Ob Zeitenwende, Epochenbruch oder Zäsur: Das als unfassbar Geglaubte eines Angriffskriegs auf europäischem Boden führt zu Konsequenzen kolossaler Tragweite. Dazu zählt auch die Entscheidung von Finnlands Präsident Sauli Niinistö und Ministerpräsidentin Sanna Marin, dass der seit Jahrzehnten militärisch bündnisfreie Staat der Nato beitreten soll. Während Russland die Finnen vor einem Nato-Beitritt warnt und mit Konsequenzen droht, hegt auch das Nato-Land Türkei einige Bedenken. Von Norwegen und den baltischen Staaten hingegen kommt starke Zustimmung. Niinistö hat am Samstag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin diesbezüglich telefoniert, Außenminister Pekka Haavesto wiederum trifft am heutigen Samstagabend seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu vor inoffiziellen Beratungen der Nato-Außenminister in Berlin. 

In Finnland selbst herrscht jedenfalls Einigkeit über die Parteigrenzen hinweg. Das zeigt der Schulterschluss zwischen dem Bürgerlichen Niinistö und der Sozialdemokratin Marin. Deren SSP bildet eine Koalition mit vier weiteren Parteien, die vom liberalen, grünen bis zum linken Spektrum reichen. Wieder einmal zeigte sich, dass Außenpolitik in Helsinki kein Tummelplatz für parteipolitische Spielchen und schnelles Umfrage-Kleingeld ist. In Grundsatzfragen ist Konsens finnischer Trumpf.

Zu den unverrückbaren Pfeilern des Landes zählt dabei die Wehrhaftigkeit. Kein Zufall ist es daher auch, dass Finnlands westlicher Nachbar Schweden länger für die Entscheidung braucht, ob es den Weg in die Nato bestreitet. In Stockholm legten Regierungs- und Parlamentsparteien am Freitag eine Sicherheitsanalyse vor. Der Beitritt zur Nato würde demnach die Schwelle für militärische Konflikte erhöhen. Schwedens Identität ist zwar geprägt von einer starken Armee, die das Land schützt. Tief verwurzelt ist aber auch, dass die letzte Kriegsbeteiligung 200 Jahre entfernt liegt, aus dem Jahr 1814 datiert. Finnland hingegen haben der Winterkrieg 1939/40 und der Fortsetzungskrieg 1941 bis 1944 gegen einen anderen Nachbarn geprägt: die UdSSR im Osten.

Die finnische Neutralität nach Kriegsende ist auch ein Ergebnis der politischen Abhängigkeit von der Sowjetunion. So lehnte Finnland 1947 auf Druck der Sowjets die Teilnahme am Marshallplan ab, schreibt Gunther Hauser von der Landesverteidigungsakademie Wien in seinem Buch "Neutralität und Bündnisfreiheit in Europa". Finnlands Präsident Urho Kekkonen habe 1957 sogar ventiliert, wie die beiden Nato-Gründungsmitglieder Dänemark und Norwegen aus dem Bündnis austreten könnten.

Neun Jahre zuvor hatten Finnland und die Sowjetunion einen Freundschaftvertrag geschlossen. Finnlands Preis bestand in der Verpflichtung, seinem Nachbarn bei einem Angriff durch den Westen beizustehen. Gleichzeitig wurde die staatliche Unabhängigkeit gesichert. Jahrhunderte unter Fremdherrschaft prägen Finnlands Geschichte: Im 13. Jahrhundert von Schweden eingenommen, wurde es im 16. Jahrhundert als Großherzogtum angegliedert. 1808 eroberte Russland das Gebiet, gestand dem Großfürstentum Finnland aber Autonomierechte zu.

Sie wurden genutzt. Anders als im repressiven Zarenreich etablierte Finnland 1906 als erstes europäisches Land das aktive und passive Wahlrecht für Frauen. Mehr als ein Jahrhundert später ist Ministerpräsidentin Sanna Marin die jüngste Regierungschefin Europas, 2019 wurde sie als 34-Jährige ins Amt gewählt.

"Sisu" als Klammer

Frauen spielen auch bei der finnischen Wehrhaftigkeit eine Rolle. Sie können sich freiwillig zur Armee melden, für Männer gilt eine einjährige Wehrpflicht - die auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten nie aufgehoben worden ist. Auch wurden die Militärbudgets weniger stark heruntergefahren als in Nato-Ländern wie Deutschland. Sie strichen die "Friedensdividende" ein und erhöhen nun ihre Ausgaben drastisch. Entgegen dem Trend kaufte Finnland 1992 gleich 64 F-18-Kampfjets. Sie werden von 2026 bis 2030 durch ebensoviele F-35-Maschinen ersetzt. Die Order war alles andere als kriegsbedingter Aktionismus, und die Beschaffung der Maschinen wurde drei Monate vor Russlands Einmarsch in der Ukraine beschlossen.

Entschlossenheit, Ausdauer und Beharrlichkeit gelten auch als typisch finnische Werte. Sie werden mit dem Begriff "Sisu" zusammengefasst, der sich nicht wörtlich übersetzen lässt. Das dahinterliegende Konzept gilt als identitätsstiftende Klammer, sei es beim Kampf der nominell klar unterlegenen Armee gegen die Sowjetunion in den 1940ern wie heutzutage beim Nationalsport Eishockey. Bei den Olympischen Spielen in Peking holte das Team Gold - ironischerweise im Finale gegen Russland.

"An Stolz hat es den Finnen zwar kaum je gefehlt aber Ende der Achtzigerjahre sind auch die früher oft zum Ausdruck gekommenen ängstlichen Zweifel am Image und an der Beurteilung der eigenen Position im westlichen Ausland fast verschwunden", notierte der Autor Andreas Doepfner 1989. Seitdem wurde die Westbindung in mehreren Schritten verstärkt, darunter durch die "Partnerschaft für den Frieden" zwischen der Nato und bündnisfreien Staaten und dem EU-Beitritt mit Österreich und Schweden 1995. "Der Kern unserer Neutralität wird fortbestehen", sagte damals Premier Esko Aho. Das gilt künftig nicht, Aho behält aber weiter recht, dass Finnland eine "eigenständige, glaubwürdige Landesverteidigung" hat.