Wenn Olga Pikula geht, dann ist das eher ein Sprint, wenn sie spricht, dann spricht sie schnell. Olga Pikula sprüht vor Energie. Dabei hat die 40-jährige Ukrainerin aus Mariupol vor kurzem alles verloren. Sie war Besitzerin eines erfolgreichen Sprachlernzentrums in Mariupol, das "Oxford English Center", zwischen Bahnhof und dem Asow-Stahlwerk an der Myru-Alle gelegen, hatte rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, erst kurz vor Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Mikula noch einige tausend Euro in neue Lernsoftware, Laptops, Computer und Lernmaterialien investiert. Ihre jahrelange Aufbauarbeit, ihre Investitionen - alles weg.

Heute muss sie froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein, sagt sie. Am 15. März - die Stadt wurde in diesen Tagen ständig mit Artillerie und aus der Luft bombardiert - hatte sie gehört, dass ein Fluchtkorridor aus der Stadt geöffnet werden soll. Also haben sie und ihr Mann ihre Sachen und ihren Kater Moritz gepackt und sind mit dem Auto aus der Stadt geflüchtet. Pikulas Mann war noch kurz vor dem Wegfahren gegen die Flucht mit dem Auto, ständig wurde geschossen, es sei viel zu gefährlich, die Flucht unter diesen Umständen zu wagen. Doch Olga Pikula insistierte, die beiden nahmen noch einen Nachbarn, der kein Auto besitzt, mit und es gelang ihnen allen Widrigkeiten zum Trotz, die Stadt zu verlassen.

Olga Pikula war Gemeinderätin in Mariupol. - © Thomas Seifert
Olga Pikula war Gemeinderätin in Mariupol. - © Thomas Seifert


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"Wenn wir es am 15. März nicht geschafft hätten, dann wäre ich jetzt wohl nicht hier", erzählt Pikula in einem Café in Lemberg (Lwiw), in dem im Hintergrund laute Hard-Rock-Musik-Videos auf einem überdimensionalen Flachbildfernseher laufen. Denn Pikula - sie war Gemeinderätin der Regierungspartei in Mariupol - hatte seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs jeden Tag mehrstündige Treffen organisiert. Im Drama-Theater der Stadt, das am 16. März von der russischen Luftwaffe bombardiert wurde - rund 300 Menschen sind laut der Stadtverwaltung bei dem Angriff ums Leben gekommen. "Wer weiß, was passiert wäre, ich bin nicht sicher, ob ich heute noch am Leben wäre, wenn ich nicht geflohen wäre", sagt Pikula. Denn das Drama-Theater war ein wichtiger Treffpunkt für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, hier konnte man sich austauschen und Pläne schmieden, wie es weitergehen sollte. Alle waren sich sicher: Das Theater würde die russische Armee nicht angreifen, jemand hat in der Parkanlage vor dem Theater mit großen Buchstaben das russische Wort "Deti" aufgeschrieben - Kinder, damit Piloten das Gebäude nicht bombardieren.

Für die Bewohnerinnen und Bewohner der 470.000-Einwohner-Stadt Mariupol war der Krieg lange vor dem 24. Februar 2022 Realität gewesen: Am 13. April 2014 hatten pro-russische Milizen das Rathaus unter ihre Kontrolle gebracht. Im Juni erlangten ukrainische Kräfte die Kontrolle über Mariupol zurück. Doch die Stadt war plötzlich direkt an der Frontlinie eines Krieges, seither gehörten Checkpoints und Gefechtslärm zum Alltag in Mariupol.

Die Stadt an der Frontlinie

Nach der Annexion der Krim war Mariupol zum Schlüssel für den Zugang der Ukraine zum Asowschen Meer geworden, der Hafen der Stadt ist einer der vier großen Häfen der Ukraine und der modernste am Asowschen Meer. Dort und in zwei Stahlwerken (Asowstahl und die Ilych Eisen- und Stahlwerke) pulsierte das wirtschaftliche Zentrum der Region. Und Mariupol war auch der Standort des Regiment Asow.

