Er grüßt mit "Moin" und sagt, dass Schleswig-Holstein seine Heimat ist: Tarek Saad will am Sonntag in den Kieler Landtag einziehen. Für die Sozialdemokraten, die im Bund die Regierung anführen, sieht es im Norden schlecht aus: In den Umfragen liegt die SPD mit 20 Prozent weit hinter der CDU (36 Prozent), die seit 2017 mit den Grünen und der FDP regiert.

Saad wollte in Syrien den Krieg via Fotos und Videos dokumentieren und fuhr an die Front. Schwer verletzt floh er 2014 nach Deutschland. Seit 2021 sitzt der mittlerweile 29-Jährige im Landesvorstand der SPD.

"Wiener Zeitung": Wie läuft Ihr erster Wahlkampf in Deutschland?

Tarek Saad: Mein Wahlkreis ist sehr konservativ. Ich merke, dass die Menschen denken: "Sie sind gut angekommen, Sie arbeiten hier, Sie sind gut integriert, Sie sind ein Vorbild - aber so weit sollten Sie auch nicht kommen." So rosa ist die Welt also nicht - die Aufnahmegesellschaft hat ihre Grenze. Dieses "Von hier kommen oder hier geboren zu sein" spielt tatsächlich eine größere Rolle als die politischen Inhalte.

Warum sind Sie in der SPD?

2014, als ich hier angekommen bin, war die SPD in der Landesregierung. Und sie hat damals eine ganz gute Flüchtlingspolitik gemacht. Deswegen bin ich in die Partei eingetreten. Ich habe nie erwartet, irgendwann einmal Landtagskandidat zu sein. In den letzten acht Jahren hat sich das dann so entwickelt. Und ich wollte in eine Partei eintreten, die die Möglichkeit hat, etwas zu verändern, die nicht klein ist - aber auch nicht die CDU. Die CDU war für mich zu konservativ.

Sie erwähnten die "gute Flüchtlingspolitik". Was war da gut?

Die SPD hat 2015 viele Unterkünfte in der Erstaufnahme organisiert, mehr als das Land Schleswig-Holstein in der Verantwortung war. Und die SPD in Schleswig-Holstein hat einen Abschiebestopp nach Afghanistan beschlossen. Das war für mich ein Zeichen für die Freiheit. Daher dachte ich: Okay, wenn eine Partei so gegen die große Koalition rangeht, das ist eine andere Nummer. Denn die SPD auf Bundesebene hat mit der Union Ankerzentren eingeführt. Da war es auch nicht leicht, in der SPD zu bleiben. Aber in Schleswig-Holstein haben die ganz gute Arbeit geleistet.

Sie interessieren sich für Infrastrukturpolitik, E-Mobilität, Windräder. Wären Sie bei den Grünen nicht besser aufgehoben?

Nicht unbedingt. Ich meine, wenn man diese Sachen vorantreiben möchte, dann ist das nur möglich, wenn man nicht mit den Konservativen regiert. Zumindest hat sich die SPD vorgenommen, nicht mit der CDU zu koalieren. Und bei den Grünen sehen wir: Wenn die mit der CDU regieren, werden keine Windräder gebaut. In Schleswig-Holstein gab es 2017 exakt 2.981 Windräder und 2022 sind es: 2.981, also kein einziges Windrad mehr. Hier merkt man: Wenn die Grünen regieren, bedeutet das nicht, dass solche Themen nach vorne geschoben werden. Daher ist die SPD doch die richtige Partei.

In der "Zeit" haben Sie erwähnt, dass es schwierig ist, andere Syrerinnen und Syrer von der SPD zu überzeugen. Gelingt es Ihnen?

Es ist hart. Stellen Sie sich vor, seit 40 Jahren ist es in Syrien so: Die ersten 15 Minuten der Schule sind nur dazu da, um diesem Machthaber und dem Sozialismus Treue zu schwören. Damit wächst man auf. Wenn man hier nun sagt, wir sind die soziale Partei Deutschlands, dann fragen viele: Was heißt das auf Arabisch? Und dann kommt das gleiche Wort raus. Das ist abschreckend, das merkt man am Gesicht. Und da muss man sagen: Das hier ist anders, hier haben sie die Freiheit geschaffen, die Demokratie mitgestaltet. Willy Brandt selbst war ein Flüchtling.

Was bedeutet der Krieg, den Russland derzeit in der Ukraine führt, für Syrien?

Russland bleibt in Syrien, es gibt ein Abkommen für den Hafen in Latakia und den Flughafen. Für Russland ist Syrien unverzichtbar, denn das ist der letzte militärische Punkt im Nahen Osten, nachdem die Sowjetunion zerfallen ist. Komme, was wolle, Russland will das nicht verlieren.

Inwieweit kann man den Menschen in Syrien die Verantwortung für die Lage zuschieben? Etliche fanden ja auch die Terrormiliz IS toll.

Die Radikalen hatten das meiste Geld. Sie hatten so viele Sachen dabei. Sie konnten sich alles kaufen, was sie wollten. Und die jungen Menschen, die anfangs auf die Straße gegangen sind, waren pleite. Deswegen wurde die Situation sehr schnell radikalisiert, aber das war auch der Plan von Machthaber Assad. Es wurden 2012 ja viele radikale Menschen aus dem politischen Gefängnis Saidnaiya freigelassen. Ich habe selbst erlebt, wie diese Menschen die Führung im Norden Syriens übernommen haben, die Führung der Gruppen der Rebellen. Damit gab es keine Alternative. Das war ein sehr schlauer Plan.

Aus einem Krieg kommend: Was sagen Sie zu den 100 Milliarden Euro, die es für die deutsche Bundeswehr geben soll?

In den Parteibeschlüssen heißt es, dass wir weniger Rüstungsexporte wollen, dass die SPD eine Friedenspartei ist. Aber aus meiner eigenen Erfahrung muss ich sagen: Wenn man wirklich Frieden sichern will, muss man stark sein, um dem anderen nicht die Möglichkeit zu geben, einen einfach anzugreifen. Denn die anderen denken nicht wie wir. Was die große Koalition die letzten Jahre mit der Bundeswehr gemacht hat - vor allem die Union, ist einfach schräg. Wir sind gerade nicht bereit, uns zu verteidigen. Mag sein, dass ich innerhalb der SPD nicht immer beliebt bin, was dieses Thema angeht, aber es gehört dazu, dass man in der Lage ist, sich zu verteidigen. Ich glaube, das ist der erste Schritt zum Frieden.

Der Bundestag, die Wahl 2021, war keine Option für Sie?

Ich bin erst acht Jahre hier. Das ist auch für viele SPDler schnell gegangen. Ich bin im Landesvorstand und es gab Widerstand. Was passiert erst, wenn ich für den Bundestag antreten will? Es gibt diesen Gegenwind, diesen Druck nicht nur von außerhalb, sondern auch innerhalb der SPD. Ich dachte, ich versuche es auf Landesebene, da ist auch die Möglichkeit, Menschen vor Ort zu helfen, größer als in Berlin. Außerdem bin ich nicht so präsent in den Medien wie Tareq Alaows, dachte ich.

Tareq Alaows kommt ebenfalls aus Syrien und wollte für die Grünen für den Bundestag antreten. Nach Morddrohungen zog er seine Kandidatur zurück.

Neben Morddrohungen wurden die Fenster meines Autos nach einem Termin zerschlagen. Plakate werden beschriftet mit "Raus" oder "In die Heimat schicken". Ich habe mich also geirrt: Im Wahlkampf auf Landesebene passiert mir nun das Gleiche, das Tareq auf Bundesebene passiert ist.