Charkiw. Im Zentrum Charkiws haben sich Freiwillige zusammengeschlossen, um die Menschen in der kriegsgezeichneten Stadt mit warmem Mittagessen zu versorgen. Eine Helferin ist Olga: "Wenn mich das ukrainische Militär aufnehmen würde, würde ich in den Krieg ziehen", teilt sie in einem Video mit. "Aber sie werden mich in meinem Alter nicht mehr nehmen."

Ihrem Land dienen will sie trotzdem. Vor dem Krieg arbeitete sie als Elektrotechnikerin in einem Stromversorgungsunternehmen. Heute kocht sie als Teil der Hilfsinitiative Nebo in einem Team von 50 bis 60 Freiwilligen, darunter 15 Fahrer, die das Mittagessen und Hilfspakete in die Stadt und die Vororte Charkiws transportieren.

Seit Kriegsbeginn steht Charkiw, die im Nordosten des Landes gelegene, zweitgrößte Stadt der Ukraine, unter russischem Raketen- und Artilleriebeschuss. Vor dem Angriffskrieg Russlands lebten 1,4 Millionen Menschen in der Universitätsstadt. Mittlerweile wurden 30 Prozent von ihnen Charkiws Bürgermeister Ihor Terekhov zufolge evakuiert, vor allem Frauen, Kinder und ältere Personen. Rund eine Million Menschen sind in der Stadt geblieben. Diese gilt es nun mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Regionale Hilfsinitiativen haben diese Aufgabe übernommen.

8.000 Mahlzeiten täglich

Oleksiy Lomsky - ehemaliger Unternehmer der Restaurantkette Nebo und Mitbegründer der gleichnamigen Initiative, die aus dem Ukrainischen und Russischen übersetzt "Himmel" heißt - stellte sein Projekt jetzt vor Journalisten in Wien vor.

Eine Tonne Fleisch und hunderte Kilogramm Getreide pro Tag, dazu Gemüse, verarbeiten die Freiwilligen in Großküchen an drei Standorten in Charkiw. 8.000 warme Mahlzeiten produzieren sie täglich, darunter Hühnersuppen, Porridge, Silberhechte, Reis, Gemüse, die die Fahrer vor allem zu zivilen und teils zu militärischen Einrichtungen bringen. Unter den Fahrern befindet sich Lomsky. In Schutzweste und Helm bringt er mit anderen die Mittagessen auf sieben bis zehn Routen pro Tag zu Bedürftigen in Krankenhäuser, Entbindungsheime, Schutzbunker, Keller und Metrostationen, in denen Menschen Schutz gesucht haben. Die Freiwilligen riskieren viel, immer wieder detonieren in der Nähe Granaten.

Im Gepäck sind pro Woche auch 6.000 Hilfspakete, drei- bis vier Kilogramm schwer, gefüllt mit Mehl, Reis, Öl, Zucker und anderen Sachen, die die Menschen brauchen, um zu überleben. Die Zutaten kommen von noch produzierenden ukrainischen Fabriken und Lebensmittelgeschäften in Stadtteilen, in denen keine Kämpfe stattfinden. Auch Bauern und ausländische Hilfsorganisationen liefern. Steigende Preise belasten jedoch den Einkauf.

Aktuell liegen die Gesamtkosten für die Materialien und den Transport des Essens bei rund 400.000 Euro pro Monat. "Ganz am Anfang finanzierte sich die Initiative privat. Um Transparenz zu wahren, gründen wir nun einen Fonds", erklärt Lomsky. Abgesehen von finanzieller Unterstützung wünscht sich der Unternehmer, der seit Ausbruch des Krieges seine evakuierte Familie nur zweimal gesehen hat, nur eines: "Uns treibt alle der große Wunsch an, in der Ukraine ein Europa mit allen seinen positiven Aspekten zu schaffen."