Im Osten und im Süden der Ukraine haben sich die Kämpfe am Dienstag verstärkt. Im Donbass bereiteten sich die russischen Truppen weiterhin auf Vorstöße in den Regionen Lyman und Sewerodonezk vor, teilte der ukrainische Generalstab mit. Meldungen, wonach die prorussischen Separatisten bis an die Verwaltungsgrenzen des Gebiets Luhansk vorgedrungen sein sollen, widersprach Kiew. Beim Beschuss von Odessa im Süden des Landes soll es mehrere Tote gegeben haben.

Die Kleinstadt Popasna in der Region Luhansk, die bis vor kurzem noch schwer umkämpft war, sei nun "gesäubert" von ukrainischen "Nationalisten", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow, am Dienstag. Russland hatte immer wieder erklärt, Luhansk solle komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden.

Der Luhansker Gouverneur Serhij Hajdaj bezeichnete diese Aussagen hingegen als "Fantasie". Die ukrainischen Soldaten hätten sich zwar aus Popasna zurückziehen müssen, aber die Russen hätten die Verteidigung keinesfalls durchbrochen, schrieb er.

Laut Hajdaj gab es in der Region Luhansk in den vergangenen 24 Stunden bis Dienstagfrüh 22 Angriffe. Die russischen Streitkräfte hätten schon am Montag die Region massiv beschossen. In mehreren ukrainischen Regionen waren in der Früh Sirenen zu hören, die vor Luftangriffen warnten, darunter in Lukansk, Charkiw und Dnipro.

Journalisten der Nachrichtenagentur AFP sahen zahlreiche Lkw mit Soldaten und schwerer Ausrüstung, die aus der Stadt Sewerodonezk herausfuhren, einer der letzten östlichen ukrainischen Bastionen. Dies könnte auf einen Rückzug der ukrainischen Truppen aus Teilen des Frontgebiets hindeuten.

In Nacht auf Dienstag habe Russland in verschiedenen Teilen der Ukraine insgesamt mehr als 400 Ziele mit Raketen und Artillerie angegriffen, sagte Konaschenkow. Im südukrainischen Gebiet Mykolajiw seien fünf Lager mit Militärausrüstung zerstört worden. Dabei seien bis zu 380 ukrainische Kämpfer getötet worden. Keine dieser Angaben waren von unabhängiger Seite überprüfbar.

1.000 ukrainische Soldaten in Stahlwerk

In Odessa im Süden des Landes kämpften Feuerwehrleute inzwischen gegen Brände in Folge mehrerer Raketen-Angriffe. Mehrere Menschen sollen bei den Angriffen am Montag und in der Nacht auf Dienstag ums Leben gekommen sein.

Schon am Montagabend hatte die russische Luftwaffe mehrere Hyperschallraketen vom Typ Kinschal auf Odessa abgefeuert. Dabei seien "touristische Objekte" getroffen und mindestens fünf Gebäude zerstört worden, berichtete die "Ukrajinska Prawda".

Unklarheit herrscht unterdessen über angeblich noch rund 100 Zivilisten im belagerten Industriekomplex Asow-Stahl in Mariupol. Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk wies dementsprechende Angaben von zwei örtlichen Behördenvertretern zurück. "Das stimmt nicht", sagte sie. Der Chef des Asow-Regiments habe gegenüber ukrainischen Regierungsvertretern und einem UNO-Vertreter "offiziell erklärt", dass "kein Zivilist, keine Frau, kein Kind oder alter Mensch mehr in Asow-Stahl ist".

Allerdings befinden sich auf dem Werksgelände noch mehr als 1.000 ukrainische Soldaten. "Hunderte sind verletzt", sagte Wereschtschuk. Einige der Soldaten seien "schwer verletzt" und müssten "dringend" aus dem Stahlwerk herausgeholt werden. "Die Situation verschlimmert sich täglich."

USA: Putin will längeren Konflikt

Die USA gehen unterdessen davon aus, dass ein eventueller russischer Erfolg im Donbass nicht das Ende von Russlands Krieg gegen die Ukraine bedeuten würde. Der russische Präsident Wladimir Putin bereite sich auf einen längeren Konflikt in der Ukraine vor, in dessen Verlauf er immer noch beabsichtige, Ziele zu erreichen, die über die Ostukraine hinausgingen, sagte US-Geheimdienstkoordinatorin Avril Haines bei einer Anhörung des Senats in Washington.

"Wir gehen davon aus, dass sich die strategischen Ziele Putins wahrscheinlich nicht geändert haben", so Haines. Die Verlagerung der russischen Streitkräfte in den Donbass sei wohl nur vorübergehend.

Haines warnte außerdem vor einer Eskalation des Konflikts. Die Ungewissheit des Kampfes, der sich zu einem Zermürbungskrieg entwickle, bedeute in Verbindung mit dem Missverhältnis von Putins Ambitionen und den militärischen Fähigkeiten Russlands einen "unvorhersehbaren und potenziell eskalierenden Kurs" in den kommenden Monaten.