Zahlreiche Schwergewichte der britischen Konservativen wollen den gestürzten Premierminister Boris Johnson beerben. Verkehrsminister Grant Shapps, Finanzminister Nadhim Zahawi, Ex-Außenminister Jeremy Hunt und Ex-Gesundheitsminister Sajid Javid stiegen am Samstag in den Ring, nachdem das zuständige Komitee ein zügiges Verfahren angekündigt hatte. Am Sonntag kündigte dann auch Handelsministerin Penny Mordaunt ihre Kandidatur an. 

Bis 20. Juli sollten die zwei Kandidaten für die Urabstimmung feststehen, sagte Geoffrey Clifton-Brown, Mitglied des zuständigen 1922-Komitees, am Samstag bei Times Radio. Die genauen Regeln und der Zeitplan werden nächste Woche festgelegt.

Keine Empfehlung von Wallace

Verteidigungsminister Ben Wallace teilte indes mit, nicht antreten zu wollen. Der zuvor als Favorit gehandelte Wallace sagte am Samstag, er habe "nach umsichtiger Überlegung und Diskussion mit Kollegen und Familie" entschieden, sich nicht am Bewerbungsprozess zu beteiligen. "Es war keine einfache Wahl, aber mein Fokus liegt auf meinem aktuellen Job und dieses großartige Land sicherzuhalten." Eine Empfehlung sprach der Minister nicht aus. Er hoffe, die Partei konzentriere sich nun auf wichtige politische Fragen.

Premier Johnson hatte am Donnerstag seinen Rückzug angekündigt. Er will aber noch im Amt bleiben, bis ein Nachfolger gekürt ist. Die Zeitung "The Telegraph" berichtete, der neue Partei- und Regierungschef solle am 5. September feststehen. Bisher haben sechs Abgeordnete ihre Bewerbung angekündigt. Nachdem sich Ex-Finanzminister Rishi Sunak am Freitag als erstes Schwergewicht erklärte, warfen am Samstag auch Verkehrsminister Shapps und Finanzminister Zahawi ihren Hut in den Ring. Wenige Stunden später kamen dann auch noch Hunt und Javid hinzu, wie die Zeitung "Telegraph" berichtete. Die Zeitung "Mail on Sunday" berichtete, am Montag werde auch Außenministerin Liz Truss ihre Kandidatur bekannt geben.

Die weiteren bisherigen Kandidaten sind Staatssekretärin Kemi Badenoch, Generalstaatsanwältin Suella Braverman und der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, Tom Tugendhat. Ihnen werden aber kaum Chancen gegeben. Hunt und Javid hatten sich bereits bei der letzten Vorsitzendenwahl im Jahr 2019 beworben. Der damalige Außenminister Hunt schaffte es damals als Kompromisskandidat der Johnson-Kritiker ins Finale. In der Basisabstimmung unterlag er dem späteren Premier aber klar.

Üblicherweise erklären Bewerber zunächst ihre Kandidatur. Bei mehreren Abstimmungsrunden der Tory-Abgeordneten im Parlament scheidet jeweils der Kandidat mit den wenigsten Stimmen aus. Somit wird der Kreis immer kleiner, bis am Ende zwei Namen übrig bleiben. Per Briefwahl entscheiden dann die Parteimitglieder, wer von diesen beiden die Partei führen soll. Diese Person wird dann auch Premierminister.

Je nachdem, wie lang die Liste ist, kann der Prozess langwierig sein, zumal die Abstimmungsrunden traditionell nur dienstags und donnerstags stattfinden. Das Komitee strebe an, die Liste bis zum Beginn der sechswöchigen Parlamentspause am 21. Juli auf die zwei erforderlichen Kandidaten einzugrenzen, sagte Clifton-Brown. Vor drei Jahren hatten sich sechs Tory-Abgeordnete um den Chefposten beworben.

Mit Sunak und Javid bewerben sich nun jene beiden Minister, die am Dienstag mit ihren fast zeitgleichen Rücktritten maßgeblich zum Sturz Johnsons beigetragen hatten. Die Demissionen lösten nämlich eine Welle von weiteren Abgängen aus und machten klar, dass Johnson innerhalb der Partei keinen mehrheitlichen Rückhalt mehr hat. Am Donnerstag fügte sich der Regierungschef und erklärte seinen Rücktritt als Parteiführer, womit er das Rennen um seine Nachfolge als Premier eröffnete. (apa/dpa/reuters)