Dieses Asow-Regiment war eine paramilitärische Freiwilligen-Einheit, die gegen die prorussischen Separatisten im Osten des Landes eingesetzt war und wegen der teils rechtsextremen politischen Positionierung der Kommandeure und Mannschaften äußerst umstritten war. Das Asow-Regiment wurde aber zuletzt in die ukrainische Armee eingegliedert, die Armeeführung hoffte, die rechtsextremen Tendenzen im Regiment abschwächen zu können. Im russischen "Entnazifizierungs"-Narrativ spielte das Asow-Regiment aber eine große Rolle.

Doch zurück ins Jahr 2014: Mit dem Ausbruch des Krieges in der Ostukraine im Frühling des Jahres flüchteten 106.000 Bewohner aus den Regionen Donezk und Luhansk nach Mariupol (Zahlen von 2017), wo die Binnenvertriebenen ein Dach über dem Kopf fanden. Ende November 2015 fanden in Mariupol Gemeinderatswahlen statt und Vadim Boychenko, ein 45-jähriger Eisenbahningenieur, der es im Stahlwerk Asowstahl (das dem ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow gehört) zum Spitzenmanager gebracht hatte, wurde mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister gewählt.

Ein neues Mariupol

"Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Korruption die Stadt fest im Griff", sagt Pikula. Mariupol war eine graue, deprimierende Industriestadt mit Trinkwasser, das man nicht trinken, und Luft, die man kaum atmen konnte. Genau das zu ändern war das Ziel des neuen Bürgermeisters und seiner Gemeinderäte. Die Lebensqualität sollte sich verbessern: Neue Parkanlagen wurden geplant, Gebäude saniert und zumindest die Grünstreifen vor den grauen Wohnblöcken aus der Sowjetzeit sollten den Straßen ein freundlicheres Antlitz geben. Neue Busse wurden angeschafft, der öffentliche Verkehr ausgebaut. Freilich: Der Weg nach Norden - zum regionalen Zentrum Donezk - war versperrt, denn Donezk, das regionale Zentrum des Oblast, zu dem Mariupol gehört, war nun Teil einer von prorussischen Separatisten kontrollierten Volksrepublik.

Seit dem Euromaidan, wie die ukrainische Revolution im Jahr 2014 genannt wurde, herrschte auch in der Zivilgesellschaft überall im Land Aufbruchsstimmung. Stiftungen, NGOs und zivilgesellschaftliche Gruppen nahmen die Arbeit in Mariupol auf.

"Was uns in der Stadtregierung gestört hat: Niemand hier war stolz auf Mariupol. Das wollten wir ändern. Uns war klar: Wandel kommt nicht von oben, echter Wandel kommt von jedem von uns. Viele junge Menschen in Mariupol träumten von einem Leben in der Europäischen Union, träumten davon, auszuwandern. Unsere Idee: Wir müssen Europa nach Mariupol bringen."

Pikula ging nach Litauen, um zu erfahren, wie man dort die Transformationsprozesse nach dem Zerfall der Sowjetunion geschafft hatte, sie holte sich Inspiration, indem sie sich in das Buch "From Third World to First - The Singapore Story - 1965-2000" des legendären, 2015 verstorbenen Premierministers Lee Kuan Yew vertiefte. Und sie studierte das Buch der Ökonomen Daron Acemoglu und James A. Robinson, "Warum Nationen scheitern: Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut", um herauszufinden, welche Fehler man in Wirtschaft und Politik am besten nicht macht. Sie war beseelt: "Wir bauen an einer neuen Ukraine." Und Pikula war mittendrin.

Und nun? Mariupol wurde von russischen Truppen in Schutt und Asche gelegt, für den Kreml ist die Kontrolle über Mariupol - neben der Eroberung von Cherson - der zweite große militärische Erfolg in diesem Krieg, doch die Frage ist, was Kontrolle über eine Stadt, deren Bewohner flüchten mussten und die in Trümmern liegt, eigentlich bedeutet. Für die Ukraine ist der Verlust der Stahlkombinate und des Hafens ein wirtschaftlich schwerer Schlag, strategisch bedeutet der Verlust von Mariupol, dass die Ostukraine vom Asowschen Meer abgeschnitten ist. Die Menschen müssen sich nun woanders eine neue Existenz aufbauen. Für die Bürgerinnen und Bürger von Mariupol ist der Zukunftstraum für ihre Stadt zerplatzt.