Auch in den schlimmsten Momenten habe er nie den Glauben verloren, sagt Leonid. Weder den an Gott noch den an sich selbst. Schon kurz nach seiner Festnahme habe er eine Vision gehabt, dass am Ende alles gut ausgehen würde. Alles nur eine Frage der Zeit. Wirklich? In all den Tagen, Wochen und Monaten hat er nie daran gezweifelt, dass sein Martyrium irgendwann ein Ende haben würde? "Okay, einmal vielleicht", sagt Leonid. "Kurz vor dem Austausch, als einer der Soldaten im Gefängnis in Belgorod gesagt hat: ,Ihr glaubt wirklich, dass ihr ausgetauscht werdet? Hahaha, täuscht euch da mal nicht. Wir haben genug Bäume für euch in Sibirien herumstehen, die gefällt werden müssen!‘ In dem Moment habe ich gedacht, dass er das ernst meinen könnte."

Bis bei dem 64-Jährigen die Gewissheit einsetzte, dass er das Schlimmste hinter sich hat, dauerte es tatsächlich noch ein paar Tage. "Ich kenne die Gegend um Cherson gut, weil ich dort oft beruflich unterwegs war. Wir waren in einem Transportlaster eingepfercht, knapp zwei Dutzend Leute. Aber ab und zu habe ich einen Blick nach draußen erhascht und da wusste ich sofort, wo wir waren." Der Austausch selbst, der einen Tag später auf russisch besetztem Boden nahe der Stadt Saporischschja erfolgte, sei dann reibungslos verlaufen. "Sie luden uns an der engsten Stelle des Flusses aus. Wir mussten nur über ein paar Steine hüpfen, um wieder auf ukrainischem Gebiet zu sein. Ein SBU-Mann (ein Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes der Ukraine, Anm.) ist auf die russische Seite herüberspaziert, hat uns identifiziert und dann mitgenommen." Leonids erster Anruf galt seiner Frau Vera. Wenn sich die 63-Jährige, mit der der Priester zwei erwachsene Töchter und einen Sohn großgezogen hat und mit der er jetzt für ihren minderjährigen Adoptivsohn sorgt, an den Moment erinnert, an dem sie nach Monaten ohne Kontakt seine Stimme wieder hörte, werden ihre Augen feucht: "Was soll ich sagen. Ich war einfach nur glücklich."

Vorgeführte Gefangene

Wenn Leonid und Vera Bolgarow heute in der Küche ihres bescheidenen Eigenheims sitzen und von dem erzählen, was sie in der Zeit seiner Gefangenschaft durchgemacht haben, überrascht vor allem eines: wie gefasst sie sind. Angesichts dessen, was Leonid, der in Odessa einer kleinen protestantischen Gemeinde vorsteht und ab und zu als Seelsorger beim Militär aushilft, durchgemacht hat, nichts weniger als ein kleines Wunder. Dabei hatte alles relativ harmlos begonnen. Am Anfang stand eine Rettungsmission, die ihren Teilnehmern zwar heikel, aber, weil von humanitärer Natur, nicht übertrieben gefährlich erschien. Was sie nicht wussten, war, dass sie in eine Odyssee zwischen zwei Ländern im Krieg münden würde; eine, die sie bis an die Grenzen der psychischen und körperlichen Belastbarkeit und manche von ihnen darüber hinaus bringen würde. Am 24. Februar setzte Russlands Staatschef Wladimir Putin seine Truppen in Bewegung, um die von einem jüdischen Präsidenten regierte Ukraine von "Nazis" zu befreien. Das erste Ziel der Seestreitkräfte des Kreml bildete die 35 Kilometer vor der Küste liegende Schlangeninsel. Als die Kapitäne der Kriegsschiffe "Vasily Bykov" und "Moskwa" die 13 auf dem Eiland stationierten Grenzschützer per Funk aufriefen, sich kampflos zu ergeben, ahnten sie nicht, dass die Antwort, die sie bekamen, binnen Stunden zum Schlachtruf aller ukrainischen Verteidiger werden würde, der bis heute nicht verhallt: "Russisches Kriegsschiff, fick Dich!"

Als Leonid und seine Gefährten Oleksandr Chokow und Vasiliy Verozub, beide ebenfalls Geistliche, sowie der Arzt Ivan Tarasenko und die vierköpfige Schiffscrew einen Tag später auf dem Transportschiff "Sapphire" von Odessa ablegen, wollen sie nur eins: ihren Auftrag erfüllen, die Leichen der tot geglaubten Grenzschützer der Schlangeninsel nach Hause zu bringen. Ein Ziel, das sie nie erreichen werden. Noch bevor die "Sapphire" anlegt, werden ihre Passagiere von einem russischen Kanonenboot festgesetzt. "Der Kommandeur hat uns gesagt, dass die Grenzschützer nicht tot, sondern in Gefangenschaft sind. Ich wusste nicht, ob das stimmte, aber es hat sich am Ende als wahr herausgestellt." Wenige Stunden später laufen Leonid und seine Kollegen, mittlerweile in Handschellen, im Hafen von Sewastopol ein, der größten Stadt der seit 2014 von Russland besetzten Krim. Empfangen werden sie von einem Blitzlichtgewitter. Die Vertreter der staatlich gelenkten Medien, denen die Ankunft vermeintlicher ukrainischer Saboteure angekündigt wurde, tun, wofür sie bezahlt werden. Minuten später finden sich Leonid und Co. in einer schmutzigen Gefängniszelle wieder, in der sie, eingepfercht auf engstem Raum, die nächsten Tage verbringen werden. Herausgeholt werden sie nur für Verhöre durch Leute, deren Autorität nicht immer klar ist, von denen die meisten aber für den russischen Geheimdienst FSB arbeiten dürften.

