das wird ein wichtiger Moment in dieser gesamten Spezial-Operation", sagte Lawrow in einem Interview mit dem Fernsehsender India Today weiter.

Erstürmung des Stahlwerks in Mariupol

In der umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben die russischen Streitkräfte am Dienstag eine einseitige Feuerpause verkündet. Zugleich öffneten sie nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau einen "humanitären Korridor" für ukrainische Kämpfer, die sich im Stahlwerk Asovstal verschanzt haben. Zuvor hatte die Erstürmung des Stahlwerks begonnen. Ukrainischen Medien zufolge sollen dort auch noch rund 1.000 Zivilisten ausharren.

Generaloberst Michail Misinzew appellierte an die Kämpfer, sich freiwillig in russische Gefangenschaft zu begeben. "Ich möchte besonders betonen, dass die russische Führung allen, die ihre Waffen niederlegen, das Leben, die völlige Sicherheit und medizinische Versorgung garantiert", sagte der Generaloberst. Die ukrainischen Einheiten bekräftigten allerdings im Nachrichtenkanal Telegram, dass sie die Waffen nicht niederlegen, sondern weiter für die Verteidigung der Stadt kämpfen würden.  

In dem Stahlwerk sollen sich nach russischen Angaben rund 2.500 Kämpfer verschanzt haben, darunter auch 400 ausländische Söldner. Zudem sollen dort viele Zivilisten Zuflucht gesucht haben. Nach Angaben der Separatisten versuchte ein russisches Spezialkommando das Werksgelände zu stürmen, wie die Nachrichtenagentur RIA berichtet. Ziel sei, das Gebiet so schnell wie möglich "zu befreien". In dem Gelände leisten ukrainische Verbände erbitterten Widerstand gegen die russischen Truppen.

Korridor eingerichtet

Wegen der "katastrophalen Lage" in der umkämpften Stadt Mariupol hatte Russland den im Stahlwerk eingeschlossenen ukrainischen Kämpfern ein weiteres Ultimatum gestellt. Die Kämpfer hatten mit Beginn 12.00 Uhr (11.00 Uhr MESZ) die Gelegenheit, die Gefechte einzustellen und ihre Waffen niederzulegen, teilte das Verteidigungsministerium mit. Dann werde ihr Leben gerettet, hieß es.

Russland richtete nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums einen Korridor ein, über den kapitulierende ukrainische Soldaten das Gelände des Stahlwerks Asovstal verlassen können. Damit könnten die Kämpfer das Angebot der russischen Regierung wahrnehmen, bei der Niederlegung ihrer Waffen mit dem Leben davonzukommen. 

Demnach sollte von 13.00 Uhr (12.00 Uhr MESZ) an eine Standleitung für die Kommunikation zwischen der russischen und ukrainischen Seite eingerichtet werden. Danach sollte eine Feuerpause von beiden Seiten in Kraft treten. Dazu sollten von ukrainischer Seite an dem Stahlwerk weiße Flaggen angebracht werden. Von 14.00 Uhr bis 16.00 Uhr (13.00 Uhr bis 15.00 Uhr MESZ) hätten die Kämpfer und Söldner Zeit, das Werk ohne Waffen zu verlassen.

In der Region Luhansk wurde eine Ölraffinerie getoffen. 
- © reuters / Marko Djurica

In der Region Luhansk wurde eine Ölraffinerie getoffen.

- © reuters / Marko Djurica

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte in einer Video-Ansprache am Montagabend, dass "die Schlacht von Donbass" begonnen habe. Stabschef Andrij Jermak sprach von einer zweiten Phase des Krieges. Ukrainische Medien berichteten am Dienstag über eine Reihe von teils heftigen Explosionen entlang der Frontlinie in der östlichen Region Donezk und über Beschuss in Marinka, Slawjansk und Kramatorsk. Auch in Charkiw im Nordosten der Ukraine, in Mykolajiw im Süden und in Saporischschja im Südosten hat es demnach Explosionen gegeben. In vielen Städten und Orten heulten Luftalarmsirenen. Reuters konnte die Berichte bisher nicht überprüfen.

Angesichts der russischen Offensive in der Ost-Ukraine will US-Präsident Joe Biden am Dienstag mit den westlichen Verbündeten über das weitere Vorgehen beraten. Das teilte das Präsidialamt in Washington mit. An dem Gespräch sollen nach britischen Angaben die Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien, Rumänien sowie die Führungsspitzen von Nato und EU teilnehmen. Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire sagte, er hoffe, dass die EU in den kommenden Wochen auch Ölimporte aus Russland stoppen werde. DGB und Arbeitgeber in Deutschland warnten dagegen vor einem Gasboykott.

Westliche Staaten sprechen von einem Angriffskrieg Russlands und Verbrechen gegen ukrainische Zivilisten. Russische Truppen waren am 24. Februar in das Nachbarland einmarschiert. Die Regierung in Moskau bezeichnet ihr Vorgehen indes als Sondereinsatz zur Entmilitarisierung und Entnazifizierung und weist Vorwürfe zurück, Zivilisten anzugreifen. Mehr als vier Millionen Menschen sind aus der Ukraine geflohen.

Im Donbass bringen sich ukrainische Panzer für Verteidigungsoperationen in Stellung. 
- © REUTERS/Serhii Nuzhnenko

Im Donbass bringen sich ukrainische Panzer für Verteidigungsoperationen in Stellung.

- © REUTERS/Serhii Nuzhnenko

Union zögert

In Deutschland gab es erneut Kritik daran, dass die Bundesregierung der Ukraine nicht genug Waffen liefere. Der Unions-Fraktionsvize Johann Wadephul warnte im Reuters-Interview vor fatalen Konsequenzen, wenn die Bundesregierung nicht schnell schwere Waffen an die Ukraine liefert. "Der Konflikt wird auch durch politische Entschlossenheit entschieden und diese fehlt. In dem Moment, wo Deutschland hier zögert, entscheidende militärische Hilfe zu leisten, ist man mit einem halben Fuß auf der Seite Putins", sagte der CDU-Politiker. "Wir haben in Deutschland selbst schwere Waffen zur Verfügung. Wir müssen an die Grenzen dessen gehen, was man selbst tun kann."

Die SPD-Co-Vorsitzende Saskia Esken wies dagegen den Vorwurf zurück, die Bundesregierung ermögliche keine Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine. Die Bundesregierung habe etwa die Lieferung von tschechischen Panzern an die Ukraine genehmigt, sagte Esken im ZDF. Diese Zustimmung sei nötig gewesen, weil die T-72-Panzer aus NVA-Beständen stammten. Tschechien sei zugleich Ersatz zugesagt worden. "Die Bundeswehr verfügt über keine weiterhin frei verfügbaren Waffen", fügte Esken hinzu. Deshalb müssten jetzt über die Industrie und Andere Lieferungen an die Ukraine möglich gemacht werden.

Die Bundesregierung hatte am Freitag zusätzlich zwei Milliarden Euro für Militärmaterial bereitgestellt. Mehr als eine Milliarde Euro sollen davon an die Ukraine gehen. Die USA hatten in den vergangenen Wochen Waffen im Wert von 800 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Die russische Agentur Tass zitierte den russischen Verteidigungsminister Sergej Schoigu mit dem Vorwurf, dass westliche Waffenlieferungen den Krieg verlängerten. (reuters, apa, dpa, afp)