Als das russische Militär am 24. Februar in der Nacht an vier verschiedenen Fronten einen Großangriff auf die Ukraine startete, herrschte im Westen nicht nur Entsetzen vor. Auch professionelle Politikbeobachter und Militärstrategen griffen sich an den Kopf. Und dies nicht nur, weil Russlands Präsident Wladimir Putin mit seiner Entscheidung zum Krieg sich sein "Brudervolk" zum Feind machen musste. Sondern auch, weil die Zahl der aufmarschierten russischen Truppen für eine Eroberung der riesigen Ukraine viel zu gering schien. Während die USA 1991 im Krieg gegen den Irak um das von der Fläche her kleine Kuwait mit 950.000 Mann antraten, während die Sowjetunion und ihre Verbündeten für die Niederschlagung des Prager Frühlings, wo kein militärischer Widerstand zu erwarten war, noch eine halbe Million Soldaten einsetzte, startete Russland seine Offensive in der Ukraine, dem nach Russland größten Land Europas, mit nur 200.000 Mann - in der Erwartung eines raschen Zusammenbruchs der Kiewer Regierung.

Bekanntlich war schon nach einigen Tagen klar, dass diese naive Blitzkriegsstrategie gescheitert war. Russland erklärte daraufhin wahrheitswidrig, ohnehin immer nur die Befreiung des Donezbeckens und des russischsprachigen Südens und Ostens der Ukraine im Auge gehabt zu haben. Dort will man es noch einmal wissen: Das Ziel der nunmehrigen Offensive im Donbass, ließ das russische Militär am Freitag wissen, sei die volle Kontrolle über diesen und ein Landkorridor zur annektierten Halbinsel Krim (den man faktisch bereits erobert hat).

Das ist freilich nicht alles: Rustam Minnekajew, der Vize-Kommandant des zentralen Militärbezirks Russlands, sprach am Freitag auch von einer Landverbindung nach Transnistrien als Ziel. In der völkerrechtlich zu Moldawien gehörenden, abtrünnigen Region, in der hauptsächlich Russen und Ukrainer leben, sind seit Beginn der 1990er Jahre russische Truppen stationiert. Es gibt Befürchtungen, dass diese in die Kämpfe eingreifen und gemeinsam mit den restlichen russischen Truppen Odessa in die Zange nehmen könnten. Ein Verlust der so wichtigen Hafenstadt würde die Ukraine wirtschaftlich strangulieren. Auch Moldawien wäre dann bedroht. Es ist freilich auch gut möglich, dass Minnekajew die Aussage nur tätigte, um ukrainische Truppen davon abzuhalten, die Front im Donbass zu verstärken.

Ein zerstörtes Kinderspital in Mariupol. 
- © reuters, Ukraine Military

Ein zerstörtes Kinderspital in Mariupol.

- © reuters, Ukraine Military

Dort zeigt sich bereits, wie die neue, rücksichtslosere russische Kampfführung aussieht. In den ersten Wochen waren russische Truppen schnell vorgerückt und damit zum leichten Ziel ukrainischer Verteidiger geworden. Nun geht man auf Nummer sicher: "Die russischen Verbände setzen jetzt massiv Artillerie und Luftwaffe ein", sagt Oberst Markus Reisner, der im österreichischen Generalstab tätig ist, der "Wiener Zeitung". Dies geschehe vor allem in der Nacht, um die ukrainischen Stellungen zu zerstören. Des Morgens rücke man dann langsam mit Panzern vor.

Mehr Raketen als gedacht

Für die Ukrainer werde es damit schwieriger, die russischen Truppen wie zu Beginn des Krieges an der Achillesferse zu treffen, analysiert Reisner. "In den russischen Sozialen Netzwerken sieht man Bilder aus dem Donbass, die zeigen, wie die ukrainischen Stellungen nach dem Beschuss aussehen. Man sieht Kraterlandschaften mit ein paar Bäumen, die noch aus der Erde ragen. Es sind Bilder, die an den Ersten Weltkrieg erinnern, an die Schlacht von Verdun 1916", sagt der Militärexperte. Die ukrainischen Verluste, so Reisner, seien groß.

Und für Kiew ergeben sich noch weitere Probleme: "Seit dem 24. Februar fliegen die Russen Angriffe in der Ukraine, wo immer sie wollen. Sie können jede Nacht Raketen und Bomben einsetzen", führt Reisner aus. Das Verteidigungsministerium in Moskau erklärte am Freitag, man hätte über Nacht 58 militärische Ziele getroffen - Orte, wo Treibstoffdepots, militärische Ausrüstung und Soldaten konzentriert gewesen seien. Auch Hochpräzisionsraketen seien eingesetzt worden. "Im Westen hatte man gehofft, Russland würde bald die Munition ausgehen. Das ist nicht passiert. Nur ein Beispiel: Die USA hatten im Irak 350 Marschflugkörper und Raketen eingesetzt, in diesem Krieg wurden von Russland bereits 1.620 solcher Waffen abgefeuert, und immer noch ist kein Ende abzusehen", führt der Experte aus.

Russische Truppen auf dem Vormarsch in der Region Charkiw. 
- © afp, Russian Defence Ministry

Russische Truppen auf dem Vormarsch in der Region Charkiw.

- © afp, Russian Defence Ministry

Für die Ukraine sei das ein massives Problem: Ein Abnutzungskrieg sei in Sicht, der für Kiew nur schwer zu gewinnen sei. "Jede Nacht wird ein Munitions- oder Treibstoffdepot zerstört, auch Panzer", sagt Reisner. Das ginge an die Substanz, weshalb die Ukraine auch so stark nach schweren Waffen rufe.

Ob die rechtzeitig und in ausreichender Menge kommen, ist die Frage: "Die Ukraine hatte beispielsweise 250 S-200-Luftabwehrsysteme, und die Slowakei hat eines geliefert. Die Tschechen haben einen Zug mit Panzern geschickt, von dem man noch nicht weiß, ob er angekommen ist."

Panzer leicht zu erkennen

Schwere Waffen sind zudem leicht zu erkennen - anders als leichte Systeme, die Ukrainer auch in einfachen Transportern über die Grenze bringen können. Panzer, so Reisner, könne man nur per Bahn oder Lkw transportieren. Russland bombardiert auch deshalb gezielt Eisenbahnanlagen bei Dnipro und Saporischschja, um zu verhindern, dass die Ukrainer Nachschub in den Kessel liefern können. "Im Westen der Ukraine, bei und in Lemberg, griff man mit Raketen in dem Moment an, als die polnischen Frächter ihre Ware hereingebracht hatten", sagt Reisner.

Der Militärexperte ist der Ansicht, dass man erst im Frühsommer Näheres über den möglichen Ausgang dieses Krieges wissen werde. "Dann werden wir sehen, ob die Sanktionen gewirkt haben und wie die Offensive ausgegangen ist. Und auch, ob die Ukraine wirklich substanziell mit Waffen unterstützt worden ist", führt der Bundesheer-Oberst aus.

Einstweilen zeigt er sich wenig optimistisch: Komme es wirklich zu einem Kessel im Donbass, "haben wir die nächste humanitäre Katastrophe".