Verlässliche Angaben zur Zahl der im Ukraine-Krieg getöteten russischen Soldaten gibt es bisher nicht. Unabhängige Beobachter gehen jedoch davon aus, dass es inzwischen mehr sind, als die während der Besatzung in Afghanistan in den Jahren 1979 bis 1989 getöteten 15.000 Sowjetsoldaten. Russland gibt sich im Hinblick auf eigene Verluste auffällig zugeknöpft. Am 2. März meldete Moskau 498 getötete russische Soldaten, am 25. März insgesamt 1351. Seither herrscht Schweigen. 

Die ukrainische Regierung gibt die Zahl der getöteten russischen Soldaten mit mehr als 27.000 an. Obwohl dies nach Schätzungen westlicher Experten etwas hochgegriffen ist, gehen auch sie von einem Vielfachen dessen aus, was Russland zugibt.

Das britische Verteidigungsministerium erklärte am Wochenende unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse, Russland habe bereits ein Drittel der für den Ukraine-Krieg bereitgestellten Truppen eingebüßt - das würde den Kampfverlust von rund 50.000 Soldaten durch Tod oder Verletzung bedeuten.

Der russischsprachige Website Mediazona ist es nach eigenen Angaben gelungen, allein über öffentlich zugängliche Quellen den Tod von 2.009 russischen Soldaten bis zum 6. Mai zu bestätigen. Demnach war der größte Teil der Getöteten im Alter zwischen nur 21 und 23 Jahren, 74 der Getöteten waren noch nicht einmal 20.

Ein Blick auf die geografische Herkunft der getöteten Soldaten zeigt, dass die Allermeisten aus dem Süden Russland stammten, vor allem aus dem mehrheitlich muslimischen Nord-Kaukasus sowie aus Zentral-Sibirien. Nur eine Handvoll der Getöteten stammte aus Moskau oder St. Petersburg. Bei der Zahl der bestätigten Todesfälle führt die Kaukasusregion Dagestan mit 135, gefolgt von Burjatien in Sibirien mit 98.

Aufschrei bleibt aus

"Die meisten Soldaten und Offiziere in den Bodentruppen kommen aus den Kleinstädten und Dörfern Russlands", erläutert Kommentator Pawel Lusin von der Nachrichten-Website "Riddle Russia". Dies habe gesellschaftliche Hintergründe: "Die Anforderungen zur Aufnahme in die Bodentruppen sind relativ niedrig, und die besten und gebildetsten Soldaten und zukünftigen Offiziere gehen in andere Bereiche der Armee wie etwa die Luftwaffe, die Marine oder die strategischen Raketen-Streitkräfte."

In Dagestan, einer der ärmsten Regionen Russlands, sind die Lokalmedien und Telegram-Kanale voll von Bildern trauernder Angehöriger, die Beileidsbekundungen von Staatsbeamten entgegennehmen. So veröffentlichte etwa der Verwaltungschef des Bezirks Buinakski, Kamil Isijew, Anfang Mai ein Video auf Telegram, das ihm beim Überreichen von Medaillen an die Witwen von fünf getöteten Soldaten zeigt.

"Ihr müsst als Mütter von Kindern weiterleben, deren Väter heldenhaft ihr Leben gaben", sagt Isijew darin. "Liebe Angehörige, ich bitte euch daran zu denken, dass ein Mensch so lange lebt, wie man sich an ihn erinnert. Also lasst uns an diese Jungs erinnern."

Der allererste russische Soldat, dessen Tod von Moskau offiziell bestätigt wurde, war der junge Nurmagomed Gadsimagomedow aus Dagestan. Posthum wurde er von Präsident Wladimir Putin am 4. März mit einer Helden-Medaille ausgezeichnet. Er sei "stolz, Teil dieses mächtigen, starken und multinationalen russischen Volkes zu sein", betonte Putin bei der Gelegenheit.

Die drakonische Zensur, derzufolge der Angriffskrieg gegen die Ukraine in Russland nur als "militärischer Spezialeinsatz" bezeichnet werden darf, führt dazu, dass ein Aufschrei angesichts der Zahl der getöteten Soldaten bisher ausbleibt. Doch das bedeute nicht, dass sich in der russischen Provinz und in den besonders betroffenen Regionen auch in Zukunft kein Protest regen wird, sagt Kommentator Lusin. "Nur wird es kein offener Widerstand sein, sondern ein versteckter - sie werden anfangen, sich der Einberufung zum Militärdienst zu entziehen."