Die Schlangeninsel ist seit Kriegsbeginn umkämpft. Leonid und seine Gefährten sollten hier die tot geglaubten Grenzschützer bergen. 
- © reuters / Maxar Technologies

Die Schlangeninsel ist seit Kriegsbeginn umkämpft. Leonid und seine Gefährten sollten hier die tot geglaubten Grenzschützer bergen.

- © reuters / Maxar Technologies

Pausenlose Psycho-Spiele

"Nachdem unsere Mission keine militärische war - die dachten zu Beginn, dass wir die Insel in die Luft sprengen wollten -, war die Sache eigentlich klar. Aber um das ging es denen gar nicht. Sie haben uns gezwungen, ihnen die Codes für unsere Smartphones zu geben. Auf den Fotos von mir und Vasily haben sie dann gesehen, dass wir als Seelsorger im Donbass gearbeitet haben. Das hat sie natürlich angespitzt," erzählt Leonid. Körperlich gefoltert worden sei er nicht - ein Schicksal, das Vasily nicht erspart bleiben wird -, aber sonst hätten seine Peiniger jedes Mittel eingesetzt. "Sie geben dir keine Sekunde Ruhe. Immer die gleichen Fragen, mal laut, mal leise. Es war psychische Folter." Guter-Bulle-Böser-Bulle-Routine inklusive: "Ganz am Ende habe ich mich mit einem jungen FSB-Offizier unterhalten. Der meinte, dass er mich schon verstehe und dass ich nicht glauben soll, dass Putin ewig leben wird."

Kurz nach Ende des Verhörs werden Leonid und seine Mitgefangenen kommentarlos in ein Transportflugzeug verfrachtet und an einen unbekannten Ort geflogen. Nach der Ankunft wird ihnen klar, dass sie in Kursk gelandet sind, einer russischen Provinzstadt, die dreieinhalb Stunden nördlich der umkämpften ukrainischen Millionenstadt Charkiw liegt. "Sie haben uns um drei Uhr morgens in ein Lager außerhalb der Stadt gebracht. Nichts außer ein paar ungeheizte Baracken, bei Temperaturen unter null. Wir hatten keine warme Kleidung, aber das war ihnen egal. Meine Knie sind dort buchstäblich eingefroren."

Im Lager befinden sich laut Leonid zahlreiche andere Zivilisten. "Es gab Leute, die erzählt haben, wie sie buchstäblich von der Straße weg entführt wurden, während sie spazieren gingen oder ihren Hund ausführten. Junge Männer, alte Frauen: Die Russen haben keinen Unterschied gemacht, wen sie aller aus der Ukraine kidnappen." Zeit, um Genaueres zu erfahren, bleibt ihm nicht. Drei Tage nach seiner Ankunft im Lager werden er und seine Kollegen in ein Gefängnis in Belgorod verfrachtet. "Zu dem Zeitpunkt habe ich schon geahnt, dass unsere Chancen gut stehen, ausgetauscht zu werden. In den kommenden Wochen haben sie uns trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, nochmal durch die Hölle geschickt." Nicht nur, dass sich die Gefangenen wieder eine Mini-Zelle teilen müssen. Zusätzlich wird dort per Videokamera jede ihrer Bewegungen rund um die Uhr überwacht. Das Schlimmste sei laut Leonid aber der tägliche Hofrundgang gewesen. "Die Soldaten, die uns zugeteilt waren, hatten einen scharfen Schäferhund, mit dem sie uns täglich traktiert haben. Einfach nur so, aus Spaß. Und dann haben sie irgendwann begonnen, jeden Morgen die russische Hymne zu spielen und uns gezwungen, dabei stramm zu stehen. Als sie gesehen haben, wie sich Vasily währenddessen bekreuzigt hat, haben sie ihn in Einzelhaft gesteckt und schwer gefoltert. Als ich dort weg bin, haben sie ihn dabehalten. Er sah furchtbar aus." Vasiliy Verozub, mittlerweile ebenfalls nach Odessa heimgekehrt, will über seine Erfahrung derzeit nicht sprechen.

Wieder ein Mensch

Mitte April werden Leonid und seine übrigen Gefährten in ein Transportflugzeug gesteckt und zurück auf die Krim gebracht. Auch wenn ihnen ihre Bewacher noch immer jede Auskunft verweigern, hat sich bei den Gefangenen mittlerweile die Hoffnung verfestigt, dass ein Austausch unmittelbar bevorsteht. "Wie gesagt, richtig Angst habe ich nur bekommen, als einer die Bemerkung mit den sibirischen Wäldern gemacht hat. In der russischen Geschichte sind dort Millionen Leute für immer verschwunden. Warum nicht auch wir? Aber als wir zurück aufs ukrainische Festland gebracht wurden und ich die Gegend wieder erkannt habe, wusste ich, dass ich leben würde." Was Leonid als Erstes durch den Kopf ging, als er das sichere Ufer erreicht hatte? "Ich begann, mich wieder wie ein Mensch zu fühlen. In Russland ist man keiner."