Polen und Bulgarien sehen dem russischen Gas-Lieferstopp gelassen entgegen. Sein Land habe sich "schon seit Jahren gut auf dieses Szenario vorbereitet" und verfüge außerdem über hohe Füllstände in den Gasspeichern, sagte Polens Vize-Außenminister Szymon Szynkowski vel Sek den RND-Zeitungen vom Donnerstag. Auch die bulgarische Regierung sprach von "Alternativen". Der deutsche Mittelstand warnte vor "kaum kalkulierbaren Auswirkungen" hierzulande bei einem Lieferstopp.

Polens Vizeminister sagte, sein Land habe schon seit 2015 schrittweise die eigene Abhängigkeit von russischem Erdgas um etwa 20 Prozent zurückgefahren. Polen habe ein Terminal für Flüssiggas (LNG) gebaut und produziere zudem inzwischen etwa 20 Prozent des Gasbedarfs selbst. Polens Gasspeicher seien bis zu 80 Prozent voll, der EU-Durchschnitt betrage derzeit nur 30 Prozent.

Ungeachtet der Einstellung direkter Lieferungen kauft Polen nach Angaben des Energieriesen Gazprom jedoch weiter russisches Gas - nun über Deutschland. "Es wurde feierlich verkündet, dass russisches Gas nicht mehr gebraucht wird und man es nicht kaufen wird. Aber in Wirklichkeit ist das nicht so", sagte Gazprom-Sprecher Sergej Kuprijanow am Donnerstag der russischen Agentur Interfax zufolge. Über die Jamal-Europa-Pipeline fließen laut Kuprijanow täglich rund 30 Millionen Kubikmeter Gas aus Deutschland zurück nach Polen.

Auch Bulgarien sieht sich vorbereitet

Russland hatte Polen und auch Bulgarien am Mittwoch den Gashahn zugedreht und zur Begründung erklärt, die Länder hielten sich nicht an die Zahlungsmodalitäten. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte vergangenen Monat gefordert, dass die Lieferungen in Rubel bezahlt werden müssen.

Polen bekommt nun Hilfe unter anderem aus Litauen und der Slowakei und ab Herbst über eine neue Gaspipeline durch die Ostsee, die Baltic Pipe. Sie bringt norwegisches Erdgas nach Polen.

Bulgariens Regierunsgchef Kiril Petkow, der sich am Donnerstag im ukrainischen Irpin nahe der Hauptstadt Kiew aufhielt, sagte dort, Europa müsse "stärker" sein und von russischem Gas unabhängig werden. Sein Land habe Alternativen zu Russland. "Und wenn wir in der Lage dazu sind, sollte jeder in Europa es sein."

Deutschland nur noch bei 35 Prozent

In Deutschland wird angesichts des Ukraine-Kriegs immer wieder die Forderung eines Boykotts russischer Gaslieferungen laut. Die deutsche Bundesregierung lehnt das bisher ab und verweist darauf, zuletzt ihre Bemühungen drastisch verstärkt zu haben, von russischem Gas schrittweise unabhängig zu werden. Erst am Mittwoch sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), vor dem Krieg habe die Abhängigkeit noch bei 55 Prozent gelegen, mittlerweile seien es noch 35 Prozent.

Eine gestörte Gasversorgung hierzulande hätte indes "kaum kalkulierbare Auswirkungen für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes", warnte der Vorsitzende des Mittelstandsverbands BVMW, Markus Jerger, in den Funke Zeitungen. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen hätten in solch einem Fall "kaum Chancen, ihre Produktion schnell und flexibel zu verlagern".

Der russische Lieferstopp nach Polen und Bulgarien habe gezeigt, "dass wir jederzeit auf das Schlimmste gefasst sein müssen", sagte Jerger. Es komme jetzt darauf an, die Versorgungssicherheit für den nächsten Winter zu gewährleisten. Schnelle Investitionen in den Aufbau nationaler Reserven seien daher "unumgänglich", außerdem müssten langfristig gesehen die erneuerbaren Energien "schneller und konsequenter" ausgebaut werden.

Der Verband der Familienunternehmer riet dagegen, sich von den russischen Maßnahmen "nicht nervös machen" zu lassen. Faktisch habe Russland "keinen anderen Absatzmarkt als Europa", da die Pipelines etwa nach China noch nicht ausreichend vorhanden seien. "Entweder liefert Gazprom in die EU oder gar nicht", lautete die Einschätzung des Verbands. Dann würden "etliche Milliarden im russischen Haushalt fehlen". (apa)