Russland hat wie angekündigt Polen den Gashahn zugedreht. Der tatsächliche Gasdurchfluss durch die Jamal-Pipeline von Belarus nach Polen lag um 04.07 MESZ bei null Kilowattstunden, wie Daten des Europäischen Netzes der Fernleitungsnetzbetreiber zeigten. Zudem wird der russische Staatskonzern Gazprom ab Mittwoch auch alle Gaslieferungen nach Bulgarien stoppen. Darüber sei das Gasunternehmen Bulgargas am Dienstag informiert worden, meldete das Energieministerium in Sofia.

Für Polen sind die Auswirkungen des Lieferstopps nach Angaben aus Warschau gering. "Wir sind auf eine vollständige Einstellung der russischen Rohstofflieferungen vorbereitet". Seit den ersten Tagen des Ukraine-Krieges habe ihr Land erklärt, dass es bereit sei für eine vollständige Unabhängigkeit von russischen Rohstoffen. Der Bevollmächtigte der polnischen Regierung für strategische Energieinfrastruktur, Piotr Naimski, versicherte, dass alle Gaskunden in Polen den Rohstoff weiter auf dem bisherigen Niveau erhalten würden.

Auch Bulgarien betroffen

Auch Bulgarien habe Schritte zur alternativen Gasversorgung unternommen, hieß es. Vorerst sei keine Begrenzung des Gasverbrauchs notwendig. Energieminister Aleksandar Nikolow wollte sich am Mittwoch zum Lieferstopp aus Russland äußern. Sofia habe seine Verpflichtungen "vollkommen erfüllt" und alle Zahlungen "rechtzeitig und strikt" getätigt, die der laufende Vertrag erfordert, wurde mitgeteilt. Allerdings berichtete das bulgarische Onlineportal Mediapool, dass die Gaszahlung vom 18. April für Mai auf die bisher übliche Weise erfolgt sei, und nicht wie von Gazprom gefordert, über zwei neu eröffnete Konten bei der Gazprom-Bank - in Dollar und in Rubel.

Nach der Einführung der westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Krieges hatte Russland die EU-Mitgliedstaaten aufgefordert, ihre Gas-Rechnungen in Rubel zu bezahlen. Westliche Staaten wiesen die Forderung zurück und pochten auf die Einhaltung der Verträge mit Russland, die Zahlungen für die russischen Gaslieferungen ausschließlich in Euro oder Dollar vorsehen.

Bulgariens Ministerpräsident Kiril Petkow hatte vor der jüngsten Nachricht aus Russland, dass kein Gas mehr fließen solle, angekündigt, dass am Mittwoch eine bulgarische Regierungsdelegation nach Kiew reise. Bulgarien ist seit 2007 EU-Mitglied, ist aber noch immer fast komplett von Erdgaslieferungen aus Russland abhängig. Ein Anschluss an das griechische Gasnetz soll im Juni fertig sein. Dadurch will das EU-Land seine Lieferquellen für Gas diversifizieren und den Rohstoff auch aus anderen Ländern beziehen. Ein Gasspeicher bei Tschiren im Nordwesten Bulgariens soll nach Informationen von Anfang April zu 20 Prozent voll sein, berichtete das bulgarische Staatsradio ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Gewessler: Lieferungen nach Östrreich uneingeschränkt

Russland liefert auch nach einem entsprechenden Stopp für Polen und Bulgarien weiterhin Erdgas nach Österreich. Dies gab Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) am Mittwoch bekannt. Über die Hauptversorgungsrouten Nord Stream und die Ukraine werde "uneingeschränkt geliefert", sagte Gewessler im Ö1-Morgenjournal. Auf die Frage, ob es Anzeichen für einen Lieferstopp für Österreich gebe, sagte sie: "Nein, diese Anzeichen haben wir nicht."

"Wir müssen alles tun, um unsere Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich zu beenden", betonte die Klimaministerin. Der erstmalige Lieferstopp für zwei EU-Staaten zeige nämlich, dass man sich auf Russland nicht verlassen könne. "Wladimir Putin führt Krieg auch mit Energielieferungen."

"Wir müssen alles tun, um unsere Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich zu beenden", betonte die Klimaministerin Leonore Gewessler. 
- © apa / afp, Alex Halada

"Wir müssen alles tun, um unsere Abhängigkeit von russischem Gas so schnell wie möglich zu beenden", betonte die Klimaministerin Leonore Gewessler.

- © apa / afp, Alex Halada

Gewessler betonte, dass das bulgarische Netz "nichts mit dem österreichischen Netz zu tun" habe. Zur Jamal-Pipeline nach Polen (die auch mit Österreich verbunden ist, Anm.) sagte sie, dass schon in den vergangenen Tagen "wenig Gas" über sie gekommen sei. Die OMV sei derzeit "im Austausch", um die Gaszahlungen an Russland "sanktionskonform über Euro abzuwickeln", betonte sie. Eine Auflösung der bis zum Jahr 2040 geschlossenen Lieferverträge mit Russland schloss sie nicht aus. Zugleich plädierte sie dafür, so schnell wie möglich die Gaslieferungen nach Österreich zu diversifizieren. Österreich zählt zu jenen EU-Staaten, die am stärksten von russischen Gaslieferungen abhängig sind.

