Es ist der größte Test für die politische Stimmung in Deutschland im Jahr 2022: Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen sind am Sonntag rund 13 Millionen Menschen aufgerufen, einen neuen Landtag zu wählen. Dabei treffen klassische politische Konstellationen aufeinander: Derzeit regiert in Düsseldorf unter Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) eine schwarz-gelbe Koalition aus CDU und FDP. SPD-Herausforderer Thomas Kutschaty hat dagegen keinen Zweifel daran gelassen, dass er gerne eine rot-grüne Regierung an Rhein und Ruhr bilden würde.

Die Demoskopen erwarten nach einem Wahlkampf, in dem der Krieg in der Ukraine und die steigenden Energiepreise regionale Themen oft überschatteten, ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Und das Hauptrennen findet zwischen den klassischen Volksparteien statt. Aber laut den letzten beiden Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen und Insa liegt die CDU mal mit 30, mal mit 31 Prozent der Stimmen vorne. Dahinter folgt die SPD mit 28 bis 29 Prozent. Die Grünen können mit 16 bis 18 Prozent der Stimmen rechnen, die FDP mit sieben bis acht Prozent, die AfD mit sieben Prozent. Die Linken scheinen den Einzug in den Landtag auch in Düsseldorf deutlich zu verpassen.

Die Regierungskoalition des 46-jährigen Wüst wird den Erhebungen zufolge jedenfalls keine Mehrheit mehr haben. SPD-Herausforderer Kutschaty hat angekündigt, auch dann eine Koalition schmieden zu wollen, wenn seine Partei nicht stärkste Kraft werden sollte. Künftigen Koalitionären stehen also nach dem Wahltag möglicherweise lange Gespräche und Sondierungen bevor. Die Grünen unter Spitzenkandidatin Mona Neubaur tendieren dabei deutlich zu einem Bündnis mit den Sozialdemokraten - und laut Umfragen könnte es möglicherweise sogar zu einem Zweierbündnis reichen. Vizeministerpräsident Joachim Stamp (FDP) hat sich dagegen gegenüber Reuters zu einer Fortsetzung der Koalition mit der CDU bekannt.

Die Unsicherheit über das Wahlergebnis wird dadurch verstärkt, dass weder Wüst noch Kutschaty bisher eine Landtagswahl gewonnen haben. "Es gibt keinen Amtsinhaber-Bonus wie in den anderen Landtagswahlen", betont deshalb SPD-Co-Chef Lars Klingbeil. Und bei den Persönlichkeitswerten liegen Wüst und Kutschaty relativ nahe beieinander.

Merz kämpft in seinem Heimatland um CDU-Sieg

"Dass Ministerpräsident Wüst nicht deutlich vorne liegt, ist schon eine Überraschung", meint der Politologe Gero Neugebauer. Immerhin hätten seit 2017 - bis auf die Wahl im Saarland - immer die amtierenden Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten ihr Amt verteidigen können. Aber Wüst, der erst Ende Oktober 2021 vom Verkehrsminister zum Nachfolger von Ministerpräsident Armin Laschet aufstieg, hat mit der Mallorca-Affäre der damaligen Umweltministerin Ursula Heinen-Esser zu kämpfen. Heinen-Esser urlaubte nach der Flutkatastrophe auf der Balearen-Insel und musste Anfang April auf seinen Druck hin zurücktreten.

Die Wahl in Nordrhein-Westfalen hat auch bundespolitisch große Bedeutung: Das ergibt sich alleine aus der Größe des Bundeslandes, das verschiedenste Regionen vereint. Diese reichen vom Ruhrpott, dem einstigen Zentrum der deutschen Kohle- und Stahlindustrie, über die Medienmetropole Köln bis hin zum ländlichen Sauerland. Wer hier regiert, hat auch dank des deutschen Föderalismus viel Gestaltungsspielraum.

Darüber hinaus stammen viele Spitzenpolitiker im Bund aus Nordrhein Westfalen. Das trifft auf den FDP-Chef und Finanzminister Christian Lindner ebenso zu wie auf den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz. Der Konservative ist auch viel auf Marktplätzen und in Innenstädten unterwegs und unterstützt Spitzenkandidat Wüst im Wahlkampf. Denn eine CDU-Niederlage in seinem Heimatland würde stark auf Merz abfärben.

Aber auch für die SPD, die gerade erst vergangenes Wochenende in Schleswig-Holstein weit hinter der CDU geblieben war, steht viel auf dem Spiel: Das Bundesland mit den vielen Arbeiterstädten wie Essen oder Bochum war lange fest in roter Hand. Soll nun tatsächlich, wie von Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigt, auf die Merkel-Jahre ein sozialdemokratisches Jahrzehnt folgen, wäre ein Sieg in Nordrhein-Westfalen essenziell.(reuters/klh)