Die englischen Buchmacher sahen ihn sofort als Favoriten für die Nachfolge von Boris Johnson: Doch Verteidigungsminister Ben Wallace machte ihnen einen Strich durch die Regierung. Der auch in Umfragen derzeit populäre Politiker gab Samstagmittag überraschend bekannt, dass er nicht für den Parteivorsitz der konservativen Tories kandidieren werde: "Es war keine leichte Entscheidung", sagte er. "Aber ich möchte mich auf meinen jetzigen Job konzentrieren, und darauf, dass dieses großartige Land sicher bleibt."  

Die meisten anderen potenziellen Nachfolgekandidaten geben sich indes noch bedeckt. Sein Interesse offiziell bekannt gegeben hat aber bereits Rishi Sunak, den die Wettbüros nach dem Wallace-Rückzieher nun auch als Favoriten sehen. Er wolle ein seriöser Kandidat für ernste Zeiten sein, sagte er.

Der 41-Jährige diente unter Johnson als Finanzminister. Und obwohl er wie Johnson ein leidenschaftlicher Brexiteer ist, hat er sich früher als andere vom Premier distanziert. Der Sohn indischer Einwanderer wurde während der Pandemie wegen seiner Milliardenhilfen für Kurzarbeitsprogramme gelobt. In den Umfragen hat der einstige Investmentbanker, dessen Frau eine steinreiche Unternehmerin ist, noch immer gute Werte, allerdings sanken diese, als bekannt wurde, dass auch Sunak an einer der berüchtigten Partys während des Lockdowns in der Downing Street teilnahm.

Mordaunt wird plötzlich genannt

Galt Sunak lange als Favorit für die Johnson-Nachfolge, wurde Penny Mordaunt in den vergangenen Jahren überhaupt nicht genannt. Doch plötzlich ist ihr Name in aller Munde und bei den Buchmachern ist die Staatssekretärin für Handelspolitik bereits Nummer zwei.

Penny Mordaunt wird plötzlich zum Favoritenkreis gezählt. 
- © AFP / Isabel Infantes

Penny Mordaunt wird plötzlich zum Favoritenkreis gezählt.

- © AFP / Isabel Infantes

Mordaunt, die als erste Frau Verteidigungsministerin und von Anfang an Brexit-Befürworterin war, wird nämlich zugetraut, die in vielen Punkten zerstrittene Partei wieder stärker zu einen. Ihr wird nachgesagt, dass sie Kompromisse schmieden kann.

Auch viele andere Namen wie Außenministerin Liz Truss oder Ex-Gesundheitsminister Sajid Javid fallen. Offiziell in den Ring gestiegen sind bereits Generalstaatsanwältin Suella Braverman, die lange als Johnson-Verbündete galt, der Chef des Auswärtigen Ausschusses, Tom Tugendhat, sowie die bisherige Gleichstellungs-Staatssekretärin Kemi Badenoch. Die Kandidatenrunde erweiterten noch Verkehrsminister Grant Shapps und Finanzminister Nadhim Zahawi. Mit Sunak zählte der Kreis am Samstag sechs Personen.

Üblicherweise erklären Bewerber zunächst ihre Kandidatur. Bei mehreren Abstimmungsrunden der Tory-Abgeordneten im Parlament scheidet jeweils der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus. Somit wird der Kreis immer kleiner, bis am Ende zwei Namen übrig bleiben. Per Briefwahl entscheiden dann die Parteimitglieder, wer von diesen beiden die Partei führen soll. Diese Person wird dann auch Premierminister.

Das soll möglichst zügig geschehen. Spätestens am 20. Juli sollen die zwei Kandidaten, zwischen denen dann eine Stichwahl stattfindet, feststehen, gaben die Tories am Samstag bekannt.

Fraglich ist aber, ob, wer auch das Rennen macht, direkt Johnson oder einem Interimspremier nachfolgt. Am Freitag wurden die Rufe lauter, dass Johnson zurücktreten soll, bevor die Tories seine Nachfolge geklärt haben. Er habe zu viel Vertrauen verspielt und könne nicht mehr für Stabilität sorgen, meinen selbst Parteikollegen. (klh/apa/reuters)