Kiew/Wien. In der Ukraine wird gekämpft, es gibt tausende Tote und noch viel mehr Verwundete - Soldaten und Zivilisten. Schätzungen gehen von mehr als 10.000 verletzten ukrainischen Soldaten aus, die zunächst unmittelbar hinter der Frontlinie notversorgt und dann in die Spitäler gebracht werden. Die Zahl der russischen Versehrten dürfte noch höher sein - und sie steigt rasant.

Die Zustände in den Lazaretten sind stellenweise fürchterlich - etwa in den unterirdischen Gängen des von russischen Streitkräften eingeschlossenen Stahlwerks Asowstal in Mariupol, wo sich hunderte Verletzte befinden sollen. Genaue Informationen gibt es nicht.

Internationale Hilfe rollt an, im Vergleich zu den Waffenlieferungen allerdings in geringerem Umfang. Immerhin hat etwa Israel im Westen der Ukraine ein Feldkrankenhaus eröffnet, 150 Verletzte können dort versorgt werden. Die Bundeswehr hat neben Panzerfäusten ein mobiles Feldlazarett und Sanitätsmaterial geschickt. Einige verletzte Zivilisten werden derzeit direkt in Deutschland versorgt, auch Polen hat ukrainische Kriegsopfer aufgenommen. Warschau ist bereit, künftig mehr als 10.000 verletzte Soldaten aufzunehmen und medizinisch zu behandeln.

Die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) hat seit Kriegsbeginn 215 Tonnen an medizinischen und anderen Hilfsgütern an die Ukraine geschickt. In den U-Bahn-Stationen der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw, die im Visier der russischen Angreifer ist, bieten MSF-Ärzte Sprechstunden für verängstigte, kranke und traumatisierte Menschen an. Es gibt drei Metro-Linien, praktisch alle Stationen werden genutzt. Dort geht es auch um die Bereitstellung von Trinkwasser und genereller Sauberkeit, erfuhr die "Wiener Zeitung".

Für Ärzte, Ärztinnen und Krankenschwestern in Frontnähe bedeutet der Einsatz Dauerstress. "Es ist aus ärztlicher oder pflegerischer Sicht das Schlimmste, was einem passieren kann", so Benedikt Friemert, Oberstarzt der Bundeswehr gegenüber dem deutschen Rundfunk. Die Mediziner müssen unter Beschuss arbeiten, sind tagelang rund um die Uhr im Einsatz, bekommen kaum Schlaf, stehen unter Aufputschmittel und können meistens nicht das für die Patienten tun, was eigentlich nötig wäre. Der Dienst ist gefährlich. Laut WHO kam es bis zum 14. April zu 119 Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen, Personal, Verletztentransporte oder Lager. Ärzte und Pfleger wurden bei der Arbeit getötet.

Bauch-, Steck- und Durchschüsse, Splitterwunden, schwere Verbrennungen, weggerissene Gliedmaßen: Die Verletzungen, mit denen es die Helfer zu tun bekommen, sind in Friedenszeiten selten. Entsprechend schlecht sind die Mediziner darauf vorbereitet.

Vor allem muss es schnell gehen. Im Fall von Schussverletzungen ist wichtig, dass die Betroffenen innerhalb von 45 Minuten in ein Krankenhaus kommen. Zuerst muss die Blutung gestoppt werden, später, im Lazarett, sind Kriegsverletzte besonders oft durch Infektionen und gefährliche Keime gefährdet, die nur schwer mit Medikamenten behandelt werden können. Ist der Wundbrand zu weit fortgeschritten, wird amputiert. Unbeantwortet bleibt vorerst die Frage, ob die Verwundeten, die im Stahlwerk von Mariupol liegen, in irgendeiner Form medizinisch versorgt werden.