E-Control: Stabile Gasflüsse am Gasknoten Baumgarten

Auch laut des Energieregulators E-Control sind die Erdgasflüsse aus dem Osten an die österreichische Grenze sind weiterhin normal und ungestört. Das sagte Vorstandsdirektor Wolfgang Urbantschitsch am Mittwoch. "Es gibt stabile Gasflüsse am Gasknoten Baumgarten, und wir sehen, dass ganz normale Werte nominiert sind", so der Vorstand der Behörde.

Der Gasfluss über die Ukraine und die Slowakei nach Österreich sei stabil, so Urbantschitsch. Das lasse sich auch an den aktuellen Angaben des mehrheitlich dem Verbund gehörenden Ferngasleitungsbetreibers GasConnect Austria (GCA) ersehen. Dort heißt es zum Stand von 10 Uhr: "Die Gastransporte nach Österreich sind nach unserem derzeitigen Kenntnisstand ungestört."

Ebenfalls stabil war zuletzt laut Urbantschitsch der Gasfluss über die Nord Stream I, ebenso über die Opal-Abzweigung von Tschechien in die Slowakei, also ebenfalls Richtung Baumgarten, wo das russische Erdgas nach Österreich kommt. Unser Land deckt bisher wie bekannt vier Fünftel seines Erdgasverbrauchs durch russisches Erdgas. Bestätigt hätten sich hingegen zuletzt die geringeren Gasflüsse auf den beiden Pipelines nach Polen und Bulgarien.

Ein Wiener Gasexperte erklärte am Dienstagabend,  dass über die Jamal-Gaspipeline, die Polen mit russischem Gas versorgt, bereits in den letzten Wochen und Monaten immer wieder weniger Erdgas angekommen sei. "Die Jamal war immer wieder einmal unterbrochen oder auf Null gesetzt, weil weniger Gas nominiert wurde", also von Kunden weniger für den Transport angemeldet worden sei. Für Österreichs Gasversorgung habe die Jamal keine vorrangige Bedeutung, weil unser Land nicht über Polen versorgt werde, so der Experte.

Auch in Deutschland keine Einschränkungen

Die deutschen Erdgasspeicher füllen sich unterdessen langsam wieder. Am Montag lag der Füllstand aller deutschen Speicher bei 33,4 Prozent, wie die Bundesnetzagentur in ihrem Lagebericht zur Gasversorgung mitteilte. Aktuell werde relativ konstant eingespeichert. Die Füllstände seien vergleichbar mit dem Jahr 2017 und mittlerweile deutlich höher als im Frühjahr 2015, 2018 sowie 2021, so die Behörde.

Seit dem 5. April nimmt der Füllstand laut einer Übersicht der europäischen Speicherbetreiber kontinuierlich zu. Zum Vergleich: Am 18. März waren die Speicher zu 24,2 Prozent gefüllt, der niedrigste Wert des Winters 2021/22. "Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil", meldete die Behörde weiter. Die Gasnetzbetreiber hätten keine besonderen Vorkommnisse gemeldet. Es seien keine Beeinträchtigungen der Gaslieferungen nach Deutschland zu verzeichnen.

Ölpreise nur leicht gesteigen

Die Ölpreise sind am Mittwoch nur leicht gestiegen, obwohl sich die Lage auf dem europäischen Gasmarkt weiter verschlechtert. Ein Barrel (159 Liter) der Nordseeölsorte Brent kostete in der Früh 105,36 US-Dollar (98,71 Euro). Das waren 37 Cent mehr als am Vortag. Der Preis für ein Fass der US-amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) stieg um 15 Cent auf 101,85 Dollar.

Obwohl ökonomische Verknüpfungen zum Ölmarkt bestehen, wirkte sich Russlands Lieferstopp an Polen und Bulgarien am Erdölmarkt zunächst nicht besonders stark aus. Gas ist in einigen Bereichen durch Rohöl ersetzbar, aus technischen Gründen allerdings nur begrenzt. Hintergrund des Lieferstopps Russlands ist der Ukraine-Krieg, der zu scharfen Sanktionen überwiegend westlicher Länder geführt hat.

Ein Grund, warum die Auswirkungen des russischen Schritts auf dem Rohölmarkt zunächst begrenzt geblieben sind, dürfte in China liegen. Dort sorgen strenge Corona-Maßnahmen der Regierung für erhebliche konjunkturelle Belastung. Unter der strikten Null-Covid-Politik dürfte auch die Nachfrage nach Öl, Benzin und Diesel leiden. China ist einer der größten Energieverbraucher der Welt. (apa / afp/ tass/reuters/dpa)