In der Ostukraine verstärkte Russland am Mittwoch seine Angriffe. Nach Angaben des Präsidialamts in Kiew startete das russische Militär eine Offensive auf Sjewjerodonezk. Die Stadt stehe unter anhaltendem Artilleriebeschuss. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock warnte vor einem Nachlassen der Sanktionen gegen Russland wegen Kriegsmüdigkeit in den westlichen Staaten. Laut russischem Außenministerium laufe der Hafen der zerstörten Stadt Mariupol im "Normalbetrieb".

Der Gouverneur der Region Luhansk Serhyj Gayday sagte, bei den Angriffen seien sechs Menschen getötet worden. Mindestens acht weitere hätten Verletzungen erlitten, die meisten in der Nähe von Bunkern. Reuters konnte die Angaben zu den Kämpfen zunächst nicht verifizieren. Die Stadt Sjewjerodonezk am Ostufer des Flusses Siwerskyj Donez und ihre Zwillingsstadt Lyssytschansk am Westufer stehen derzeit besonders im russischen Fokus. Das russische Militär rückte von drei Seiten auf die beiden Städte vor und versucht, sie einzukreisen. Vor dem Krieg hatten die beiden Städte zusammen rund 200.000 Einwohner.

Bahnhöfe und Fabriken im Visier

Die russischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben bei den schweren Luftangriffen in der Nacht auch ein ukrainisches Motorenwerk und mehrere Bahnhöfe attackiert. "Mit luft- und seegestützten Hochpräzisionsraketen wurden die Produktionshallen der Fabrik Motor Sitsch zerstört, die Flugmotoren für die ukrainischen Streitkräfte baut, darunter auch für unbemannte Drohnen", sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Mittwoch. Seinen Angaben zufolge wurde auch der Bahnhof der städtischen Siedlung Pokrowske im Gebiet Dnipropetrowsk von Raketen getroffen. Ziel hier sei ein Truppentransport von Reservisten gewesen, die auf dem Weg in die Donbass-Region waren.

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock warnte indes vor einer "Kriegsmüdigkeit" in den westlichen Staaten. "Wir haben einen Moment der Fatigue erreicht", sagte Baerbock u.a. im norwegischen Kristiansand nach Abschluss des Ostseerats. Dennoch müssten die Sanktionen gegen Russland und die Hilfen für die Ukraine aufrechterhalten bleiben.

Russland: Mariupol im "Normalbetrieb"

Der Hafen der von Russland nach dreimonatiger Belagerung eingenommenen Stadt Mariupol laufe dem russischen Vize-Außenminister Andrej Rudenko zufolge im "Normalbetrieb". Russland sei in Kontakt mit den Vereinten Nationen und internationale Gespräche über eine Freigabe der ukrainischen Häfen seien nicht ausgeschlossen, ergänzte Rudenko. Voraussetzung dafür sei, dass einige der Sanktionen gegen sein Land aufgehoben würden. Zudem müsse die Ukraine die Häfen von Minen befreien, in denen derzeit die Schiffe vor Anker lägen, sagte Rudenko. Die beiden Kriegsparteien werfen sich gegenseitig vor, Seeminen im Schwarzen Meer auszubringen. Das beeinträchtigt etwa ukrainische Getreidelieferungen für den Weltmarkt. Nach einem Bericht der russischen Agentur Interfax sei Moskau bereit, Frachtschiffe mit Nahrungsmitteln aus der Ukraine ausfahren zu lassen. Dazu könne ein humanitärer Korridor etabliert werden, zitierte die Agentur den russischen Vize-Außenminister Andrej Rudenko. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte Russland vorgeworfen, Lebensmittel als Waffe mit weltweiten Auswirkungen zu missbrauchen.

Selenskyj: Gespräch mit Putin

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj pochte erneut auf ein direktes Gespräch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin. Beratungen über Vermittler lehnt er in einer Video-Ansprache vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos erneut ab. Wenn Putin die Realität begreife, dann bestehe die Chance, einen diplomatischen Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Die Führung in Moskau solle ihre Truppen zu den Linien vor Beginn ihrer Invasion der Ukraine am 24. Februar zurückziehen, forderte Selenskyj. "Das könnte ein erster Schritt in Richtung Gespräche sein." Die Ukraine werde kämpfen, bis sie ihr gesamtes Territorium zurückgewonnen habe. "Ich kann nur mit dem Präsidenten direkt sprechen, keine Mittelspersonen, keine Vermittler", sagte Selenskyj. Dafür müsse Putin seine Blase verlassen. Derzeit verhandle Russland nicht ernsthaft.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba rief zu einem kompletten Stopp des westlichen Handels mit Russland auf. Die Sanktionen müssten auf ein nächstes Level gebracht werden. "Die Welt sollte aufhören, russische Waren und Dienstleistungen zu kaufen und mit Russland zu handeln", sagte er. Andernfalls werde das Geld helfen, "die russische Maschinerie der Kriegsverbrechen" aufrechtzuerhalten. EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola kritisierte, manche Länder nutzten noch immer Schlupflöcher in den Sanktionen gegen Russland. Das dürfe nicht passieren. Sie plädierte zudem dafür, die Ukraine als Kandidat für eine Mitgliedschaft in der EU zu betrachten.

Russlands Informationspolitik

Russlands Präsident Vladimir Putin besuchte am Mittwoch in einem Moskauer Krankenhaus erstmals seit Ende Februar wieder Soldaten, die im Krieg gegen die Ukraine verwundet wurden. Kremlsprecher Dmitri Peskow wies am Mittwoch laut Nachrichtenagentur Interfax Spekulationen zurück, dass bei dem Besuch eine neue Strategie für die Kämpfe in der Ukraine verkündet werden solle. Die russische Seite gibt äußerst spärliche Informationen zu den Toten und Verwundeten auf eigener Seite. Zuletzt hatte das Verteidigungsministerium Ende März Zahlen veröffentlicht. Demnach sind in der Ukraine 1.351 russische Soldaten getötet und 3.825 verwundet worden. Kiew hingegen gibt die Zahl der getöteten Russen mit fast 30.000 an. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden. (apa, reuters, dpa)